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Islamischer Staat von Saddam zu Baghdadi: Zwei Diktatoren, eine Truppe

Von Saddam zu Baghdadi  

Zwei Diktatoren, eine Truppe - die Wahrheit über den IS

10.08.2015, 15:28 Uhr | Hamza Hendawi; Qassim Abdul-Zahra, AP

Islamischer Staat von Saddam zu Baghdadi: Zwei Diktatoren, eine Truppe. Insassen des ehemaligen US-Gefangenenlagers Bucca beim Gebet: Hier knüpfte IS-Anführer al-Baghdadi Kontakte zu mehreren Offizieren des früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein. (Quelle: AP/dpa)

Insassen des ehemaligen US-Gefangenenlagers Bucca beim Gebet: Hier knüpfte IS-Anführer al-Baghdadi Kontakte zu mehreren Offizieren des früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein. (Quelle: AP/dpa)

Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) verdankt ihre Erfolge im Irak vor allem früheren Offizieren von Saddam Hussein. Der irakische IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi kennt viele von ihnen aus seiner Zeit im US-geführten Gefängnis Bucca, einer Keimzelle der Terrormiliz. Eine unglaubliche Geschichte:

Ali Omran fiel während seiner Ausbildung an der irakischen Heeresartillerie-Schule vor 20 Jahren ein bestimmter Major besonders auf: Taha Taher al-Ani. Der islamische Hardliner rügte Omran, weil dieser beim Gang auf die Toilette eine Anstecknadel mit der irakischen Flagge und den Worten "Gott ist groß" trug. Die Religion verbiete es, den Namen des Allmächtigen an einen solchen Ort zu bringen. Omran sah Al-Ani erst 2003 wieder. Da waren die US-Streitkräfte bereits im Irak einmarschiert.

Auf einem Militärstützpunkt nördlich von Bagdad befehligte Al-Ani das Beladen von Lastwagen mit Waffen und Munition, um sie verschwinden zu lassen. Er nahm diese Waffen mit, als er sich Tauhid wa'l-Dschihad anschloss, einem Vorläufer von Al-Kaida im Irak - geründet von dem 2008 von US-Soldaten getöteten Killer Abu Mussab al-Sarkawi.

Omran ist inzwischen Generalmajor des irakischen Heeres. Als Kommandeur der Fünften Division kämpft er gegen den Tauhid/IS. Al-Ani sei ein Kommandeur der IS-Miliz, so Omran. Der Werdegang seines früheren Kameraden ist bei weitem kein Einzelfall.

Saddams Offiziere vermittelten die nötige Disziplin

Die oberste Führungsebene des IS unter ihrem irakischen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi werde von früheren Offizieren der Streitkräfte und der Geheimdienste von Saddam Hussein dominiert, sagen ranghohe irakische Offiziere und Vertreter der Geheimdienste. Ihre Erfahrung sei wesentlich für die Erfolge des IS in großen Teilen des Iraks und Syriens.

Sie hätten dem IS die Organisation und Disziplin vermittelt, die notwendig seien, um Kämpfer aus aller Welt zu vereinen und Terrortaktiken wie Selbstmordanschläge mit Militäroperationen zu verbinden. Sie leiteten das Sammeln geheimer Informationen, das Ausspionieren der irakischen Streitkräfte und die Instandhaltung der Waffen. Zudem versuchten sie, ein Chemiewaffenprogramm zu entwickeln.

So konnte der IS entstehen

Mehrere Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre führten dazu, dass Offiziere von Saddam Husseins überwiegend säkularem Regime eine der radikalsten islamistischen Gruppierungen weltweit durchdrangen. Dazu zählt eine staatliche "Glaubenskampagne" zur Islamisierung der Gesellschaft Mitte der 90er Jahre: Islamistische Hardliner in den Streitkräften wurden fortan geduldet, wenngleich sie keine Kommandopositionen einnehmen durften. Der Schritt wurde damals als zynischer Versuch des Regimes gewertet, nach der Niederlage des Iraks gegen Kuwait im Golfkrieg 1991 und den folgenden Aufständen von Kurden und Schiiten politische Unterstützung vom religiösen Establishment zu erhalten.

Im Vorfeld der US-Invasion 2003 lud Saddam Hussein öffentlich Mudschahedin aus dem Ausland in den Irak ein, um gegen die Invasoren zu kämpfen. Tausende kamen und wurden von irakischen Ausbildern geschult. Nach dem Zusammenbruch des Regimes schlossen sich Hunderte Offiziere aus Empörung über die US-Entscheidung, das irakische Heer aufzulösen, einem Aufstand von Sunniten gegen die Herrschaft der inzwischen an die Macht gekommenen Mehrheit der Schiiten an. Zunächst waren die Aufständischen überwiegend säkular geprägt, doch später nahm unter ihnen die Bedeutung militanter Islamisten zu - insbesondere nach der Gründung von Al-Kaida im Irak.

Im Gefängnis entwickelte sich die IS-Hierarchie

Al-Baghdadis Stellvertreter ist der ehemalige Heeresmajor Saud Mohsen Hassan. Während der 2000er Jahre war Hassan im US-geführten Gefangenenlager Bucca inhaftiert, dem Hauptgefängnis für Mitglieder des sunnitischen Aufstands. Dort kamen Islamisten wie al-Baghdadi in Kontakt mit früheren Offizieren von Saddam Hussein, darunter Mitglieder von Spezialkräften wie der Republikanischen Garde. Al-Baghdadi hielt Predigten, und Hassan tat sich laut einem Geheimdienstleiter als effizienter Organisator hervor. Er führte unter anderem Häftlingsstreiks an, um von den Amerikanern Zugeständnisse zu erreichen.

Frühere Häftlinge aus Bucca finden sich nun in der IS-Führung wieder. Unter ihnen ist Abu Alaa al-Afari, der früher bei Al-Kaida war und jetzt Finanzchef beim IS ist. Dies geht aus einem Schaubild hervor, das der Geheimdienstchef der Nachrichtenagentur AP vorlegte. Es soll die Hierarchie der Terrormiliz darstellen.

Al-Baghdadi habe zudem eine Reihe dieser Vertrauten in den Militärrat berufen. Dieser soll sieben bis neun Mitglieder umfassen - mindestens vier von ihnen sind ehemalige Offiziere von Saddam Hussein. Andere frühere Bucca-Insassen nahm er in seinen inneren Zirkel auf. Veteranen aus der Saddam-Hussein-Ära fungierten als "Gouverneure" von sieben der zwölf "Provinzen", die der IS im Irak einrichtete.

Die DNA des Islamischen Staates

Offizielle irakische Stellen räumen allerdings ein, dass es schwierig sei, die Führung des IS und dessen Hierarchien zu durchschauen. Die Terrormiliz selbst gibt so gut wie nie Namen oder Pseudonyme ihrer Führungsmitglieder bekannt. Wird eines getötet, ist oft nicht bekannt, wer dessen Platz einnimmt. Mehrere von ihnen wurden mehrfach für tot erklärt, tauchten später aber lebend wieder auf. Manche nehmen einfach ein neues Pseudonym an.

"Wir wissen oft nicht, wer wen in der Führung ersetzt", sagt ein Brigadegeneral des militärischen Geheimdienstes. "Es ist uns nicht möglich, die Gruppierung zu infiltrieren. Es ist erschreckend."

Schätzungen über die Zahl der Veteranen aus der Saddam-Ära im IS reichen von 100 bis 160, überwiegend in mittleren und ranghohen Positionen. Viele von ihnen haben enge Stammesverbindungen, was dem IS ein wichtiges Netzwerk der Unterstützung verschafft und bei der Anwerbung neuer Kämpfer hilft.

Dies soll dem IS auch bei der Einnahme der Stadt Ramadi im Mai geholfen haben: Mehrere Offiziere erklärten, sie glaubten, IS-Kommandeure hätten Stammesgenossen unter den Sicherheitskräften überredet, ihre Positionen kampflos zu verlassen.

Die Kenntnisse der Offiziere aus der Saddam-Ära seien jetzt Teil der DNA des IS, sagt Michael Ryan, ein früherer ranghoher Beamter der US-Ministerien des Äußeren und der Verteidigung. "Dieses Verschmelzen der irakischen Erfahrung und dessen, was wir die afghanisch-arabische Erfahrung nennen können", sei zum einzigartigen IS-Markenzeichen geworden.

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