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Warum wir alle der Staat sind

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Zu viele leben ihr normales Leben weiter!

17.10.2020, 07:00 Uhr
Warum wir alle der Staat sind. Nicht immer auf andere zeigen: Passanten in der Frankfurter Innenstadt (Quelle: imago images)

Nicht immer auf andere zeigen: Passanten in der Frankfurter Innenstadt (Quelle: imago images)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörerinnen und Hörer,

es ist ein Leichtes, die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten für die Corona-Beschlüsse in dieser Woche zu kritisieren. Zu spät. Zu wenig. Zu uneinheitlich. Und so weiter. 

Wenn dann noch Gerichte Maßnahmen wie das Beherbergungsverbot und eine Sperrstunde kippen, wie es in den vergangenen Tagen gleich mehrfach geschah, wird das Vertrauen in die Beschlüsse der Politik weiter untergraben. Bis zur Häme über "die da oben" ist es dann leider nicht mehr allzu weit. 

Schwieriger als andere zu kritisieren ist es, sich selbst kritisch zu hinterfragen: Muss ich nächste Woche nach Sizilien fliegen? Soll ich mich heute Abend in einer Kneipe verabreden? Und was ist mit der Geburtstagsfeier morgen?

Dass sich die Corona-Lage in Deutschland zuletzt verschärft hat, ist eben nicht nur die Folge mangelnder Entscheidungsfreude seitens der Politik, sondern liegt auch an einer fehlenden Bereitschaft zur Selbstbeschränkung bei einer beträchtlichen Anzahl von Bürgern. Zu viele leben ihr normales Leben weiter!

Aber nur, wenn ein möglichst großer Anteil der Bevölkerung bereit ist, nicht nur für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, sondern für die Gesellschaft insgesamt, können wir dieser Krise trotzen. Denn der Staat sind wir alle – und nicht nur Politiker und Beamte. 

Wir können gerade im Moment froh sein, dass die politischen Spitzenämter bei uns überwiegend von Menschen besetzt werden, die meistens ganz vernünftig handeln. Der Thüringer Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) hat recht, wenn er über die Runde der Ministerpräsidenten sagt: "Wir sind nicht 16 Dödel."

Natürlich gibt es auch bei uns inzwischen populistische Tendenzen. Aber sie sind zum Glück immer noch überschaubar. Wer das nicht glaubt, muss gar nicht bis Washington gucken, ein Blick nach London genügt. Der britische Premier Boris Johnson kündigte am Freitag beleidigt an, die EU sei nicht bereit, ernsthaft über die künftigen Beziehungen zu verhandeln. Dabei sind die nächsten Verhandlungsrunden zwischen der EU und Großbritannien längst verabredet. Nächste Woche geht es weiter. 

Johnson folgt beim Brexit jener Helden-Inszenierung, die Populisten zum Überleben brauchen. Deshalb erzeugt er nun eine weitere künstliche Krise, die er dann – natürlich völlig überraschend – doch noch löst. Weil er selbstverständlich der Gewinner der Auseinandersetzung ist, lässt er sich dafür entsprechend feiern. 

Eine Weile mag das unterhaltsam sein, auf Dauer ist es für die Zuschauer anstregend und für die Demokratie gefährlich. Deshalb sind mir langweilig wirkende Politiker wie Angela Merkel oder Olaf Scholz lieber. Auch darüber habe ich mit meinem Kollegen Marc Krüger im heutigen Podcast gesprochen. Hören Sie bitte hinein:

Über Ihre Meinung freuen wir uns. Sie erreichen uns per E-Mail sowie auf SpotifyApple PodcastsDeezerGoogle Podcasts oder den Sprachassistenten von Amazon und Google.

Ich wünsche Ihnen ein gesundes Wochenende. 

Ihr

Sven Böll
Managing Editor t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @SvenBoell

Mit Material von dpa.

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