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Urlaub in der Corona-Krise: Die trügerische Sicherheit der Touristen

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Trügerische Sicherheit

27.06.2020, 12:13 Uhr
Urlaub in der Corona-Krise: Die trügerische Sicherheit der Touristen. Ein Schild am Strand von Cuxhaven weist Urlauber auf die vorgeschriebenen Laufwege und Sicherheitsabstände hin. (Quelle: dpa/Sina Schuldt)

Ein Schild am Strand von Cuxhaven weist Urlauber auf die vorgeschriebenen Laufwege und Sicherheitsabstände hin. (Quelle: Sina Schuldt/dpa)

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Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass wir auf die falsche Fährte geführt wurden. Ende Januar war es, als ein Bild um die Welt ging. Es stammte aus Wuhan, wo das neue, unbekannte Virus wütete, von dem selbst mancher Virologe damals noch behauptete, es sei weniger schlimm als die Grippe. Aber auf dem Foto aus Wuhan lag ein Toter mitten auf dem Gehweg. Die Botschaft war für jedermann verständlich: Covid-19 ist gekommen, und Leichen werden unseren Weg säumen.

Nun sind wir um einige Monate klüger und dürfen feststellen: Die Vorstellung des allgegenwärtig sichtbaren Todes hat uns aufs Glatteis geführt. Die Krankheit fordert ihre Opfer, aber wir sind trotz aller gelegentlich bemühten martialischen Metaphern nicht im Krieg. Wir treten vor die Tür, und noch nie haben wir dort jemanden gesehen, der vom Virus niedergestreckt worden ist. Für die meisten von uns fordert Covid-19 seine Opfer nur im Abstrakten.

Ja, es gab die schlimmen Fernsehbilder aus Bergamo. Fotos von Kühllastwagen, in denen New Yorker Krankenhäuser all die Verstorbenen einlagerten, die nicht mehr in die Leichenhallen passten. Die Luftaufnahmen eilig vergrößerter Friedhöfe im Iran. Aber die Realität in Deutschland ist eine andere. Unser Land hat die Pandemie bis jetzt ausgesprochen erfolgreich bekämpft. In die persönliche Lebenswelt der meisten Bürger ist das tödliche Leid nicht vorgedrungen. Selbst an den schlimmsten Krisenherden – wie im Jemen, wo sich das Virus nahezu ungehindert ausbreiten kann – ist auf der Straße nicht viel davon zu sehen. Denn wer krank ist, der entschwindet dem Blick ins Krankenhaus. Und wo es nicht einmal ein Krankenhaus gibt, verschwindet man zu Hause. Gelitten wird privat. Und unsichtbar gestorben.

Das Coronavirus ist ein leiser Zeitgenosse. Für Momente kann man sogar vergessen, dass es noch unter uns ist. Wer im Urlaub bei unseren Nachbarn vorbeischaut, darf mancherorts erfahren, wie normal das Leben schon wieder geworden ist. Und sich je nach Veranlagung erleichtert oder unwohl dabei fühlen, in einem österreichischen Supermarkt den Einkaufswagen an anderen Kunden vorbeizuschieben, ohne dass irgendwer sich selbst und andere mit einer Maske schützt. Ein paar Straßen weiter drängen sich Mitglieder eines Sportvereins an der Bar, prosten sich mit dem Feierabendbier zu, Schulter an Schulter. Alles wie immer. Als wäre Ischgl bloß ein Ort und kein Ereignis.

Die WHO vermeldet in ersten europäischen Ländern die Rückkehr der Pandemie. In einigen, wie in Schweden, war sie nie weg. Weltweit wütet das Virus so schlimm wie noch nie, nimmt nun Südamerika immer fester in den Griff. Die Zahl der Infizierten steigt schneller als je zuvor. Doch im Leben der meisten Deutschen ist davon wenig sichtbar – trotz der Ausbrüche in Westfalen und andernorts. Stattdessen Sommer, Sonne, vielleicht Ferien, ganz sicher kein Inferno.

Tönnies-Mitarbeiter in Quarantäne in Rheda-Wiedenbrück. (Quelle: AP/dpa/Martin Meissner)Tönnies-Mitarbeiter in Quarantäne in Rheda-Wiedenbrück. (Quelle: Martin Meissner/AP/dpa)

Lassen wir uns von dieser trügerischen Sicherheit nicht täuschen. Wir alle haben den sommerlichen Frieden mit Disziplin und Durchhalten hart erarbeitet. Das Privileg, in einer wohlhabenden, bestens versorgten Gesellschaft zu leben, hat uns das erst ermöglicht. Wer kann, mag deshalb vielleicht diejenigen unterstützen, denen die Gnade eines so vorteilhaften Geburtsorts nicht vergönnt ist. Wir aber dürfen jetzt in unserer geschützten europäischen Blase die Ruhe genießen. Am besten als das, was sie wirklich ist: eine verdiente, begrenzte Verschnaufpause. Gibt es nicht ein Wort dafür? Aber klar! Wir haben Urlaub.

Bevor wir dorthin entschwinden, bitten mein Kollege Marc Krüger und ich Sie um Ihr Ohr. In unserem heutigen Podcast ziehen wir ein Zwischenfazit nach vier Monaten Corona-Lage in Deutschland, ordnen ein, was gut gelaufen ist und was nicht:

Es ist unser letzter Wochenend-Podcast vor der Sommerpause. Die Werktagausgabe des Tagesanbruchs finden Sie natürlich auch weiterhin montags bis freitags ab 6 Uhr auf t-online.de/tagesanbruch oder zum Abonnieren bei SpotifyApple PodcastsDeezerGoogle Podcasts sowie auf den Sprachassistenten von Amazon und Google. Meine Kollegen werden Sie verlässlich bedienen. 

Nun wünsche ich Ihnen ein sonniges Wochenende. Heute gibt es einen Musik- und einen Lesetipp. Ersterer ist das Album "Mai guai" der Südtiroler Band Ganes: Die drei Damen machen eine wunderbar leichte Musik; hier bekommen Sie einen Eindruck. Schmökern mögen Sie dazu vielleicht in Martin Meyers Buch "Corona": Der Schweizer Publizist und langjährige Leiter des Feuilletons der "Neuen Zürcher Zeitung" hat wohl als Erster die Pandemie zum Anlass für eine Erzählung genommen. Darin stellt er uns sechs Werke aus der Weltliteratur vor, die sich zu früheren Zeiten mit Seuchen befasst haben und uns so besondere Einblicke geben. Von mir lesen Sie am 21. Juli wieder.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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