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Kommentar: Die Deutschland-Versteher - warum Pegida so verstören

Kommentar  

Die Deutschland-Versteher: Warum "Pegida" so verstören

16.12.2014, 12:23 Uhr | Von Alexander Wallasch für The European

Kommentar: Die Deutschland-Versteher - warum Pegida so verstören. Enttäuschte, Empörte, Otto-Normalverbraucher, Rassisten? Wer bei Pegida mit marschiert, das ist nicht leicht zu definieren (Quelle: dpa)

Enttäuschte, Empörte, Otto-Normalverbraucher, Rassisten? Wer bei Pegida mit marschiert, das ist nicht leicht zu definieren (Quelle: dpa)

Warum "Pegida" "Mehr Deutschland!" meint, wenn sie "Weniger Islamisten!" rufen. Und warum das wiederum Parlamente, Wirtschaft und Medien in Deutschland derart aufschreckt.

Räumen wir doch zunächst mal mit Missverständnis Nummer eins auf. Und das geht so: Diese "Pegida"-Demonstrationen in Dresden sind schon deshalb idiotisch, weil es in Sachsen nur 4000 Muslime gibt. Also 0,1 Prozent der Bevölkerung. Warum ist das falsch? Weil es sich dabei schlicht um einen Denkfehler handelt.

Denn wenn Lutz Bachmann, dieser vorbestrafte Kumpeltyp und "Pegida"-Initiator, erklärt: "Wir sind gegen radikale Islamisten und gegen die fortschreitende Islamisierung unseres Landes", dann darf man davon ausgehen, dass er nicht das Land Sachsen meint, sondern das Land Deutschland.

Also in dem Sinne, wie es Angela Merkel sagte: "Unser Land steht stark und fest zusammen." Dann allerdings sind es nicht 4000, sondern 4,5 Millionen Muslime, also fünf Prozent der Bevölkerung. Da nun aber jedes Kind muslimischer Eltern automatisch Moslem ist, wäre so etwas wie ein religiöses Bekenntnis von Nöten, um die Sache weiter zu spezifizieren. Wie viele von den Hineingeborenen sich tatsächlich mit dem ihnen per Geburt geschenktem Glauben identifizieren, ist unbekannt.

140 sächsische Salafisten

Nun fürchten "Pegida" vor allem radikale Salafisten. Davon gibt es laut Verfassungsschutz 7000 in Deutschland, davon eine unbekannte Zahl in Sachsen. Nehmen wir das Verhältnis 5 zu 0,1 Prozent, dann wären das - vorausgesetzt, ich habe den Dreisatz richtig angewendet - 140 sächsische Salafisten. Man kann also davon ausgehen - um nur ein weiteres Bespiel zu nennen für Gruppen, die die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland nicht in Gänze akzeptieren - dass es wahrscheinlich mehr so genannte Reichsbürger in Sachsen gibt als Salafisten.

Aber zurück zu den 7000 Salafisten. Der "Spiegel" berichtet unter dem Titel: "'Pegida'-Faktencheck: Die Angstbürger", dass "diese Zahl wächst" und das "etwa ein Drittel von ihnen (…) deutsche Konvertiten" sind. Die Ungenauigkeit der Aussage steht hier stellvertretend für viele Ungenauigkeiten. Denn wenn man mitdenkt, dass Salafisten mit deutschem Pass nicht automatisch - wie nennt man das noch: indigen-deutsch, deutschethnisch oder herkunftsdeutsch? - Herkunftsdeutsche sind, wird die Sache unsinnig.

Auch fragt man sich, was der "Spiegel" mit "Konvertiten" meint. Denn Salafismus ist ja keine Religion, sondern lediglich eine Spielart des Islam. Allerdings: Auch der Katholizismus ist beispielsweise eine Spielart des Christentums – und da kann man ja auch zur evangelisch-lutherischen Kirche konvertieren.

Wahrscheinlich meinte der "Spiegel" deutsche Christen oder Atheisten, die sich zum Islam bekannt haben, also Moslems geworden sind, und hier im speziellen Moslem-Salafisten. Aber nun frage ich Sie, wenn es selbst schlaue Leute wie diese "Spiegel" -Journalisten nicht hinbekommen: Wie, bitte schön, soll sich ein Dresdner "Pegida"-Demonstrant da noch auskennen? Was kann man ihm da vorwerfen, außer, dass er sich auf sein Bauchgefühl verlässt, also aus dem Bauch raus handelt?

Nun sind Haltungen, die aus dem Bauch heraus gefällt werden, nicht per se eine Dresdner Spezialität. Nehmen wir doch mal das Verhältnis Angela Merkels zum Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Dazu befand sie nämlich ganz aus dem Bauch heraus: "Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung (…) Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt."

"Pegida" als Reaktion auf Gaucks Aufruf

Nun hat unlängst unser Bundespräsident mehr Zivilcourage eingefordert gegenüber Salafisten in Deutschland. Zumindest kann man es so verstanden haben, wie es diese "Pegida"-Demonstranten verstanden haben: Die zählten nämlich eins und eins zusammen, als Joachim Gauck aufrief, gegen Antisemitismus aufzustehen, genauer gegen jenen neuen Antisemitismus, den unter anderem Islamisten und Salafisten bei Demos in Deutschland gegen die Politik Israels lautstark bekundeten.

"Pegida" kann also als Reaktion auf Gaucks Aufruf verstanden werden; zumindest wird es schwer werden, den Bürgern in Dresden dieses Initial abzusprechen. Der bundespräsidiale Pastor ruft also zum Kampf in Form von Zivilcourage gegen eine gewaltbereite Form des Islam auf. So weit so gut, so missverständlich. Aber warum nun beschäftigt sich die Presse nicht eingehender mit dieser Gauck-"Pegida"-Kausalität?

Gauck hätte den Teufel angerufen, der sei nun erschienen? Nein, das ist natürlich Quatsch, und das geht auch so nicht. Dachte sich auch Bundespräsident Gauck und ruderte zurück beziehungsweise definierte für die Menschen in Sachsen und anderswo noch einmal neu, wie das nun von ihm genau gemeint war, mit der zivilen Courage. Keineswegs als ziviler Ungehorsam! Und am wenigsten aus den Reihen von "Chaoten und Strömungen, die wenig hilfreich sind". Die sollten weniger Beachtung finden.

Aber er blieb dabei: "Wir brauchen natürlich auch eine Debatte darüber, wie viele Menschen kann dieses Land aufnehmen, wie werden die Flüchtlinge gerecht aufgeteilt in verschiedenen Ländern Europas." Heißt übersetzt in den Klartext bei ihm: Jedes Land in Europa muss gleichmäßig viele Moslems aufnehmen. Also "Land" hier wieder als Nation zu verstehen, denn das Verhältnis Sachsen zur Bundesrepublik ist ja bereits deutlich in Schieflage: 0,1 zu 5 Prozent Muslime, Antisemiten und Salafisten.

Was natürlich mit den "Altlasten" der alten Bundesrepublik zu tun hat, mit den bereits assimilierten, mit den Deutschen muslimischer Herkunft, die aber mittlerweile auch schon in x-ter Generation in Deutschland leben, also ja auch bereits Herkunftsdeutsche sind. Denn wie weit will man da zurückgehen, um das noch zu differenzieren? Wird demnächst, nur um die Sache exakt beschreiben zu können, der Deutschnachweis verlangt? Nein, sicher nicht. Das hatten wir schon mal. Das will keiner mehr.

Der normale Durchschnittsbürger ist kein Heiliger

Aber zurück zu den Gauckschen Demonstranten - äh, nein: zurück zu den Demonstranten, von denen möglicherweise einige, oder einige mehr, Gaucks Aufruf gefolgt sind - und zur Frage, wie das da nun alles passieren konnte mit dieser merkwürdigen "Pegida" und wie man sich dazu am Besten positionieren sollte. 7000 Demonstranten, also so viele, als würden alle Salafisten Deutschlands gemeinsam auf die Straße gehen. Oder so viele, die ein durchschnittliches Xavier Naidoo Konzert besuchen, ohne dass deshalb gleich alle Soul-Brothers und -Sisters Reichsbürger sein müssen. Im Gegenteil, wer sich die öffentlich-rechtlichen "Pegida"-Interviews anschaut - wo man sich natürlich schon schrecklich bemüht, die größten Deppen herauszufischen), der wird feststellen: viele Mitbürger von nebenan.

Okay, Sie könnten jetzt einwerfen: "Na eben!" Aber seien wir ehrlich, wer schon mal im Ausland war, der weiß, der normale Durchschnittsbürger ist auch in Frankreich oder Italien oder England kein Heiliger. Man weiß, Analphabeten sind in Europa eine Minderheit, aber man könnte den Eindruck gewinnen: Gelesen wird trotzdem nicht rund um die Uhr. Also kein Grund zu einer spezifisch deutschen Sorge.

Was die Politik und die Medien besorgniserregend finden, aber was sie so nicht sagen wollen, ist viel mehr die Ungewissheit, diese unerlaubte Spontanität - sprich, die fehlende Kontrolle über eine kritische Masse aufgeregter Menschen in Deutschland - die eine diffuse Sorge auf die Straße zu treiben scheint, dass es bald zu Ende geht mit ihrer Nation und ihrem, naja, "deutschen Wohlfühlkosmos" mitten in Europa, weil da irgendwelche Islamisten die Deutschländer-Dauerparty empfindlich stören.

Woher kommt die Furcht vor "Pegida"?

Irgendwelche Islamisten? Nein, die Politiker und die Medien sind ja nicht dumm, natürlich ahnt und fürchtet man, die Sache mit den Islamisten ist nur vorgeschoben und gilt allenfalls als willkommener Demo-Anlass. Steht man dort in Dresden und anderswo am Ende sogar, weil man da stehen will?

Weil man die Abwicklung Deutschlands nicht akzeptieren möchte? Weil man den Umbau der Nation zu einem Vereinigten Europa, das 2014 so unattraktiv ausschaut wie lange nicht mehr, nicht mitzumachen gedenkt? Weil man diesen jahrzehntelang ansteigenden multikulturellen Bekenntnissen nicht folgen mag? Weil man die offizielle Neudefinition Deutschlands als Einwanderungsland fürchtet wie der Teufel das Weihwasser? Weil man einfach den Vorteil nicht erkennen kann, den unsere Volksvertreter in der irgendwie verfassungswidrigen Aufhebung des Modells eines souveränen Staates Bundesrepublik Deutschland erkennen? Das alles und sicher noch viel mehr. Und für die Deutschland-Umbauer, für die kreativen Geister im Reichstag, sicher verdammt gute Gründe, Pediga zu fürchten.

Heute sieht es der ostdeutsche Montags-Marschierer wohl so: Helmut Kohl hat die DDR-Bürger wiedervereinigt, aber er hat sie beschissen. Denn als er ihnen die D-Mark versprach, hatte er schon den Euro im Gepäck. Und als er sich für die Wiedervereinigung feiern ließ, hatte er längst die europäische Karte über die neuen deutschen Staatsgrenzen gelegt und unwiderruflich festgetackert.

So würdigt zum Beispiel ausgerechnet der Ex-Grüne und Ex-SPD-Bundesinnenminister Otto Schily Helmut Kohls Leistung genau dahingehend. Nämlich als erfolgreichen Abwicklungs-Countdown der Bundesrepublik hin zu einem neuen und besseren europäischen Haus (in "Die Anwälte", Film von Birgit Schulz).

Für Deutschland heißt gegen Europa

Sagen wir es so: Phänomene wie "Pegida" sind für unsere Entscheider-Ebene aus Politik, Wirtschaft und Medien auch deshalb so verstörend, weil sie zunächst einmal etwas tun, was verfassungsmäßig eigentlich Auftrag der Regierenden wäre, nämlich den Einsatz für Volk und Vaterland. Oder konformer formuliert: Hier werden aus einem faktisch anachronistischen Nationengedanken heraus Forderungen laut, die völlig gegenläufig sind zur Berliner Fahrtrichtung. Die Menschen also, die sich unter der "Pegida"-Flagge formieren, müssen für das politisch Berlin zwangsläufig als Geisterfahrer betrachtet werden. Genau so erklärt sich dann auch die große Verstörung: Etwas für Deutschland fordern, heißt heute sofort, etwas gegen Europa zu fordern. Ob die wachsende Anzahl Demonstranten das auch weiß?

Vielleicht wird es Zeit, dass es ihnen mal jemand sagt:

Liebe "Pegida"-Demonstranten, was Ihr da treibt, ist kontraproduktiv. Das hat nichts mit Zivilcourage zu tun. Und das ist auf eine verstörende Weise Pro-Deutschland. Wundert Euch bitte nicht, wenn Politik und Medien leider dazu gezwungen sein werden, Euch als Vaterlandsfreunde und Anti-Europäer zu brandmarken. Und wenn Ihr es dann immer noch nicht kapiert habt, eben als Nazis und ewig Gestrige. Notfalls mit Hilfe von V-Männern, da haben wir in einer bestimmten Ecke noch jede Menge Gewehr bei Fuß stehen, die schon dafür sorgen werden, dass Eure altbackene Demonstration bald ausschaut wie Euer persönlicher Reichsparteitag.

Also, Xavier, leg los:

"Gib mir den Morgen danach
Weck mich auf wenn ich schlaf
Mach uns groß wie ein Heer
20.000 Meilen über dem Meer."

Der Autor, Alexander Wallasch, ist heterosexueller Vegetarier, Schriftsteller, Journalist, Texter und Kolumnist. Der gebürtige Braunschweiger studierte in Erlangen Theaterwissenschaft. 2006 erschien sein Debütroman "Hotel Monopol". 2010 schreibt Ingeborg Harms für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über seinen Afghanistan-Heimkehrer-Roman "Deutscher Sohn" (mit Ingo Niermann): "Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten."

Quelle: The European

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