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Tagesanbruch am Wochenende: Die Corona-Krise hat auch ihre guten Seiten

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Die guten Seiten der Krise

23.05.2020, 09:18 Uhr
Tagesanbruch am Wochenende: Die Corona-Krise hat auch ihre guten Seiten. Sympathische Zimmerbeleuchtung in einem Hotel am Berliner Alexanderplatz: Ob wir die Corona-Zeit nur als Krise wahrnehmen oder auch als Chance, liegt auch an uns selbst. (Quelle: imago images)

Sympathische Zimmerbeleuchtung in einem Hotel am Berliner Alexanderplatz: Ob wir die Corona-Zeit nur als Krise wahrnehmen oder auch als Chance, liegt auch an uns selbst. (Quelle: imago images)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

manchmal müssen wir zu unserem Glück gezwungen werden. Ein guter Freund, der uns mit einem Spontanausflug überrascht. Ein Kind, das unser Smartphone versteckt, damit wir endlich Zeit zum Fußballspielen haben. Oder ein gefährliches Virus, das uns wochenlang in unsere Wohnungen zwingt. Wie bitte? Ja, richtig, die Corona-Krise und die viel geschmähten Kontaktsperreregeln haben auch ihre guten Seiten. Mir fällt das an anderen Menschen, aber auch an mir selbst auf. Florian Harms vor drei Monaten: hetzte von A nach B, heute hier und morgen dort, Bahnhöfe, Flughäfen, Taxis, Hotels, wo bin ich gerade? Egal, Hauptsache schnell und effektiv. Kaum Zeit für Freunde, kein Blick mehr als nötig für die Umgebung, stattdessen zielstrebig durch die Menschenmenge, lasst mich durch. Florian Harms heute: zwar immer noch kein besserer Mensch (der Zug ist abgefahren), aber immerhin einer, der nicht mehr von morgens bis abends rumhibbelt. Der nach der Arbeit einen Spaziergang macht oder Freunde anruft, der sein Bücherregal wiederentdeckt – und der sehr viel aufmerksamer auf seine Mitmenschen achtet, wenn er draußen unterwegs ist.

Damit ist er nicht allein, der Herr Harms, jedenfalls hat er den Eindruck. Wir achten alle sehr viel sorgsamer aufeinander. In erster Linie aus der Sorge heraus, uns zu infizieren oder andere anzustecken, klar. Aber da ist noch mehr. Achten Sie mal darauf, wenn Sie das nächste Mal im Anderthalb-Meter-Abstand an der Supermarktkasse warten, im Zug nach einem Platz suchen oder in der Fußgängerzone aneinander vorbeigehen. Sicher, nicht alle Zweibeiner verhalten sich rücksichtsvoll (was sie übrigens mit den Vierbeinern gemeinsam haben). Aber viele legen nun in der Öffentlichkeit ein bemerkenswertes Verantwortungsbewusstsein an den Tag. Bitteschön, nach Ihnen!

Zwar wirkt der Anblick all der halbverschleierten Gesichter gelegentlich etwas befremdlich, aber es muss nicht schlecht sein, wenn sich die Ellenbogen- zur Maskengesellschaft wandelt. Abstand kann nicht nur ein medizinischer, sondern auch ein sozialer Vorteil sein. Weniger Rempler und Schubser, mehr Respekt. Einige Frauen berichten mir, dass es eine Wohltat sei, im Bus oder in der Bahn nicht mehr ständig Männern ausgesetzt zu sein, die auf Tuchfühlung gehen. Zurückhaltung ist die neue Fürsorge unserer Zeit, und vielleicht kann sie auch ein bisschen dabei helfen, den Anstand in jene Ecken unserer Gesellschaft zurückzubringen, in denen er bislang fehlte.

Darin könnte eine gesellschaftliche Chance liegen – ebenso wie in der Rückbesinnung auf die Qualitäten eines trauten Heims. Eine Umfrage von Statista und YouGov zeigt: Neben all dem Verzicht können viele Bürger der Corona-Krise auch positive Aspekte abgewinnen. Einige dieser erfreulichen Auswirkungen auf ihren Alltag wünschen sie sogar für die Zeit nach der Krise beizubehalten. Jeweils 27 Prozent der Befragten empfinden es als positiv, dass sie durch die Ausgangsbeschränkungen mehr Zeit zu Haus verbringen können und mehr Zeit für sich selbst haben. Gut ein Viertel erfreut sich daran, nun mehr Zeit für Garten oder Balkon zu haben, 23 Prozent genießen mehr Zeit mit der Familie. Auch mehr Telefonate mit Freunden und Familienangehörigen in der Ferne zählen zu den willkommenen Aspekten.


Das ist nur eine Umfrage, aber sie verdeutlicht einen Trend, den ich ebenfalls wahrnehme. An mir selbst, an meinen Bekannten und an Menschen, denen ich begegne. Das bedeutet noch lange nicht, dass uns die neue soziale Fürsorge erhalten bleibt, wenn die Krise abflaut oder das Virus irgendwann bezwungen ist. Aber die Chance dazu haben wir. Als Einzelne und als Gesellschaft. Wäre doch schön, wir würden sie nutzen, oder?

Als ich so dasaß und diese Gedanken im Kopf bewegte, piepte plötzlich mein Smartphone. Erst sah ich nicht hin, weil es, ehrlich gesagt, alle paar Minuten piept und ich jetzt ja aber so was von gelassen bin, dass ich nicht mehr immer sofort hingucken muss. Dann musste ich natürlich doch, und siehe da: Es war mein lieber Kollege Marc Krüger. Stimmt, war ja schon wieder Freitag. Tagesanbruch-Podcast. Also haben wir uns in unser virtuelles Studio eingewählt, unseren USA-Korrespondenten Fabian Reinbold dazugeschaltet und ganz gelassen über die Lage in Deutschland und der Welt geplaudert. Gibt ja allerhand zu besprechen. Wie das jetzt funktionieren soll mit der Rettung der EU durch einen riesigen Schuldenberg. Wie Frau Merkel und Herr Macron das Manöver ausgetüftelt haben. Was die Expansion Chinas damit zu tun hat. Warum Amerika immer tiefer in die Viruskrise schlittert und was daraus folgt.

Was wir über all diese Fragen denken, hören Sie in unserer heutigen Ausgabe. Also schenken Sie sich doch ganz entspannt noch einen Kaffee oder sonstwas Leckeres ein und uns ein paar Minuten Ihr Gehör.

Sie wissen es ja, aber vielleicht mögen Sie es weitersagen: Den Audio-Tagesanbruch mit dem Leitartikel und der Themenübersicht über den Tag finden Sie jeden Morgen ab 6 Uhr auf t-online.de/tagesanbruch oder zum Abonnieren bei SpotifyApple PodcastsDeezerGoogle Podcasts sowie auf den Sprachassistenten von Amazon und Google. Alles kostenlos.

Nun wünsche ich Ihnen ein entspanntes Wochenende. Ich für meinen Teil werde ganz gelassen die wunderbare CD-Box "Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt" aus dem Regal ziehen. Nicht des Titels wegen (obwohl ich den sofort unterschreiben würde), sondern weil die darauf versammelten Songs ein glückliches Wochenende garantieren. Am Montag schreibt mein Kollege Peter Schink den Tagesanbruch, ich bin dann ab Dienstagmorgen wieder für Sie da. 

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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