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Was Anders Breivik mit Adolf Eichmann zu tun hat: Unmenschliches Understatement

Was Anders Breivik mit Adolf Eichmann zu tun hat  

Unmenschliches Understatement

03.08.2011, 13:04 Uhr | Ein Kommentar von Stefan Gärtner

Was Anders Breivik mit Adolf Eichmann zu tun hat: Unmenschliches Understatement. Was Adolf Eichmann mit Anders Breivik zu tun hat (Foto: dpa)

Was Adolf Eichmann mit Anders Breivik zu tun hat (Foto: dpa)

Ich bin ja nun der letzte, der glaubt, Kinder müssten bis spätestens zur Einschulung alle Weltsprachen akzentfrei beherrschen ("akzentfrei" ist, nebenbei, auch so ein Fetisch, der als Bildung verkauft, was doch bloß Zurichtung zur globalen, auf die auch sprachliche Identität des Individuums ab ovo keine Rücksicht mehr nehmenden Gebrauchsfertigkeit ist); aber Norwegisch tät ich grad schon gerne können. Um nämlich zu erfahren, was es mit den "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" auf sich hat, derentwegen der Massenmörder und selbsternannte anti-islamische Tempelritter Breivik vor Gericht kommen soll.

Kavaliersdelikte gegen die Menschlichkeit

Geschichtsstunde: "Crimes against humanity" ist ein Straftatbestand, der aus Anlass der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse geschaffen wurde und in Deutschland zu "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" wurde – statt, wie es der Idee, das Beispiellose des Zivilisationsbruchs auf einen Begriff zu bringen, eher entsprochen hätte, zu "Verbrechen gegen die Menschheit". Sehr viele haben sich, Überraschung, daran nicht gestört; unter denen, die es doch taten, ist Hannah Arendt, in ihrem berühmten Buch "Eichmann in Jerusalem", sicher die prominenteste: "Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat [...] die 'Verbrechen gegen die Menschheit' als 'unmenschliche Handlungen' definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' geworden sind; als hätten es die Nazis lediglich an 'Menschlichkeit' fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts." Welches in Deutschland, aus den üblichen Gründen, nach wie vor gang und gäbe ist; und bestünde Hermann L. Gremliza nicht seit Jahr und Tag auf der fürs Vaterland ungünstigeren Übersetzung, es scherte sich auch weiter keiner drum.

Und nun also die "Killer-Bestie" ("Bild") von Oslo. Für gewöhnlichen Terrorismus (wie für Mord überhaupt) kommt man in Norwegen höchstens 21 Jahre ins Gefängnis, will man großzügiger verurteilen, kommen, neben dem Hilfsvehikel der sogenannten "Verwahrung", nur die (von den deutschen Medien überlieferten) "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" in Frage. Es ist ja ein alter Satz, dass die Tötung eines einzelnen ein Verbrechen, die einer Million eine Statistik ist, weswegen es sich anbieten mag, angesichts der vergleichsweise fassbaren Zahl von zur Zeit 76 Toten zu fragen, was es heißt, wenn hier ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt; warum man angesichts der so mannigfachen wie mannigfaltigen Unmenschlichkeiten, die die Welt beherrschen und die im asiatischen Sweatshop anfangen und beim deutschen Obdachlosen noch lange nicht aufhören, sich auf ein vages, einen rechtsextremen Massenmord um sein Konkretes bringendes Rubrum wie "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" überhaupt einlassen soll. Denn wenn ein Massaker wie das norwegische ein Verbrechen gegen das Menschliche ist, dann sind Sweatshop und Obdachlosigkeit – was? Keine Verbrechen mehr? Eine Unbill? Kavaliersdelikte gegen die Menschlichkeit, nicht schön, aber es gibt Schlimmeres? Und was bedeutet es, wenn 76 Tote hie und 50 Millionen da zu Opfern einer semantisch ins Wesensverwandte gedrückten Untat werden, beide begangen von irren Einzelgängern mit Welterlösungsphantasien?

Genauigkeit, bitte

Ich kann, wie gesagt, kein Norwegisch; aber die dauernde deutsche Rede vom Verbrechen gegen die Menschlichkeit scheint mir doch etwas absichtsvoll schleierhaft. Dass "humanity" eine Doppelbedeutung hat, dafür kann das Englische nichts; dem Deutschen stünde es dagegen sehr gut an, sich hier der Genauigkeit zu befleißigen, auf die es doch sonst so stolz ist.

Stefan Gärtner ist Jahrgang 1973, studierte Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York und war von 1999 bis 2009 Redakteur beim endgültigen Satiremagazin "Titanic". Gärtner schreibt neben dem monatlichen Politessay fürs Hausblatt offizielle Biographien über Bundesaußenminister (“Guido außer Rand und Band”, mit Oliver Nagel), sprachkritische Lowseller (“Man schreibt deutsh”) und manchmal Witze fürs Fernsehen.

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