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Klimawandel: Weltklimarat muss eigene Gletscher-Prognosen überprüfen

Schlampige Recherche  

Klimarat muss eigene Gletscher-Prognosen überprüfen

21.02.2010, 14:34 Uhr | Von Gerald Traufetter, Spiegel Online

Klimawandel: Die Himalaja-Gletscher sind bis 2035 doch nicht verschwunden (Foto: AFP)Klimawandel: Die Himalaja-Gletscher sind bis 2035 doch nicht verschwunden (Foto: AFP) Klimaforscher in Erklärungsnot: Die Vorhersagen des IPCC sagten den Himalaya-Gletschern ein Verschwinden bis 2035 voraus - aber sie beruhen offenbar auf peinlichen Fehlern. Ein Forscher wirft dem Weltklimarat vor, Zahlen falsch und ungeprüft übernommen zu haben.


Die Recherche kostete Graham Cogley drei Tage und Nächte. Er googelte indische Zeitungen, durchkämmte wissenschaftliche Datenbanken. Das Ergebnis seiner Recherche habe ihn "maßlos enttäuscht".

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Bislang peinlichster Fehler

Denn der kanadische Geograf hat mit seiner Detektivarbeit dem Uno-Weltklimarat IPCC den bislang peinlichsten wissenschaftlichen Fehler nachgewiesen. Es geht um die Gletscher des Himalaja und die Aussage im über 2000 Seiten starken Bericht des IPCC aus dem Jahre 2007 zum Stand der Klimaforschung. Demnach sei es "sehr wahrscheinlich", dass die Gletscher des höchsten Gebirges der Welt schon bis 2035 verschwunden seien.

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Auch Angaben zu Volumenrückgang falsch

Und auch eine Volumenangabe des Gletscherrückganges findet sich dort im Kapitel 10.6.2 auf Seite 493: "Seine Gesamtfläche wird wahrscheinlich bis ins Jahr 2035 von derzeit 500.000 Quadratkilometer auf 100.000 Quadratkilometer schrumpfen." Klimaschützer und Politiker griffen diese Passage aus dem IPCC-Bericht schnell auf. Denn wenn die Gletscher schmelzen, dann sei die Versorgung mit Wasser für Milliarden Menschen in Asien, vor allem in Indien und in China, gefährdet.

Populärwissenschaftlicher Artikel als Quelle

Doch jetzt löst sich diese Behauptung des Wissenschaftlergremiums in Luft auf, dank Cogleys hartnäckiger Suche. Als Quelle gibt der IPCC einen Bericht der Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) an. Doch schnell merkte Cogley, dass deren Quelle keine wissenschaftliche Untersuchung in einem von Forscherkollegen begutachteten Fachmagazin (peer-reviewed journal) war. "Ich fand einen Artikel des populärwissenschaftlichen Magazins 'New Scientist' aus dem Jahre 1999, das einen indischen Gletscherforscher interviewt hat", so berichtet der Klimatologe "Spiegel-Online".

"Das muss einem aufstoßen"

Dann wurde es ein wenig kniffliger. Woher stammt die Zeitangabe: 2035? Cogley googelte weiter und fand einen Artikel in einer indischen Zeitung. Lange hatte er schon an den Aussagen des IPCC über Himalajagletscher gezweifelt, denn selbst bei gigantischen Abschmelzraten würden die bisweilen mehrere hundert Meter dicken Eismassen kaum bis 2035 abgeschmolzen sein. "Das muss einem schon beim oberflächlichen Lesen falsch aufstoßen", sagt Cogley.

Aus Verdruss wird Wut

Doch dann schlägt sein Verdruss in Wut um. Denn er findet tatsächlich eine wissenschaftliche Veröffentlichung, in dem das Schrumpfen des Himalaja-Eises von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer postuliert wird. Sie stammt von Vladimir Kotlyakov, einem Doyen der russischen Gletscherforschung, aus dem Jahre 1996.

Unterschied von 315 Jahren

Doch Kotlyakov hat damals nur eine grobe Berechnung angestellt, und das Schrumpfen schätzte er weit weniger dramatisch ein: Im Jahre 2350 könnte nur noch ein Fünftel des Himalaja-Eises vorhanden sein, und nicht im Jahre 2035, was immerhin ein Unterschied von 315 Jahren ausmacht. "Es fällt mir schwer, vorzustellen, wie sich ein so grober Fehler durch alle Kontrollinstanzen des IPCC durchsetzen konnte", schäumt Cogley.

Glaubwürdigkeit in Gefahr

Auch er ist ein Autor des IPCC-Berichtes. Was ihn besonders aufregt, ist, dass mit einer solchen Fehlleistung die Glaubwürdigkeit des Gesamtwerkes leidet. "Dummerweise ist die Himalaja-Passage von der Öffentlichkeit so schnell aufgegriffen worden", klagt Cogley. Der Schaden für den IPCC sei deshalb besonders groß.

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Affäre kommt zur Unzeit

Und genau solch eine Affäre kommt für die Klimaforschung gerade zu Unzeit. Denn die Forscher stehen seit vergangenem Herbst bereits unter Druck, nachdem Hacker Hunderte von E-Mails vom Server der Climate Research Unit der Universität von East Anglia gestohlen und im Internet publiziert haben.

Zweifler reiben sich die Hände

Gerne aufgegriffen werden diese Informationen von Skeptikern, die den Klimawandel für eine große Verschwörung halten. Auch deshalb versuchen die Klimaforscher, ihre eigene Arbeit nicht im Lichte der Öffentlichkeit kritisch zu beleuchten. Der Weltklimarat IPCC tritt nach den neuerlichen Vorwürfen nun die Flucht nach vorne an. "Wir werden uns die Sache mit den Himalaja-Gletschern anschauen und eine Position dazu in den nächsten Tagen einnehmen", verspricht IPCC-Chef-Pachauri.

Starker politischer Druck

Der Inder gerät auch in seinem Heimatland in dieser Sache unter starken politischen Druck. Im November letzten Jahres hat der indische Gletscherforscher Vijay Kumar Raina eine Studie im Auftrag des dortigen Umweltministeriums veröffentlicht, die zu dem Ergebnis kam, dass "viele" indische Himalaja-Gletscher in den letzten Jahren stabil seien oder sich vergrößert haben und die Schrumpfrate "vieler anderer" sich verringert habe.

"Voodoo-Wissenschaft"

IPCC-Chef Pachauri hat diese Studie postwendend als "Voodoo-Wissenschaft", beschimpft. Der Auftraggeber der Studie, der indische Umweltminister Jairam Ramesh, ließ gestern mit Genugtuung verlauten: "Ich hatte recht mit den Gletschern." Reagiert hat auch die Naturschutzorganisation WWF, die im IPCC-Bericht als Quelle für das apokalyptische Szenario hergehalten hat. Kleinlaut heißt es dort: "Obwohl Wissenschaftler zutiefst besorgt sind über den Rückzug der Gletscher in dieser Region, hat sich diese bestimmte Vorhersage als falsch erwiesen."

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