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Schimpansen lernen doch kein Schottisch: Forscher streiten

Affenkommunikation  

Schimpansen lernen doch kein "Schottisch"

04.11.2015, 12:56 Uhr | jme, Spiegel Online

Schimpansen lernen doch kein Schottisch: Forscher streiten. Forscher streiten darüber, ob Schimpansen andere Sprachen lernen können. (Quelle: Jamie Norris)

Forscher streiten darüber, ob Schimpansen andere Sprachen lernen können. (Quelle: Jamie Norris)

Schimpansen können fremde Sprachen lernen, berichteten Forscher kürzlich. Ziemlich cool, stimmt wohl nur leider nicht. Denn Experten fanden Ungereimtheiten in der Studie.

Können sie es nun oder können sie es nicht? Über die Sprachbegabung von Schimpansen ist ein Streit unter Forschern ausgebrochen. Im Februar hatten Wissenschaftler erstmals berichtet, dass Zoo-Affen ihre Lautsprache verändern, wenn sie zu Primaten in einen anderen Tierpark ziehen - und damit sozusagen Fremdsprachen lernen können. Doch nun steht das Ergebnis infrage.

Schimpansen geben unterschiedliche Apfelrufe

Im Fokus der Untersuchung stand der Laut, den die Tiere von sich geben, wenn es Äpfel zu fressen gibt. Schimpansen aus einem Zoo in den Niederlanden stießen dann ein hohes Quietschen aus, berichteten Forscher um Katie Slocombe von der University of York Anfang 2015. Tiere aus einem Zoo im schottischen Edinburgh geben dagegen ein tiefes Grunzen von sich. Als die Schimpansen aus den Niederlanden nach Schottland zogen, hätten sie Äpfel nach einiger Zeit mit den gleichen Lauten kommentiert wie die heimischen Affen - so hieß es in der Untersuchung.

Lautsprache der Affen falsch interpretiert

Aber: "Die Studie hat zwei große Schwachstellen", sagt Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) jetzt. Sie hat die Arbeit von Slocombe und Kollegen überprüft und die Ergebnisse im Fachmagazin "Current Biologie" veröffentlicht, wo auch die Originalstudie erschienen ist. Demnach haben die Forscher die Ursachen für die veränderte Lautsprache der Affen missinterpretiert.

"Beide Laute ähnlich"

"Außerdem waren die Laute beider Schimpansengruppen bereits zu Beginn der Studie sehr ähnlich und veränderten sich über den Zeitraum von drei Jahren nicht mehr wesentlich", sagt Fischer. Damit wären die grundlegenden Aspekte der Arbeit nichtig.

Erregungszustand der Affen nicht beachtet

Slocombe und Kollegen hatten aus den Ergebnissen Schlüsse gezogen, die helfen könnten, die Evolution der menschlichen Sprache besser zu verstehen: Dass die Rufe nicht, wie zuvor gedacht, aus Vorfreude ausgestoßen wurden, sondern sehr gezielt, zeige, dass sie menschlichen Bezeichnungen für Dinge sehr ähnlich seien, schrieben die Forscher.

Laut Fischer lässt die Studie diesen Rückschluss aber nicht zu: Die Forscher hätten den Erregungszustand der Schimpansen in ihrer Studie gar nicht berücksichtigt. "Das kann zu falschen Schlüssen führen, was die Ursache der Lautveränderung angeht." Anders gesagt: Ein aufgeregter Affe hört sich anders an als ein entspannter.

"In anderem Umfeld gefüttert"

"Vielleicht haben die Schimpansen in den Niederlanden zu Beginn etwas andere Laute ausgestoßen als die Affen in Schottland und diese dann leicht verändert. Einfach, weil sie in einem anderen Umfeld gefüttert wurden", erklärt Fischer.

Slocombe und Kollegen haben bereits auf die Kritik reagiert: Ihnen sei keine Literatur bekannt, die zeige, dass Aufregung unabhängig von der Ernährung Einfluss auf die Lautäußerungen habe, schreiben sie.

Nur wenige Affen riefen anders

Der zweite Vorwurf von Fischer und Kollegen wiegt ohnehin schwerer: Demnach hat sich der Großteil der Affenrufe von Anfang an gar nicht unterschieden - egal, wo die Tiere lebten. "Die meisten Schimpansen aus beiden Gruppen haben immer mit dem gleichen allgemeingültigen Ruf auf die Äpfel reagiert", schreiben die Forscher.

Lediglich sieben der insgesamt 20 Rufe der Schimpansen aus den Niederlanden hatten demnach zu Studienbeginn eine höhere Frequenz als die Laute der Schimpansen aus Schottland. Drei Jahre nach dem Umzug seien es immer noch fünf Rufe gewesen, die sich von den anderen unterschieden. "Die Veränderungen über die vielen Jahre waren also nicht besonders bemerkenswert", so die Forscher.

Keine neue Sprache, sondern ein neuer Dialekt

Slocombe und Kollegen halten dagegen, die Unterschiede seien statistisch signifikant. Zudem hätten sie nie behauptet, die Schimpansen hätten eine neue Sprache gelernt, sondern eher einen neuen Dialekt.

"Es gibt eine statistische Signifikanz", muss auch Brandon Wheeler von der University of Kent zugeben, der die Studie zusammen mit Fischer überprüft hat. Allerdings seien Veränderungen in der Stimmgebung von Tieren, deren soziale Umgebung sich verändert, lange bekannt. Bei den meisten Primaten sei das der Fall - auch bei Ziegen.

Aus biologischer Sicht scheine es daher nicht plausibel anzunehmen, dass die Affen ein neues Wort für den gleichen Gegenstand gelernt hätten. "Es sieht nicht so aus, als könnte uns die Studie viel über die Evolution unserer Sprache verraten", fasst Fischer zusammen. Sie geht weiter davon aus, dass der Laut der Signalrufe, mit denen Schimpansen beispielsweise auch auf Gefahren hinweisen, im Wesentlichen angeboren ist.

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