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Die deutsche Sehnsucht nach der D-Mark: Heute ein Kritiker, morgen ein Nostalgiker

Die deutsche Sehnsucht nach der D-Mark  

Heute ein Kritiker, morgen ein Nostalgiker

02.04.2013, 13:24 Uhr | Ein Kommentar von Sebastian Pfeffer, The European

Die deutsche Sehnsucht nach der D-Mark: Heute ein Kritiker, morgen ein Nostalgiker.  (Foto: ArthurVKuhrmeier / photocase.com)

(Foto: ArthurVKuhrmeier / photocase.com)

Ist das mehr als Nostalgie? Ziemlich viele Leute behaupten ja auch, sie wollten die DDR zurück, und wären vermutlich die Ersten an der Grenze, wenn die Mauer wieder hochgezogen würde. „Ich hab da noch was zu erledigen, drüben im Westen.“ Dieses inkonsequente „wir kaufen stolz Produkte von damals und regen uns über Facebook und Google auf“.

Rund ein Drittel der Bundesbürger sagt in Umfragen, es wolle die D-Mark zurück. Die „Alternative für Deutschland“ hat sich formiert, eine Partei, die vor allem Clara Schumann auf ihren Hunderten vermisst. Es gibt dazu kein Wortspiel so schön wie Ostalgie, aber eines ist sicher, diese Nostalgie trifft Europa ins Mark.

Alles zurück auf Los

Denn „jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen“. Das Zitat stammt von Peter Ustinov und bedeutet: Jetzt wollen wir die Zeit von vor zehn Jahren zurück – egal wie sie wirklich war. Die Erinnerung verblasst und die Mühen, die hinter uns liegen, geben sich vertraut. Dagegen strotzen ihre Vettern in Gegenwart und Zukunft vor Unwägbarkeit; nur der Schuh, der am Fuß sitzt, drückt. Es bedeutet aber auch: Jetzt machen wir die Fehler, wegen denen wir in zehn Jahren die schlimme neue Zeit verfluchen.

Europa wandert auf einem schmalen Grat, längst sind Richtig und Falsch zu einer breiigen Masse verschmolzen. Es ist nur naheliegend: Wenn eine Entwicklung stockt, dann kommt früher oder später jemand daher und fordert die Kehrtwende. Alles zurück auf Los, schnellstmöglich zum früheren Status quo.

Aber wäre eine Zukunft mit der Mark zumindest besser als eine mit Euro? Schon wirtschaftlich kann diese Frage kaum beantwortet werden. Zwar stehen auf beiden Seiten Leute, die behaupten zu wissen, was wann und wie passieren würde. Richtig glauben darf man aber vermutlich keinem. Die vielfältigen Schwierigkeiten mit dem Euro und die Finanzkrise zeigen, wie unabsehbar die global vernetzte Wirtschaft ist. Und nicht zuletzt: Wie werden die Menschen reagieren, welche psychologischen Folgen hat so ein Schritt zurück? Schwer absehbar.

Ein „Weiter so“ könnte mächtig in die Hose gehen, der Euro-Ausstieg jedoch im Zweifel noch mehr. Vor allem aber darf man die Nostalgie-Komponente nicht ignorieren. Die Mark, diese von den Besatzern eingeführt Währung, steht heute nicht nur für eine gefühlige teutonische Überlegenheit, sondern für die gute alte Zeit allgemein. Alles fließt in einen einzigen Satz: Der Euro hat das Eliten-Projekt Europa zwar in die Portemonnaies der Menschen befördert, aber nicht in ihre Herzen.

Irgendwann muss er weg

Ganz im Gegenteil, die gemeinsame Währung ist zum Symbol der Elite und der Unvereinbarkeit der Völker geworden. Damit ist sie überspitzt gesagt zutiefst anti-europäisch. Die Wut dazu äußert sich europaweit; gewissermaßen sind die D-Mark-Rufe in Deutschland die Hitler-Plakate im Süden. Alle instrumentalisieren sie die Vergangenheit, weil sie die Gegenwart verdammen.

Die Sehnsucht nach der alten Zeit ist dabei vor allem die Angst vor dem, was kommt oder kommen kann. Während bei den einen das Gefühl stärker wird, sich gegen die Dominanz der Deutschen wehren zu müssen, glauben die anderen, die zur Last gewordenen Probleme der Südländer nicht länger mittragen zu können. Einzig über Grenzen hinweg eint sie das Gefühl, von den „Oberen“ in die falsche Richtung geführt zu werden. Auf gleich zwei Ebenen nehmen deshalb die Ressentiments zu: Zwischen den Gesellschaften zunächst, vor allem aber zwischen Bürgern und Regierenden.

Beides muss ernst genommen werden. Im Fußball würde man sagen: Ein Erfolg muss her. Denn kein Trainer kann sein Team auf Dauer zusammen und die Fans bei Laune halten, wenn auf eine Schmach stets die nächste folgt. Irgendwann muss er weg, der Trainer. Für Europa heißt das: Langfristig lässt sich die Gemeinschaftswährung nicht mit dem Polizeiknüppel bewahren. So simpel, so komplex.

Spätestens hier wird der Unterschied zwischen den deutschen Euro-Kritikern und jenen im Süden klar: Denn die Gegenwart ist unterschiedlich grausam. Die Alternative für Deutschland kokettiert damit, dass die Südländer aus der Strangulation befreit werden müssen. Dies aber durch die D-Mark erreichen zu wollen, ist nicht der einzige Weg, sondern der symbolisch höchstmöglich mit Vergangenheit aufgeladene. Und in dieser Hinsicht entlarvend.

Grund zum Optimismus

Denn die nostalgische Hoffnung, zu einer „besseren“ Vergangenheit zurückkehren zu können, ist bei genauer Betrachtung ein Widerspruch in sich. Geschichte lässt sich nicht revidieren, zu kleinteilig und facettenreich ist der Wandel. Und Probleme gab es auch im D-Mark-Deutschland schon. Die Arbeitslosigkeit war höher, der Wohlstand insgesamt kleiner. Ein Zurück zur D-Mark wäre also kein Zurückkehren zu etwas Besserem, sondern trüge die ganze Last der Gegenwart mit sich wie jede andere Option auch. Nur trüge sie wieder jeder für sich allein und über allem stünde das Scheitern.

Wir sollten uns der Nostalgie verwahren. Das „Raus aus dem Euro“ kann nur Ultima Ratio sein. Denn zumindest die Mühen der Gegenwart mit dem Euro werden uns langsam vertraut, der Umgang mit ihnen auch. Jeder andere Weg vergrößert die Unsicherheit nur, vor der sich die Menschen bereits jetzt so fürchten. Noch gibt es Grund zum Optimismus. Dafür dass wir in zehn Jahren an die gute alte Zeit denken und wieder einer handfesten Verklärung aufsitzen. Weil wir unverbesserliche Nostalgiker sind und eigentlich alles besser ist als es war.

Sebastian Pfeffer ist der Parlamentarische Korrespondent von „The European“. Angefangen als Lokalreporter, war Pfeffer vor und während dem Studium als freier Journalist tätig und hat unter anderem in der „Rhein-Zeitung“, der „Berliner Morgenpost“ und der „Welt“-Gruppe veröffentlicht, sowie in Mainz für das ZDF gearbeitet. Er studierte Politik und Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und an der University of Essex (England).

Quelle: The European

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