Anzeige
Sie sind hier: Home > Politik > Specials > Klima & Umwelt >

Noch sechs Tage bis zur Klima-Rettung?

Weltklimagipfel in Kopenhagen  

Noch sechs Tage bis zur Klima-Rettung?

02.12.2009, 07:08 Uhr | Von Tobias Schmidt, AP

Weltklimagipfel in Kopenhagen: Wird dort die Welt gerettet werden? Derzeit sind die Aussichten eher trübe (Fotos: imago)Weltklimagipfel in Kopenhagen: Wird dort die Welt gerettet werden? Derzeit sind die Aussichten eher trübe (Foto: imago) Nein, vom Vorwurf, die Europäische Union stehle sich aus der Verantwortung beim Kampf gegen den Klimawandel, will Bundeskanzlerin Angela Merkel nichts hören. Das grenze ja an Selbstkasteiung, bemerkte sie im kleinen Kreis. Europa könne die Welt schließlich nicht alleine retten. Und mit der Position, mit der die EU nach Kopenhagen reise, lehne man sich ja schon weit aus dem Fenster.

"Es gibt niemanden außer uns, der sagt, wir brauchen 2020 100 Milliarden Euro" für Maßnahmen zum Klimaschutz in den Entwicklungsländern, betonte Merkel beim Vorbereitungstreffen der Europäer für die Weltklimakonferenz. "Es gibt niemanden, der sagt, davon übernehmen wir ein Drittel. Ich kenne keinen auf der Welt", insistierte die Kanzlerin: "Außer uns."

t-online.de Shop Energiesparen mit diesen Elektrogeräten

Rasch zusammengeschmolzen

Was sich auf den ersten Blick generös ausnimmt, schmilzt jedoch so rasch zusammen wie derzeit die Eisberge an Süd- und Nordpol. Von den 100 Milliarden Euro Entwicklungshilfe für den Klimaschutz jährlich müssten laut EU-Kommission 22 bis 50 Milliarden aus öffentlichen Mitteln kommen. Auf Grundlage eines noch zu definierenden Verteilungsschlüssels, der Wirtschaftskraft und Emissionen berücksichtigt, will die EU "den daraus resultierenden Anteil" übernehmen. So steht es windelweich in der Erklärung der EU.

t-online.de Shop Toller LCD-Fernseher zum Weihnachtspreis
t-online.de Shop Notebooks zu Top-Preisen

Ein läppischer Betrag

Die Kommission geht von einer Summe von zwei bis 15 Milliarden Euro aus. Nicht nur aus Sicht des britischen Premierministers Gordon Brown ein nahezu läppischer Betrag. Ihre Weigerung, mit einem deutlich konkreteren Finanzierungsangebot der EU zur Weltklimakonferenz zu reisen, begründet Merkel mit taktischen Gründen: Wer von vorneherein seine Verhandlungsposition auf den Tisch legt, der müsse am Ende wieder nachlegen. Punkt.

"Abdanken der Klimakanzlerin"

Umweltschützer und Europas Grünen brandmarken die Politik als "mangelhaft", beklagen ein "Abdanken der Klimakanzlerin". Aber auch neutrale Beobachter gehen hart mit Merkel ins Gericht. "Das ist sehr kurzsichtig gedacht", findet zum Beispiel Marcel Viëtor, Klimaexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

"Kleinkrämerisches Geschacher"

Europa trage als Wiege der Industrialisierung natürlich eine herausragende Verantwortung für den Klimawandel. "Mit kleinkrämerischem Geschacher können wir unsere Verhandlungspartner in China und Indien nicht überzeugen, dass es uns wirklich ernst ist", sagt Fachmann Viëtor.

Absurder Stellungskampf

Ein couragiertes Voranschreiten Europas würde auch den Druck in den USA deutlich erhöhen. Lege die EU endlich eine Summe auf den Tisch, dann könne man die USA in den Verhandlungen womöglich sogar isolieren, wenn sie nicht mitziehen würden, schätzt Viëtor. Der derzeitige Stellungskampf, in dem jeder auf den anderen wartet und meint, wer sich zuerst bewegt, verliert, sei "einfach absurd".

Europa würde profitieren

Einen Beleg dafür lieferte vor wenigen Tagen eine Studie des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Die EU-Staaten würden von Klimaschutzinvestitionen in den armen Ländern profitieren, selbst wenn die Partner in den USA oder den großen Schwellenländern weiter zögerten, so das Ergebnis. Für Europa mache sich ein rechtzeitiger Einstieg in einen umfassenden Klimaschutz auch im Alleingang bezahlt, weil die Folgekosten gesenkt werden, erklärt PIK-Chefökonom Ottmar Edenhofer.

Wo bleibt die Aufbruchstimmung?

Schon jetzt sei viel zu viel Zeit verschenkt worden, klagt Jochem Marotzke, Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und gleichzeitig Mitarbeiter im Weltklimarat. Und derzeit komme niemand auf die Idee, mit Kopenhagen so etwas wie Aufbruchstimmung zu verbinden. Durch die Furcht, am Ende womöglich ein paar Euro mehr zahlen zu müssen, hätten die EU und Merkel jede Überzeugungskraft verloren.

Eine Chance für die Welt

"Was beide nicht ausstrahlen: dass Klimawandel eine Chance ist, wirtschaftliche Möglichkeiten schafft", mahnt Marotzke. Die notwendigen Maßnahmen und Investitionen dürften nicht als Belastung dargestellt werden, denn gerade die Firmen der europäischen Hightech-Staaten würden durch Millionenaufträge zu den Nutznießern gehören. Marotzkes Botschaft: "Die Forschung zeigt es: In dem Moment, wo ich Eigeninteresse wecken kann, die Chance, Geld zu verdienen, in dem Moment werden die Anstrengungen machbar."

Wie Sand zwischen den Fingern

Die Zeit, die Chance noch nutzen zu können, verrinnt wie Sand zwischen den Fingern. Die Klimawissenschaft geht davon aus, dass spätestens 2017 der Peak der CO2-Emissionen erreicht werden muss, um einen Temperaturanstieg über zwei Grad hinaus noch abwenden zu können. Und verstreicht Kopenhagen ohne einen bindenden Deal zur Klimaschutzfinanzierung und zu verbindlichen, mittel- und langfristigen Reduktionszielen, fürchtet DGAP-Experte Marcel Viëtor, "dann wird es sich rächen". Dann dürfte die Zeit nicht mehr reichen, um bis zum Auslaufen des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 eine neue wirksame Vereinbarung zu erreichen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige


shopping-portal