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Die Luxusangst vor der Gentechnik: Auch Biogemüse kann tödlich sein

Die Luxusangst vor der Gentechnik  

Auch Biogemüse kann tödlich sein

17.07.2012, 16:34 Uhr | Ein Kommentar von Bela M. Stadler, The European

Die Luxusangst vor der Gentechnik: Auch Biogemüse kann tödlich sein. Genfood oder Biogemüse, das ist hier die Frage (Quelle: marshi / photocase.com)

Genfood oder Biogemüse, das ist hier die Frage (Quelle: marshi / photocase.com)

Die Angst vor Gen-Food ist eine Luxusangst, welche nur Leute plagt, die als gesellschaftliches Problem das Übergewicht haben. Für einen hungernden Menschen sieht ein gentechnisch veränderter Maiskolben gleich schmackhaft aus wie einer, der sogenannt natürlich ist. Dabei ist Natur nicht gleichzusetzen mit gesund.

Wer weiß schon, dass über 99 Prozent der Pestizide natürlich sind, also von der Natur und nicht von der bösen Agroindustrie produziert werden? Soll man also die Ängste vor der Gentechnik ernst nehmen und ihnen den Status eines Arguments verleihen? Da Asterix und Obelix sich davor gefürchtet haben, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, müsste man diese Angst auch ernst nehmen! Die Angst vor dem bösen Mann unter dem Bett mag wohl real sein, das macht aus dem Ungeheuer aber keine Realität.

Wir wollen gesund sterben

Unsere Luxusängste kommen womöglich zustande, weil die meisten von uns gesund sterben wollen. Nahrungsmittel sind bei uns nicht limitiert. Sie sind allerdings "Lebensmittel" geworden, deren Aufgabe es ist, uns ein gesundes Leben zu vermitteln. Die Ernährung zum Überleben ist Nebensache, deshalb schmeißen wir wertvolle Kalorien hemmungslos weg. Was zählt, ist der geistige Inhalt der Lebensmittel und der muss Gesundheit sein.

Andererseits ist der Wunsch, gesund sterben zu wollen, ein eigentlicher Witz. Das Witzigste daran ist, niemand lacht darüber. Es ist nämlich gar nicht möglich, gesund zu sterben. Noch ist nie ein gesunder Mensch gestorben. Selbst wer vom Blitz getroffen wird, ist während der Zeit des Ein- und Austritts des Blitzes für einen kurzen Moment krank. Die Wahnvorstellung, gesund sterben zu wollen, ist aber bloß eine logische Folge unseres allgemeinen Gesundheitswahns. Genau darunter leidet die Gentechnik, weil die Gegner dieser bislang harmlosen Technologie nicht mehr mitdiskutieren, sondern Genfood ganz einfach zu Gift erklärt haben. Das war ein strategisches Meisterwerk der Kommunikation. Gift gehört schließlich nicht auf unsere Teller.

Ich kenne keine rationalen Gründe gegen die Gentechnik. Es gibt nur viele Pseudoargumente, die letztlich darin gipfeln, nicht nur gesund sterben zu wollen, sondern nach dem Tod noch ein zweites Leben zur Verfügung zu haben. Bei den meisten Debatten, die ich rund um die Gentechnik führen musste, taucht nämlich am Schluss das Argument auf, die Gentechnologen würden in die Schöpfung eingreifen. Als Wissenschaftler ist man nach einer solchen Äußerung normalerweise schachmatt gesetzt, weil der Gegner signalisiert, nicht mehr diskutieren zu wollen, da von nun an geglaubt wird. Jeder kann schließlich seine Meinung oder eben seinen Glauben behalten.

Wer also glaubt, dass es eine Schöpfung gibt, muss zwingenderweise auch an einen Schöpfer oder Anfang glauben Er ist somit religiös. Dies wird natürlich umgehend bestritten, und es wird argumentiert, man glaube nur an eine Singularität und nicht an einen interstellaren Herrscher mit grauem Bart, der einem auf der Toilette zusieht. Wie dem auch sei, es geht bei der Argumentation um die Frage, wie man ein Leben sinnvoll gestalten und ob das Leben allenfalls mit Risiken behaftet ist. Selbstverständlich birgt die Gentechnik auch Risiken, nur das tut jede Technologie. An Genfood ist bislang niemand gestorben, an Biogemüse hingegen schon. Es geht also darum, ob von der Gentechnik echte Gefahren ausgehen, nur darüber ist in den letzten zwanzig Jahren nichts bekannt geworden.

Für Naturalisten, also Menschen, die überzeugt sind, dass es auf diesem Planeten nur mit rechten Dingen zugeht, ist die Gentechnik meistens kein Problem. Weil bislang aber niemandem gelungen ist, zu beweisen, dass von der Gentechnik echte Gefahren ausgehen, wird von Politikern, Konsumentenschützern und Bauernführern einfach behauptet, die Konsumenten wollten kein Genfood. Dem ist längst nicht mehr so, wie es einst war. In dem Maße, wie die Menschen rationaler werden, werden sie auch bereit sein, sich mit Technologien aus den Life Sciences auseinanderzusetzen, ohne vorerst die Bibel, den Koran oder den Talmud zu konsultieren.

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So viel Spaß wie möglich

Wir müssen also unser Verhältnis zum Essen grundsätzlich hinterfragen. Es gibt nämlich Nahrungsmittel, die genauso Genussmittel sein können und die das einzige Leben, das uns zur Verfügung steht, wesentlich lustiger und unterhaltsamer machen. Diese Lebensmittel enthalten oft auch Geistiges, was man aber etwa als Alkoholgehalt messen kann. Noch haben Hunderte von Jahren nicht gereicht, der Prohibition zum Sieg zu verhelfen, obwohl diese Lebensmittel ein echtes Neurotoxin (Alkohol) enthalten. Es bleibt also zu hoffen, dass wir die anderen geistigen Inhalte, etwa die Angst vor der Gentechnik, bald einmal in unserem Essen ebenfalls tolerieren.

Eigentlich geht es ja um unsere Grundnahrungsmittel, bei denen nicht unsere Ängste das Hauptproblem sind, sondern die Frage, wie wir genügend davon produzieren, damit alle Menschen auf diesem Planeten zu essen haben. Für unsere Ernährung sind also quasi Religionen, etwa Bio oder andere Formen von religiöser Ernährung, völlig irrelevant. Da es kein zweites Leben gibt, ist es eigentlich vernünftig, dass wir auf diesem Planeten so viel Spaß wie möglich haben. Aus dem Grund haben unsere Vorfahren schon immer alles, was kreucht und fleucht, genetisch verändert. Diese Veränderungen waren übrigens allesamt ein wesentlich stärkerer Eingriff in die "Natur" als die gentechnischen Veränderungen der vergangenen Jahre. Es ist also Zeit, sich an die letzten Worte Epikurs zu halten: "Lebt wohl und erinnert euch an meine Lehren."

Der Schweizer Beda M. Stadler, Jahrgang 1950, ist Professor für Immunologie und Direktor des Universitätsinstituts für Immunologie an der Universität Bern. Er betreibt Grundlagenforschung und angewandte Forschung auf dem Gebiet der Allergologie und Autoimmunität. Da Beda Stadler ein Verfechter der Rationalität ist, macht er sich gerne lustig über Themen des Glaubens wie etwa Biogemüse, Alternativmedizin und Religion. So etwa als ehemaliger Kolumnist für die Berner Zeitung und die NZZ am Sonntag. Zurzeit schreibt er am liebsten für die Weltwoche.

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