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Kommentar zu Steinmeiers Wut-Rede: Gut gebrüllt

Steinmeiers Wutrede  

Gut gebrüllt

21.05.2014, 12:03 Uhr | Ein Kommentar von Sebastian Pfeffer, The European

Kommentar zu Steinmeiers Wut-Rede: Gut gebrüllt. Frank-Walter Steinmeier erntet für seinen Wutausbruch viele positive Reaktionen. (Klicken Sie auf das Bild, um den Wutausbruch zu sehen) (Quelle: dpa)

Frank-Walter Steinmeier erntet für seinen Wutausbruch viele positive Reaktionen. (Klicken Sie auf das Bild, um den Wutausbruch zu sehen) (Quelle: dpa)

Gänsehaut, wann hat es das mal zuletzt bei einer politischen Rede gegeben? Da steht ein Mann und brüllt sich den Frust heraus, die Wut über all die, die gegen ihn buhen und pfeifen. Aus tiefer Überzeugung kommt das, strotzt vor Haltung. So wie Frank-Walter Steinmeier hat in diesem Wahlkampf noch keiner geredet.

"Hätten wir auf Leute wie die da hinten gehört, wäre Europa heute kaputt", schreit er und da ist dieser Funke, den man nicht gewollt zünden kann, der nur aus echter Haltung entspringt. Steinmeier hat schon zig Interviews gegeben, unzählige Reden gehalten, keine hat diese Wirkung erzielt: ein besonderer Moment.

Das ist keine Sonntagsrede

"Der Sozialdemokratie muss niemand sagen, warum wir für Frieden kämpfen müssen!", ruft Steinmeier, und aus dem Satz, der so oder so ähnlich schon so oft als blutleere Floskel irgendwo stand, sprießt das Leben, man sieht die Jagdtrupps in den Straßen, schmeckt den Rauch und riecht den Moder der Konzentrationslager.

"Europa, das ist die Lehre von Zeiten, in denen Menschen sich nicht zugehört haben, in denen man aufeinander geschossen hat" - das ist keine Sonntagsrede, da trifft einer direkt in die Intimsphäre der eigenen Erfahrung, die Erzählungen der Großeltern, die Schlachtfelder, die man nie sah, aber trotzdem kennt, die Bilder der Städte in Trümmern.

So klingt ein Satz wie "Die Welt ist leider komplizierter" plötzlich nach echter Mühe, nach nächtelangen Verhandlungen, nach den oft brutalen Gesetzen der internationalen Beziehungen, die keiner geschrieben hat, denen sich aber doch niemand entziehen kann. Daheim im sicheren Zuhause überlegt man plötzlich dreimal, verächtlich zu schnauben.

Steinmeier hat das geschafft, was derzeit so viele versuchen und daran beständig scheitern: Europa in wenigen Worten überzeugend vorgetragen, fühlbar gemacht. Spontan, tief aus einem Inneren heraus. Dort, wo diese Alchemie stattfindet, die keiner wirklich erklären kann, aus der aber echte politische Führungskraft erwächst.

So viel Ignoranz

Steinmeier, der Wieder-Außenminister, der, der eigentlich schon raus war aus der Politik, der die Kanzlerkandidatur ablehnte, dann souverän durch die Ukraine-Krise gegangen ist, beliebtester Politiker der SPD wurde - dieser Steinmeier hat ein Zeichen gesetzt. Europa wird nicht durch bloße Worte verteidigt und noch weniger dadurch, seinen Gegnern ständig und überall nachzugeben.

Erst recht, wenn es selbstgerechte Menschen sind, Deutsche, die Schilder mit "Stoppt die Nazis in der Ukraine" hochhalten und Sozialdemokraten als Kriegstreiber titulieren. So viel historischer Ignoranz, so viel falschem Erhabenheitsgefühl kann man nicht nur mit netten Worten begegnen - wie so oft bei Populismus -, man muss auch mal lauter brüllen als sie. Damit sie hingehen, wo der Pfeffer wächst.

Sebastian Pfeffer: Der gebürtige Frankfurter hat Politik und Publizistik (M.A.) in Mainz und an der University of Essex (England) studiert. Vor und während dem Studium hat Pfeffer als Lokalreporter viele Feuerwehrfeste und kommunalpolitische Diskussionsabende gesehen. Nach Stationen beim ZDF und der Welt-Gruppe kam er 2012 zu The European. Als Parlamentarischer Korrespondent ist er vor allem für innenpolitische Themen zuständig, interessiert sich aber auch sonst noch für dies und das, z.B. Medienthemen und Europa.

Quelle: The European

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