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Prekäre Corona-Lage: Jeder Kontakt ist ein Risiko

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Jeder Kontakt ist ein Risiko

23.01.2021, 07:00 Uhr
Prekäre Corona-Lage: Jeder Kontakt ist ein Risiko. In vielen Büros, wie hier in Düsseldorf, wird auch jetzt noch gearbeitet.  (Quelle: dpa/Rolf Vennenbernd)

In vielen Büros, wie hier in Düsseldorf, wird auch jetzt noch gearbeitet. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Zeit kann sich unterschiedlich anfühlen. Mal rast sie vorbei, mal zieht sie sich quälend lang hin. Ein Jahr ist es kommende Woche her, dass die ersten Corona-Fälle in Deutschland dokumentiert wurden, mehrere Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto im oberbayerischen Stockdorf hatten sich bei einer chinesischen Kollegin angesteckt. Die Unternehmensleitung reagierte sofort, schloss ihren Stammsitz und informierte alle gefährdeten Mitarbeiter. "Ich glaube, wir haben verdammt viel richtig gemacht", sagte Firmenchef Holger Engelmann später. "Wie wir damals gehandelt haben, ist auch aus heutiger Sicht eine Blaupause, wie man Infektionsketten unterbricht." Hätten er und seine Leute auf das Gesundheitsamt gewartet, hätte der erste Ausbruch vermutlich noch schlimmere Folgen gehabt. Der Manager konnte die Gefahr auch deshalb einschätzen, weil er China kannte.

Gut fünf Monate zuvor war ich ihm in Wuhan begegnet, als er dort gemeinsam mit Angela Merkel ein neues Werk eröffnete. Im Tagesanbruch habe ich von der Reise berichtet. Damals ahnten weder der Manager noch die Kanzlerin, dass die chinesische Metropole schon bald der Ursprung einer Jahrhundertpandemie werden würde. Aber dass man schnell sein muss, wenn eine unbekannte Krankheit ausbricht, das weiß man in China spätestens seit der SARS-Epidemie 2002. Chinas Rolle in der Corona-Pandemie bietet viel Anlass zur Kritik, die anfängliche Vertuschung hat die weltweite Verbreitung des Virus begünstigt. Doch von der Entschlossenheit, mit der die Chinesen den Erreger bekämpft haben, können sich viele Länder eine Scheibe abschneiden.

Kanzlerin Merkel im vergangenen September in Wuhan.  (Quelle: Florian Harms)Kanzlerin Merkel im vergangenen September in Wuhan. (Quelle: Florian Harms)

In Deutschland haben wir ein Jahr nach dem ersten Corona-Kontakt die Kontrolle über das Virus verloren. Die Gesundheitsämter verfolgen die Kontakte der Infizierten schon lange nicht mehr, die Politik beschränkt sich darauf, die Seuche halbwegs einzudämmen. Das gelingt nur mäßig. Jede Woche sterben hierzulande um die 6.000 Menschen an oder mit dem Coronavirus. Die Impfkampagne kommt nur schleppend voran. Die EU will koordinieren, tut sich aber schon schwer damit, den Überblick zu bewahren. Die Bundesländer verheddern sich im Klein-Klein der Sicherheitsregeln, irgendjemand findet immer eine Ausnahme. Und nun wächst auch noch das Risiko durch die unberechenbaren Mutationen des Virus.

Doch es wäre ungerecht, nur mit dem Finger auf die Politiker zu zeigen. In die prekäre Lage sind wir auch deshalb geraten, weil viele Bürger die Gefahr nicht mehr ernst nehmen. Sie fühlen sich unantastbar, sie sind müde nach dem Dauer-Lockdown oder sie haben einfach die Faxen dicke vom permanenten Corona hier, Corona da. Psychologisch ist diese Haltung nachvollziehbar, sozial ist sie nicht. Mehr noch, sie ist unsolidarisch. Selbst wer meint, aufgrund seiner Jugend, seiner Gesundheit oder seines großen Egos unangreifbar zu sein, trägt eine Verantwortung für andere. Wir haben jetzt nicht nur uns selbst zu schützen, sondern auch unsere Mitmenschen. Die Kassiererin im Supermarkt, den Kollegen am Fließband, den Paketboten. Jeder Kontakt ist ein Gesundheitsrisiko.

Unzählige Male ist die Solidarität beschworen worden, zu Beginn der Seuche hat das gut geklappt. Auch heute hält sich die Mehrheit der Bürger an die Hygiene- und Isolationsregeln, obwohl das hart ist, und besonders hart im dunklen Winter. Aus dieser Selbstdisziplin erwächst aber auch ein Anspruch gegenüber anderen. Wer sich selbst zusammenreißt und große Entbehrungen auf sich nimmt, um sich und andere zu schützen, der darf erwarten, dass es andere Menschen ebenso tun. Deshalb verstehe ich jeden, der sich in diesen Tagen über jene ärgert, die am Arbeitsplatz aufs Händewaschen pfeifen, die sich an der Käsetheke vordrängeln oder die sich auch dann noch in die S-Bahn quetschen, wenn sie eh schon zu voll ist. Es sind die vermeintlich kleinen Momente im Alltag, die jetzt große Bedeutung erlangen. Und wahre Größe besitzen jene, die das erkennen und rücksichtsvoll handeln.

Um die großen und kleinen Fragen im Kampf gegen Corona geht es heute auch in unserem Podcast. Marc Krüger und ich sprechen darüber, warum die gegenwärtige Situation so riskant ist und was wir tun können, um sie zu entschärfen. Außerdem blicken wir auf die ersten Amtshandlungen des neuen US-Präsidenten und wagen einen Ausblick auf dessen nächste Schritte. Schlussendlich verrate ich Ihnen ein Rezept für einen Zaubertrank. Sind das nicht drei gute Gründe, uns heute zuzuhören? Eben:

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Draußen ist’s ungemütlich, also brauchen wir etwas, das die Stimmung aufhellt. Da muss ich nicht lange suchen. Lassen Sie uns dieses Wochenende mit einem großartigen Song des unvergessenen Bill Withers beginnen: What a lovely day! 

Genau das wünsche ich Ihnen heute.

Herzliche Grüße,
Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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