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Sparen oder stimulieren: Vom Sinn und Unsinn des Beerensammelns

Kommentar  

Vom Sinn und Unsinn des Beerensammelns

13.06.2012, 14:44 Uhr | Ein Kommentar von Mark T. Fliegauf

Sparen oder stimulieren: Vom Sinn und Unsinn des Beerensammelns. Wirtschaftspolitik: Wer Beeren sammelt, wird trotzdem nass (Quelle: dpa)

Wirtschaftspolitik: Wer Beeren sammelt, wird trotzdem nass (Quelle: dpa)

Es brennen keine Häuser, dafür aber der Verstand. Dies war meine erste Reaktion, als ich jüngst den Artikel einer Kollegin las. Denn für Dagmar Schulze Heuling, die an der FU Berlin lehrt, genügt "ein Blick aus dem Fenster", um den Ruf von Paul Krugman (immerhin Nobelpreisträger) nach einem anti-zyklischen Konjunkturprogramm "als den Unsinn zu entlarven", der er sei: "Denn solange Sie draußen nicht Ihre Nachbarin sehen, die ihr Haus anzündet, weil man durch die sich daraus ergebende Nachfrage so verdammt reich wird, können Sie getrost auf den gesunden Menschenverstand vertrauen."

Wenig verwunderlich, dass sich Frau Schulze Heulings Beitrag auf dem Blog der "Initiative Neue Soziale Markwirtschaft" wiederfindet. Jenem Think Tank, der die Staatsschuldenkrise als Vehikel für sein neo-liberales Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell instrumentalisiert: mehr Markt (inklusive Investitionen), weniger Staat (im Klartext: Sozialleistungen). Und dabei ebenso geflissentlich wie wohlfeil außer Acht lässt, dass die derzeitige Krise - wie uns das Beispiel Spaniens nur allzu deutlich beweist - wesentlich durch den internationalen Finanzmarkt mitverursacht wurde.

Ich wollte Frau Schulze Heuling auf dieser Plattform antworten, um ihre bisweilen haarsträubenden Argumente zu entblößen. Und so hatte ich den rhetorischen Säbel bereits geschliffen, für ein adäquates "oculum pro oculo" (Auge um Auge). Zu verzerrt war ihre Wiedergabe Krugman’scher Positionen, als dass ich ihr die Chance zur Verteidigung geben wollte.

Warum ich trotzdem ein Gespräch mit ihr vereinbarte, weiß ich nicht. Doch es war der Beginn einer Reise, die mich von Oxford über Berlin in die Karibik und nach Griechenland führte. An deren Ende ein wunderbarer Mehrwert stand - auch wenn dieser nicht vom Markt produziert wurde.

Robinson Crusoes Wirtschaftsarithmetik

Denn zu meiner Überraschung antwortete mir eine sanfte und zurückhaltende Stimme am anderen Ende in Berlin, deren Wortwahl so gar nichts mit dem Stil ihres Artikels gemein zu haben wollte. Geduldig erklärte mir Schulze Heuling auch, warum sie ein Stimulusprogramm ablehnt - am Beispiel Robinson Crusoe.

Denn Robinson, gestrandet auf einer einsamen Karibikinsel, könne ja auch nicht einfach Beeren essen, die er zuvor nicht gesammelt hätte. Oder eine Hütte bauen ohne Holz. Und deshalb müsse man erst sparen, um investieren zu können. Gleiches gelte auch für den Staat.

Das macht alles Sinn. Für Robinson auf seiner Insel. Es macht weit weniger Sinn für eine post-kapitalistische Volkswirtschaft. Denn eine solche ist, wie Krugman herausstellt, eben nicht mit einem Haushalt vergleichbar. Wenn ich mich zu Robinson auf die Insel geselle, das meiste Holz horte und nicht bereit bin etwas davon einzutauschen, kann er Beeren pflücken, wie er will - er wird trotzdem nass, sobald es regnet.

Ähnliches gilt für den erweiterten Wirtschaftskreislauf, in dem Konsumenten, Kapitalsammelstellen (Banken) und Unternehmen Geld horten und somit eine liquidity trap (Liquiditätsfalle) erzeugen, die durch Austerität noch zusätzlich verschärft wird. "Mache die Dinge so einfach wie möglich", hat uns Albert Einstein mit auf den Weg gegeben, "aber nicht einfacher". Er wusste, warum.

Von der Karibik nach Griechenland

Doch noch etwas kam bei unserer Diskussion zum Vorschein. Ja, wir lagen uns bei manchen Fragen über Kreuz. Aber längst nicht bei allen. Wir fanden überraschenderweise diverse Übereinstimmungen in unseren generellen Haltungen zur Geldmengenpolitik, zu Subventionen oder Bankenbailouts (also die Schuldenübernahme und Tilgung durch den Staat). Und am Ende waren wir beide zufrieden damit, dass wir nach einem aufschlussreichen Diskurs einigen konnten, uns nicht immer einigen zu müssen.

Zudem regte mich unsere Diskussion an, längst Vergessenes wieder nachzulesen, und führte mich letztendlich nach Griechenland. Nicht ins Griechenland der IMF-Hilfen und prügelnden Politiker. Sondern ins alte Griechenland des alten Platons. Denn jenseits aller Differenzen über ein Konjunkturprogramm (das mittlerweile auch US-Notenbankchef Ben Bernake und selbst der konservative Economist fordern) hat mir das Gespräch mit Dagmar Schulze Heuling vor allem eines wieder in Erinnerung gerufen: den Mehrwert der Dialektik.

Nun liegt es an Schulze Heuling, dies auch ihren Studenten zu vermitteln …

Mark T. Fliegauf: Journalist, Politologe, Kommentator. Fliegauf lehrt Führung und Politik an der LMU München und promoviert an der Universität von Cambridge. Der volontierte Journalist mit sozialem Gewissen hat in München, Tokio und Harvard studiert und versucht sich derzeit als Ruderer auf der Isis.

Quelle: The European

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