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US-Luftwaffe soll das Sonnenlicht dimmen

Konzept gegen die Erderwärmung  

US-Luftwaffe soll das Sonnenlicht dimmen

22.12.2008, 11:21 Uhr | Spiegel Online

Aus San Francisco berichtet Holger Dambeck

Ein F-15C Eagle Kampfjet der US Air Force (Foto: AFP)Ein F-15C Eagle Kampfjet der US Air Force (Foto: AFP)

Jeden Tag steigen Militärjets auf, bomben Schwefel in die Stratosphäre und machen die Welt ein bisschen dunkler: So will der US-Forscher Alan Robock die Erderwärmung bremsen. Die Idee eines Phantasten? Kaum - auch immer mehr seiner Kollegen präsentieren verblüffende Rezepte gegen den Klimakollaps.

Schwerter zu Pflugscharen - das alte Motto der DDR-Friedensbewegung könnte im 21. Jahrhundert in modifizierter Form wieder aktuell werden. Ein amerikanischer Umweltforscher hat es dabei nicht auf Gewehre oder Kanonen abgesehen, um sie zu nützlichen, friedlichen Werkzeugen zu machen. Vielmehr will er mit Flugzeugen der US Air Force das Klima der Erde retten.

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Tankflugzeuge sollen Schwefel in die Luft blasen

Alan Robock von der Rutgers State University of New Jersey möchte Tankflugzeuge oder Kampfjets dreimal am Tag hoch in die Stratosphäre schicken, um dort Tausende Tonnen Schwefel in die Luft zu pusten. Ziel der Operation: Dämpfung des Sonnenlichts durch die feinen Schwefelpartikel. Um ein paar Prozent nur, aber das würde reichen, um einen extremen Anstieg der Temperaturen zu verhindern, wie er laut Prognose des Weltklimarats IPCC droht, falls die Menschheit ihren CO2-Ausstoß nicht drastisch reduziert.

Forscher werden kreativ

Geoengineering heißt das Forschungsgebiet, das auf dem Herbsttreffen der American Geophysical Union (AGU) zu den vieldiskutierten Themen gehört. Doppelt so viele Manuskripte wie im Vorjahr wurden eingereicht, immer mehr Forscher ersinnen teils völlig verrückt erscheinende Maßnahmen gegen den Klimawandel. Schwefelbomben in der Stratosphäre sind nur ein Konzept. Wissenschaftler erwägen auch gigantische Sonnensegel im All, die Düngung der Meere oder eine Flotte von Geisterschiffen, die Wolken heller machen sollen.

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Vulkanausbruch als Blaupause

Schwefel, genauer gesagt Schwefeldioxid, gilt deshalb als vielversprechender Ansatz, weil man weiß, dass Geoengineering damit funktioniert. Die Blaupause lieferte 1991 der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen. Beim damaligen Ausbruch wurden Aschewolken mehr als 20 Kilometer hoch geschleudert. 20 Millionen Tonnen Material verteilten sich in der Stratosphäre und verdunkelten - ein ganz kleines bisschen - den Himmel. Das aber reichte, um die Temperatur weltweit um 0,5 Grad zu senken.

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Flugzeuge sind am billigsten

Alan Robock hat untersucht, mit welchen Techniken man den Schwefel in die Stratosphäre bringen könnte und was dies kosten würde. "Man kann Artilleriegeschosse oder Ballons nehmen, Flugzeuge oder einen Weltraumfahrstuhl." Seine groben, noch nicht in einem Fachblatt publizierten Kalkulationen haben ergeben, dass Flugzeuge die mit Abstand billigste Variante sind, um den Stoff in den Himmel zu transportieren.

Eine Million Tonnen müssen in die Atmosphäre

Eine Million Tonnen Schwefelwasserstoff müssen nach Robocks Klimamodell pro Jahr in die Stratosphäre gepustet werden, um die Erderwärmung deutlich abzuschwächen. Dies würde mit Ballons oder Geschossen jeweils etwa 30 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Den bislang nur als Konzept existierenden Weltraumfahrstuhl hat er gar nicht weiter untersucht. Mit Militärflugzeugen würden die Kosten je nach eingesetztem Typ zwischen 40 und 800 Millionen Dollar liegen - also Größenordnungen darunter.

"Nur 15 müssten starten"

Verblüffend gering ist der Aufwand, um die gigantische Schwefelmenge auszubringen. Das Tankflugzeug KC-135 Stratotanker kann pro Start 91 Tonnen transportieren. Wenn 15 KC-135 Jets an 250 Tagen pro Jahr dreimal starten, wäre die Arbeit getan. "Es hat mich überrascht, wie wenige Flugzeuge man braucht", sagte Robock im Gespräch mit Spiegel Online. "Nur 15. Die Air Force hat immerhin 481 Stück davon."

Tankflugzeuge für die Pole

Von den noch leistungsstärkeren Tankflugzeugen KC-10 Extender bräuchte man sogar nur neun Exemplare. Derzeitiger Bestand der US Luftwaffe laut Robock: 59 Jets. Weil die Tankflugzeuge nur Höhen zwischen 12 und 15 Kilometern erreichen, könnten sie lediglich in den Polarregionen eingesetzt werden. Dort beginnt die Stratosphäre bereits in acht Kilometern Höhe, am Äquator sind es fast 20 Kilometer. "Man würde die Einsätze wohl auf den Nordpol beschränken", erklärt Robock. "Dort ist die Erwärmung ja auch besonders groß."


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Kampfflugzeuge für die Tropen

Im Bereich der Tropen schlägt der Professor den Einsatz von F-15 Kampfflugzeugen vor. Sie können Höhen von 20 Kilometern erreichen. 167 Jets müssten 250 Tage im Jahr dreimal abheben - beladen mit jeweils acht Tonnen Schwefelwasserstoff. Die Kampfflugzeuge wären allerdings auch die teuerste Variante: 768 Millionen würden die Flüge pro Jahr kosten, deutlich mehr als bei den Tankjets KC-135 (69 Millionen) und KC-10 (41 Millionen).

Keine Angst vor dem Militär

Skrupel, das Militär in den Kampf gegen den Klimawandel einzuspannen, hat Robock keine: "Sie schützen uns vor eher fiktiven Feinden wie Russland, warum nicht auch vor Umweltgefahren?" Zudem seien die Piloten gut ausgebildet. Das Fazit des Forschers: An den Kosten sollte das Projekt Schwefel nicht scheitern.

"Geoengineering ist keine Lösung des Problems"

Einig sind sich die Geoengineering-Experten darüber, dass mögliche Eingriffe in die Atmosphäre nicht dazu führen dürfen, dass niemand mehr über die Emissionssenkungen nachdenkt. "Geoengineering ist keine Lösung des Problems der Erderwärmung, es ist eher eine Art Notanker", sagte David Keith von der University of Calgary in Alberta in Kanada. Zudem sei Geoengineering mit vielen Risiken verbunden, die sich derzeit kaum abschätzen ließen. "Wir brauchen Forschungsprogramme dafür", forderte Keith.

Optimale Spraytechnik wird noch gesucht

Dabei geht es nicht nur um Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen, wie Veränderungen der Niederschläge nach Ausbringen des Schwefels oder drohenden sauren Regen. "Wir müssen auch Techniken erforschen, wie wir den Schwefel ausbringen", erklärte Keith. Eine optimale Spraytechnik gebe es noch nicht. "Und es gibt noch andere Ideen als Schwefel."

Klimaforscher präferiert "leichte Formen"

Bei aller Skepsis und Zurückhaltung gegenüber gezielten Eingriffen in die Atmosphäre - selbst die US-Ikone der Klimaforschung, James Hansen vom Goddard Institute for Space Studies der Nasa, will Geoengineering nicht ausschließen. Er präferiere allerdings die "leichteren Formen" - sprich das Anpflanzen von Bäumen und das Verbrennen von Biokraftstoffen, wobei das CO2 aufgefangen wird. In beiden Fällen wird der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen.

Der Mut zum Risiko steigt mit der Gefahr

Doch auch weitreichendere, riskantere Eingriffe können laut Hansen nötig werden: "Wenn das Eis von Arktis und Antarktis komplett zu schmelzen droht, dann müssen wir zu solchen Maßnahmen greifen", sagte er auf dem AGU-Kongress in San Francisco. Ansonsten drohe ein drastischer Anstieg des Meeresspiegels mit dramatischen Folgen für die Menschheit.

Wirkung erst nach Jahrzehnten

Wenn die Politiker weiter so machen wie bisher und den Klimaschutz auf die lange Bank schieben, könnte die Stunde der US-Tankflugzeuge eines Tages tatsächlich kommen. Wobei es nicht um Stunden, Tage oder Wochen geht, sondern um Jahrzehnte. So lange müsste der Schwefel ausgebracht werden, um Wirkung zu erzielen.


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