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Essen: Der Fußball im Bankschließfach

Fußball-WM 1954  

Essener bewahrt legendären Ball im Bankschließfach auf

Von Tim Müßle

14.06.2019, 17:21 Uhr
Essen: Der Fußball im Bankschließfach. Ein alter Fußball: Glaubt man seinem Besitzer, trägt er 15 Unterschriften von Nationalspielern, die bei der WM im Jahr 1954 dabei waren. (Quelle: Tim Müßle)

Ein alter Fußball: Glaubt man seinem Besitzer, trägt er 15 Unterschriften von Nationalspielern, die bei der WM im Jahr 1954 dabei waren. (Quelle: Tim Müßle)

In einem Bankschließfach in Essen ruht der Schatz von Peter Schreiber. Der Friseurmeister öffnet das Fach nur selten, und wenn, dann nur mit Baumwollhandschuhen. Der Schatz im Schließfach stammt aus dem Jahr 1954, ist rund, gehört ins Eckige und trägt 15 Unterschriften von Fußball-Heroen, die bei der WM von 1954 dabei waren. Beim legendären "Wunder von Bern".

1954 war Schreiber drei Jahre alt. Sein Vater fuhr zur WM nach Bern, der kleine Peter blieb zu Hause in Gelsenkirchen. Mit in Papas Gepäck: Ein eigens gekaufter Fußball, ähnlich des damaligen Turnierballes. "Mein Vater war ein ganz großer Fußballfan", sagt Schreiber, der als Friseurmeister in Essen ein eigenes Geschäft hat, "und er kannte den Berni Klodt persönlich. Der kam ja auch aus Gelsenkirchen."

Bernhardt "Berni" Klodt gehörte zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft von 1954. Im Finale saß er allerdings auf der Ersatzbank. Er hätte also vielleicht Zeit gehabt, den Ball für Unterschriften herumzureichen. Schreiber: "Mein Papa hat mir erzählt, dass der in der Halbzeit die Unterschriften bekommen hat."

Neues Selbstbewusstsein durch den WM-Sieg

Fußball-Artefakte wie der Ball von Peter Schreiber erinnern an eine Periode, in der Fußball noch nicht so stark wie heute inszeniert wurde. Vielleicht ist das "Wunder von Bern" auch deshalb heute noch wichtig. Nach dem WM-Sieg 1954 feierten viele Deutsche die Wiedergeburt des Selbstbewusstseins. Man war wieder wer – und hatte das Gefühl, es auch wieder sein zu dürfen. Zudem kam der Sieg unerwartet. Deutschland hatte vor dem Finale gezittert. Denn bereits im zweiten Spiel der WM hatte die "Goldene Elf", wie die Ungarn damals ihre Nationalmannschaft nannten, Deutschland mit 8:3 vom Platz gefegt.

Und im Finale führt Ungarn lange 2:0. Als Underdog gelang es Deutschland dann doch noch irgendwie, drei Tore zu schießen. Vielleicht erklärt auch das die Faszination, die 60 Jahre alte Fußbälle mit verblassenden Unterschriften heute noch auslösen können. Ansgar Molzberger ist Dozent an der Sporthochschule Köln. Er weiß: "18- oder 19-jährige Studenten kennen heute die WM von 1954, im Gegensatz zu der von 1974. Die ist vergessen."

Doch kann der Ball von Peter Schreiber echt sein? Die Unterschriften? Und warum interessiert das heute überhaupt noch jemanden, 64 Jahre danach? Möglich wär’s – einen handfesten Beweis hat Schreiber nicht.

Besucher im Deutschen Fußballmuseum (Quelle: dpa)Besucher im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Foto: Ina Fassbender/Archiv

"Geschichte nicht unwahrscheinlich"

Wenn es eine Institution in Deutschland gibt, die Peter Schreibers Ball beurteilen kann, dann ist es das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund. Schließlich liegt dort der echte Ball des Finales von 1954, in einer eigenen Abteilung, hinter Spezialglas. Manuel Neukirchner ist der Direktor des Deutschen Fußballmuseums. Er findet: "Die Geschichte können wir Ihnen natürlich so nicht bestätigen, wir halten sie jedoch auch nicht für unwahrscheinlich."

Was Neukirchner aber mit Sicherheit sagen kann: "Der Ball stammt aus den 50er-Jahren, es handelt sich jedoch nicht um einen offiziellen Spiel- oder Trainingsball der WM." Dafür habe der Ball auch die falsche Größe.

Anhand von Fotos kommt Neukirchner zum Schluss: "Auf den ersten Blick entsprechen die Unterschriften von Werner Kohlmeyer, Horst Eckel, Fritz Walter, Berni Klodt und Ottmar Walter weitestgehend denen des Finalballs in unserem Hause." Schreibers Ball ist offenbar kein Einzelstück: "Da es nicht unüblich war, Bälle signieren zu lassen, wird es sicherlich noch einige unterschriebene Exemplare geben", so Neukirchner.

Der WM-Kader von 1954 beim Trainingslager (damals noch als DFB-Lehrgang bezeichnet). Das Team um Trainer Sepp Herberger (ob.li.), Final-Sieg-Torschütze Helmut Rahn (ob.9.v.li.) und Kapitän Fritz Walter (ob.12.v.li.) schreibt mit dem "Wunder von Bern" am 4. Juli 1954 Geschichte. (Quelle: imago images/Otto Krschak)Der WM-Kader von 1954 beim Trainingslager (damals noch als DFB-Lehrgang bezeichnet). Das Team um Trainer Sepp Herberger (ob.li.), Final-Sieg-Torschütze Helmut Rahn (ob.9.v.li.) und Kapitän Fritz Walter (ob.12.v.li.) schreibt mit dem "Wunder von Bern" am 4. Juli 1954 Geschichte. (Quelle: imago images/Otto Krschak)

Woher kommen die Unterschriften?

Klingt, als könnte die Geschichte wahr sein. Vielleicht hat Berni Klodt den Ball von seinem Papa in der Halbzeit herumgereicht, vielleicht zu einer anderen Gelegenheit. Vielleicht sind die Unterschriften auch ganz anders auf die Pille gekommen.

Im Fußball wird nicht nur viel gekickt, sondern auch viel geredet. Weil es eine Beschäftigung ist, über die man eben viel reden kann. Es macht halt mehr Freude, über Fußball zu fachsimpeln als über die eigenen Finanzen oder die Rente. Und wirklich jeder kann mitreden. Denn Fußball ist einfach.

Man braucht eigentlich keinen DFB, keine Fifa und auch kein Fußballmuseum, um Freude am Fußball zu haben. Man braucht nur einen Ball, ein paar Kumpels und zwei Rucksäcke als Tor. Jeder Neunjährige kann sich so an der Bewegung und an der eigenen Leistung berauschen. Kann davon träumen, einmal Fußballprofi zu werden. Ganz egal, wo er herkommt oder was die Eltern verdienen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Menschen Relikte, wie Peter Schreiber seinen Ball, im Bankschließfach bewahren.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

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