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Frauenmangel in China und Indien: Sag mir, wo die Mädchen sind

Frauenmangel in China und Indien  

Sag mir, wo die Mädchen sind

08.11.2011, 12:56 Uhr | Kashyap, Ridhi, "The European"

Frauenmangel in China und Indien: Sag mir, wo die Mädchen sind. Asien gehen die Mädchen aus (Foto:  SCA Svenska Cellulosa Aktiebolaget)

Asien gehen die Mädchen aus (Foto: SCA Svenska Cellulosa Aktiebolaget)

Seit den Sechzigerjahren sind die Geburtenraten in großen Teilen Asiens bemerkenswert gesunken. In China ist die Geburtenzahl von sechs auf 1,5 Geburten pro Mutter drastisch gefallen. In einer Kultur, in der Söhne eine hohe soziale und wirtschaftliche Bedeutung haben, führte das Zusammenwirken von Kultur, Technik und dem neuen Druck, die Familiengröße durch die staatliche Ein-Kind-Strategie zu begrenzen, zu unvorhergesehenen, ungünstigen Konsequenzen.

Mädchen, vor allem Zweit- und Drittgeborene, „verschwinden“ in der Gesamtbevölkerung entweder weil sie die ersten Jahre wegen Kindesmordes oder indirekter Vernachlässigung nicht überleben, oder weil sie vor der Geburt entfernt werden, da der Ultraschall eine selektive Abtreibung ermöglicht. Während vorher die Vorliebe für Söhne die Eltern dazu veranlasste, das Kinderkriegen weiter zu verfolgen, bis sie mindestens einen Sohn hatten und somit die Gesamtfolgen für die Bevölkerung gedämpft wurden, verschärfte die Ein-Kind-Politik die Wirkung einer alten kulturellen Präferenz, die in einem zunehmend verzerrten Geschlechterverhältnis endete. Heutzutage zeigen die Zahlen der chinesischen Regierung, dass pro 100 Mädchen 118 Jungen geboren werden, 15 Prozent mehr als die zu erwartende natürliche Basis.

Soziale Instabilität durch Frauenmangel

Auch wenn die Bevölkerungspolitik in Indien die kleine Familie als Standard unterstützt, ohne strenge Geburtenbeschränkungen vorzugeben, gibt es eine ähnliche Geschichte aus dem Nordwesten von Indien. Studien zeigen, dass es oft die Städter und gebildeten Bürger sind, die die meisten Söhne haben, was auf den ausgedehnten Gebrauch der selektiven Abtreibung hinweist, die zwar illegal, aber weitverbreitet ist. Frühe Formen der Vernachlässigung in Form von ungleichem Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung, die den vorzeitigen Tod verursachen, überwiegen dennoch auf dem Land.

In letzter Zeit hat der Mangel an Frauen zu einem Engpass auf dem Heiratsmarkt geführt und aus Gegenden mit zunehmend verzerrten Geschlechterverhältnissen wurde von Fällen wie illegalem Handel, Entführung und Verkauf von Frauen berichtet. Sozialwissenschaftler warnen vor der erhöhten Gefahr von Gewaltverbrechen und sozialer Instabilität, die aus dem Vorhandensein einer großen und wachsenden Anzahl unverheirateter, junger sozioökonomisch gefährdeter Männer entsteht.

Maßnahmen gegen pränatale Geschlechtsbestimmung

Trotz der abweichenden Bevölkerungspolitiken hat der gemeinsame Schwerpunkt von Indien und China, die Reduzierung der Geburten als Entwicklungsziel, ohne die Ursachen für die Großfamilien zu bekämpfen, schwerwiegende Konsequenzen für Mädchen und Frauen. Söhne fungieren in der Abwesenheit von soliden, institutionalisierten Sozialwesen für die meisten Familien als Möglichkeit für soziale Mobilität und Altersvorsorge, insbesondere für die Armen. Außerdem vermindert die zunehmende Verstädterung alternative Netzwerke wie Großfamilien und Dörfer verstärken die Sohn-Eltern-Versorgungskultur.

Soziale Maßstäbe ändern sich langsam, aber die Politik kann die nötigen Anstupser bieten, die die zugrunde liegenden Konflikte entwirrt, die die Maßstäbe verschärfen. In beiden Ländern hat der demografische Mangel an Frauen das politische Interesse auf sich gezogen, aber der Schwerpunkt liegt auf Strafmaßnahmen, legale Mittel um die pränatale Geschlechtsbestimmung zu verbieten. Diese schmale Annäherung macht weder die Söhne entbehrlich noch wird die Position der Töchter gestärkt; stattdessen macht es die Abtreibung zwingender und beschränkt die Kontrolle der Frauen über ihre Schwangerschaft.

Die Lösung ist keine aggressivere Politik sondern eine Politik, die anerkennt, dass die Geburtenrate in eine komplexe Rechnung aus Erwartungen und Unsicherheiten eingeschlossen ist. Der Notwendigkeit von Menschenrechten, die sich auf Bevölkerungspolitik konzentrieren und die Geschlechtergleichstellung in den Mittelpunkt stellen, ist höher denn je zuvor.

Ridhi Kashyap ist Sozialwissenschaftlerin und leitete 2009/ 2010 umfangreiche Feldstudien zum Thema “Geschlechtsspezifische Fertilität in Indien”, worüber sie anschließend ihre Diplomarbeit schrieb. Ihren Abschluss machte Ridhi Kashyap 2010 an der Harvard Universität und setzte im Jahr darauf ihre Forschung zu den Themen Gender, Entwicklung und Menschenrechte als Forschungsstipendiatin am FXB Center für Gesundheit und Menschenrechte in Harvard fort.

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