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Kommentar zur Hungersnot in Afrika: Kapitalistische Landnahme zurückdrängen

Kampf gegen den Hunger ist ein Kampf gegen den Kapitalismus

22.08.2011, 13:00 Uhr | Sabine Leidig, "The European"

Kommentar zur Hungersnot in Afrika: Kapitalistische Landnahme zurückdrängen. Der Kampf gegen den Hunger ist ein Kampf gegen den Kapitalismus (Foto: DFID) (Quelle: t-online)

Der Kampf gegen den Hunger ist ein Kampf gegen den Kapitalismus (Foto: DFID) (Quelle: t-online)

Selbstverständlich müssen wir, die Reichen dieser Welt, den Hungernden und anderen Menschen in Not helfen – damit der Humanismus nicht untergeht, aus historischer Verantwortung für die Spätfolgen der Ausplünderung der Kolonien und weil die industrialisierte Lebensweise des Nordens natürliche Lebensgrundlagen im Süden zerstört.

Genauso notwendig ist es aber, dass die Ausrichtung der Weltwirtschaft radikal verändert wird. Im Kern geht es darum, die kapitalistische Landnahme zurückzudrängen.

Zumindest Land, Wald und Wasser müssen als Gemeingüter geschützt werden vor dem Zugriff privater Investoren. Stattdessen braucht es unterstützende Rahmenbedingungen für Formen solidarischer, nachhaltiger Ökonomie. Statt wie bisher das Recht der (Nahrungsmittel-)Konzerne auf „Freihandel“ zu schützen, wie es die WTO tut, muss das Konzept der Ernährungssouveränität Grundlage von internationalen Abkommen werden. Das Menschenrecht auf Nahrung müsste einklagbar sein, nicht aber der ungehinderte Marktzugang.

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Längst überfällig ist die Beschränkung, Regulierung und Kontrolle der Finanzmärkte. Auch die Verstaatlichung systemrelevanter Banken, weil die nicht nur die jeweils eigene Regierung, bzw. die BürgerInnen, in „Geiselhaft“ nehmen können, sondern weltweit als Trendsetter wirken. Die Deutsche Bank wirbt für ihren Agriculture-Euro-Fonds. Finanzinvestoren halten Ackerland für profitabler als Gold. Allein auf dem afrikanischen Kontinent sind in den vergangenen sechs Jahren 50 Millionen Hektar in ausländischen Besitz gelangt – vor allem für die Produktion von Biosprit. Hunderttausende Kleinbauern und ihre Familien verloren so ihre Heimat. „Land Grabbing“ heißt der rücksichtslose Ausverkauf, der von der Weltbank mit billigen Krediten unterstützt wird. Das Mindeste wäre, Finanzhilfen daran zu knüpfen, dass keine Lebensmittel aus Ländern exportiert werden, in denen Hunger herrscht.

Das Elend wächst überall

Aber nichts dergleichen fordern die maßgeblichen Geberländer. Im Gegenteil: Die jüngste Rohstoffstrategie der Europäischen Union verfolgt vor allem die Interessen der europäischen Industrie. (Entwicklungs-)Länder werden genötigt, Exportsteuern für Rohstoffe abzuschaffen und sich ausländischen Direktinvestitionen zu öffnen. Dabei ist längst offensichtlich, dass das herrschende kapitalistische Akkumulations- und Konsum-System nicht nur die ökologischen Grundlagen unseres Lebens zerstört, sondern auch kein besseres Leben für die Mehrzahl der ErdenbürgerInnen bringt.

Selbst in Europa oder den USA wächst das Elend. Während große private Vermögen steigen, versinken die öffentlichen Haushalte in Schulden. Wenn aber transnationale Unternehmen gesetzlich verpflichtet wären, überall soziale, politische, wirtschaftliche (und ökologische) Menschenrechte zu realisieren, hätten die Arbeiter der Unilever-Teefabrik in Pakistan armutsfeste Einkommen, kein indischer Kleinbauer müsste vor Monsanto weichen, Shell würde das Land der Ogoni von der Öl-Verseuchung befreien, kein Anlageninvestor dürfte Äcker in Äthiopien kaufen und bei Starbucks hätten die Beschäftigten einen Betriebsrat.

Ja, die hungernden Menschen brauchen jetzt sofort humanitäre Hilfe. Doch der Kampf gegen den Hunger braucht mehr: mehr Widerständigkeit gegen Marktradikale, mehr Engagement für Verteilungsgerechtigkeit, für einen grundlegenden sozial-ökologischen Umbau unserer Ökonomien, damit die Gier nach den Ressourcen der anderen aufhört, und für eine (Welt-)Wirtschaft, die dem guten Leben dient und nicht dem Profit.

Die gebürtige Heidelbergerin Sabine Leidig arbeitete zunächst als Biologielaborantin im Deutschen Krebsforschungszentrum und engagierte sich in Personalvertretung, Gewerkschaft und Friedensbewegung. Von 1992 bis 2002 war sie hauptamtlich beim DGB Baden-Württemberg. Von da wechselte sie als Geschäftsführerin ins Bundesbüro von Attac. 2009 zog sie als Spitzenkandidatin der Partei "Die Linke" in Hessen in den Bundestag ein. Seither ist verkehrspolitische Sprecherin ihrer Fraktion und Mitglied der Enquête-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”.

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