Anzeige
Sie sind hier: Home > Politik > Specials > Klima & Umwelt >

Erderwärmung: Notoperationen fürs Weltklima (1)

Erderwärmung  

Sechs Notoperationen fürs Weltklima

28.04.2008, 09:28 Uhr | Spiegel Online

Von Holger Dambeck

Eine Vision: Rund 16 Billionen Scheiben sollen einen Schwarm formen - und so Sonnenlicht reflektieren (Quelle: UA Steward Observatory)Eine Vision: Rund 16 Billionen Scheiben sollen einen Schwarm formen - und so Sonnenlicht reflektieren (Quelle: UA Steward Observatory) Soll jemand, der aus Versehen eine Fliege verschluckt hat, gleich noch eine Spinne hinterher schlucken, die dann die Fliege vertilgt? Ronald Prinn bemüht gern markige Vergleiche, wenn es um Erderwärmung und Geoengineering geht, also gezielte Eingriffe in Atmosphäre oder Ozeane. Der Direktor des Center for Global Change Science am Massachusetts Institute of Technology (MIT) betrachtet Geoengineering mit einer gewissen Skepsis.

Kampf gegen Sonnenstrahlen und CO2

Grundsätzlich existieren zwei verschiedene Konzepte: Entweder man verringert die auf der Erde absorbierte Sonneneinstrahlung, etwa mit großen Spiegeln im All, Schwefelpartikeln oder mehr weißen Wolken. Oder aber CO2 wird in großen Mengen aus der Atmosphäre geholt und im Meer oder unterirdischen Speichern versenkt. Der in beiden Fällen erwünschte Effekt: Es wird kühler auf der Erde, die gefürchtete Erderwärmung bleibt aus oder wird verlangsamt.

Interaktive Grafik Die neun Schlüsselstellen des Weltklimas
Zum Durchklicken Geschichte des Klimawandels
Eisschmelze in der Antarktis Gar nicht so schlecht?
Antarktis Gigantischer Eisblock bricht ab

Forscher zerstritten über Nutzen

Wie kontrovers das Thema selbst unter Wissenschaftlern diskutiert wird, zeigte sich vergangene Woche auch auf dem Jahrestreffen der European Geosciences Union (EGU) in Wien. Einige Forscher warnten vor gefährlichen Experimenten mit ungewissem Ausgang, andere fragten pragmatisch: "Warum eigentlich nicht?". Mancher Politiker oder Manager hält Geoengineering sogar für die geniale Lösung eines Problems, das er ansonsten lieber negiert. Vor allem in den USA, wo die derzeitige Regierung Bush eine CO2-Reduzierung bislang ablehnt, kommt Geoengineering besonders gut an.

Alles ist so unsicher

Wenn Wissenschaftler aber Chancen und Risiken seriös beurteilen wollen, stehen sie vor einem derzeit kaum lösbaren Problem: "Wir können die Auswirkungen von Geoengineering nicht genauer berechnen als die Konsequenzen des CO2-Anstiegs", sagt MIT-Forscher Prinn. In der Tat sind viele Fragen zum Klimawandel noch offen. Wie stark steigt der Meeresspiegel wirklich? Wie schnell schmelzen die Gletscher? Ist es angesichts dieser Unsicherheiten eine gute Idee, etwa zwecks Kühlung tonnenweise Schwefel in die Stratosphäre zu pusten, wie es der Nobelpreisträger Paul Crutzen vorgeschlagen hat?

"Wie Aufforderung zu riskantem Verhalten"

Argumente gegen weitreichende Eingriffe ins Klima gibt es zuhauf: "Geoengineering könnte wie eine Aufforderung zu riskantem Verhalten wirken, also noch mehr CO2 zur Folge haben", meint Ken Caldeira von der Carnegie Institution of Washington in Stanford. "Am Ende landen wir bei viel CO2 und viel Geoengineering. Es verringert die Motivation, den CO2-Ausstoß zu verringern." Der Forscher warnt zudem vor Konflikten zwischen weniger und stärker von den Eingriffen betroffenen Regionen: "Es wird Gewinner und Verlierer geben, das könnte Kriege zur Folge haben."

Zum Durchklicken So wird das Klima in Deutschland
UN-Klimabericht Düstere Aussichten
Animierte Grafik Die globale Erwärmung

Hintergründe zum Klimawandel (Montage: T-Online)Hintergründe zum Klimawandel (Montage: T-Online)

Wie eine Droge

Das Riskante am Geoengineering ist zudem, dass es wie eine Droge wirkt. Einmal damit angefangen, könnte es sein, dass die Menschheit kaum wieder davon loskommt. "Wenn man es stoppt, gehen die Temperaturen sofort nach oben", sagt Oliver Wingenter vom New Mexico Institute of Mining and Technology in Socorro. "Das Problem ist das Kohlendioxid."

Könnte trotzdem hilfreich sein

Trotzdem hält der Forscher, der sich intensiv mit der Düngung der Ozeane beschäftigt hat, Geoengineering für eine bedenkenswerte Option. Die Eingriffe könnten der Menschheit für 10 oder 20 Jahre helfen, den Klimawandel zu bremsen, sagt Wingenter im Gespräch mit Spiegel Online. "Es wäre allerdings töricht, Geoengineering ohne CO2-Reduktion zu machen."

Für den Notfall

Auch sein Kollege Caldeira von der Carnegie Institution of Washington will das Ganze zumindest für den Notfall nicht ausschließen: "Nehmen wir an, die Menschheit folgt den Empfehlungen des Weltklimarats IPCC, doch die Veränderungen sind trotzdem dramatisch. Dann könnte Geoengineering interessant werden."

Ozonschicht könnte geschädigt werden

Wingenter beklagt, dass manche Kollegen vor allem beweisen wollten, dass bestimmte Techniken - etwa das Ausbringen von Schwefel in die Stratosphäre - nicht funktionierten oder gewaltige Nebenwirkungen hätten. So warnt ein internationales Forscherteam in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Science" vor den Schäden an der Ozonschicht, die kühlende Sulfate in der Atmosphäre anrichten könnten. Vor allem an den Polen würde die vor UV-Strahlung schützende Schicht beschädigt, ergaben die Simulationen.

UN-Klimabericht Düstere Aussichten
Animierte Grafik Die globale Erderwärmung
Zum Durchklicken Geschichte des Klimawandels

Hoffnung nicht aufgegeben

"Wir wissen, dass Sulfat die Ozonschicht zerstören kann", sagt Wingenter. "Aber warum probieren wir nicht etwas anderes aus?" Er ist sich mit vielen Kollegen einig, dass mögliche Eingriffe zum Abmildern der Erderwärmung genau studiert werden sollten - aber eben ohne ideologische Scheuklappen. "Wir müssen Geoengineering untersuchen, bevor wir völlig die Hoffnung verlieren", sagt er. Ähnlich äußert sich der Atmosphärenforscher Rolf Müller vom Forschungszentrum Jülich, der gerade in "Science" vor den Risiken des Einsatzes von Schwefel warnt. "Die möglichen Auswirkungen von Geoengineering auf Ozonschicht und Klima müssen viel besser erforscht werden", meint Müller. "Wir stehen hier erst am Anfang."

Ideen erscheinen verrückt

Arbeit für die nächsten Jahre haben die Wissenschaftler auf jeden Fall genug. An teils verrückt erscheinenden Ideen zur Rettung des Weltklimas mangelt es nicht:

Weiter zu Teil 2...

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige


shopping-portal