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Experten-Check: Die M├Ąr von der "kalten Sonne"

t-online, Ein Interview von Uli Weih

Aktualisiert am 13.02.2012Lesedauer: 4 Min.
Kommt es wirklich zur Erderw├Ąrmung?
Kommt es wirklich zur Erderw├Ąrmung? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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In der Wissenschaft herrscht eigentlich breiter Konsens: Der Klimawandel ist von Menschen verursacht. Der RWE-Topmanager Fritz Vahrenholt jedoch gibt sich rebellisch und widerspricht den Forschern mit einer provozierenden These. Seiner Ansicht nach bestehe kein Grund zur Panik, der Weltklimarat habe sich grundlegend geirrt. In Wahrheit w├Ąre nur die Sonne f├╝r unser Klima verantwortlich.

Der Direktor am Max-Planck-Institut f├╝r Meteorologie, Jochem Marotzke, hat Vahrenholts Buch "Die kalte Sonne" gelesen. Uli Weih hat f├╝r t-online.de mit dem Klimaforscher gesprochen.

t-online.de: Was ist der Ansatz in dem Buch von Fritz Vahrenholt?

Jochem Marotzke: Das Buch versucht zu belegen, dass die Sonne wichtig f├╝r unser Klima ist. Da sagen die Klimaforscher: Ja, das wissen wir. Die Frage ist: Kann man die Sonne allein f├╝r das verantwortlich machen, was wir in den letzten 30 bis 50 Jahren an Erw├Ąrmung gesehen haben. Und da ist die Aussage ganz klar: Nein, das kann man nicht. Man kann die Sonne daf├╝r nicht verantwortlich machen.

St├Ąrkster Treiber f├╝r den Klimawandel ist ganz klar die CO2-Erh├Âhung. Dazu kommt ein Anstieg anderer Treibhausgase wie Methan oder Lachgas. Eine gro├če Rolle spielen auch Aerosole, also Teilchen, die in der Atmosph├Ąre schweben. Aber die dominante Wirkung kommt durch das CO2. Und weil CO2 so lange in der Atmosph├Ąre verbleibt, wird dieses Gas auch in Zukunft unser Klima ma├čgeblich beeinflussen. Au├čer wir vermindern die Emissionen von CO2.

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Ist diese Einsch├Ątzung Konsens unter Wissenschaftlern?

Absolut.

Wenn man Vahrenholt glaubt, besteht im Hinblick auf eine Emissionsminderung kein dringender Handlungsbedarf ...

Herr Vahrenholt sagt: Das Zwei-Grad-Ziel erreichen wir auf jeden Fall - auch wenn wir nichts tun. Das steht im eklatanten Widerspruch zu allem, was wir ├╝ber das Klimageschehen wissen. Wenn wir zwei Grad wollen, dann muss die Wende ganz schnell kommen.

Die Erderw├Ąrmung ist in den letzten zehn Jahren kaum gestiegen. W├╝rde das nicht f├╝r eine Entwarnung sprechen?

Wenn wir von Erw├Ąrmung sprechen, m├╝ssen wir l├Ąngere Zeitr├Ąume betrachten. Denn unser Klima schwankt immer ein wenig, das hat aber nat├╝rliche Ursachen. ├ähnlich wie so komplexe Systeme wie die Atmosph├Ąre oder die Ozeane nicht statisch sind, sondern variieren, so ver├Ąndert sich auch das Klima. Wir nennen das interne Variabilit├Ąt. Sie braucht gar keinen ├Ąu├čeren Antrieb. Zu diesen leicht schwankenden Werten z├Ąhlt auch die globale Mitteltemperatur beim Klima.

In einem Zeitraum von zehn Jahren, variiert die durchschnittliche Temperatur etwa um 0,2 Grad - aus rein nat├╝rlichen Ursachen. Dieser Wert von 0,2 Grad ist aber auch genau das Ausma├č der Erw├Ąrmung, was wir auf Grund des gestiegenen CO2-Anstiegs in einem Jahrzehnt erwarten. Das bedeutet, unter Umst├Ąnden k├Ânnen sich die nat├╝rliche Variabilit├Ąt und die menschengemachte Erw├Ąrmung in bestimmten Zeitr├Ąumen auch einmal aufheben. Das haben wir in den letzten zehn Jahren gesehen.

Wie kann es nun sein, dass auf unserer Erde, die durch den Klimawandel st├Ąndig mehr W├Ąrme aufnimmt, trotzdem die Oberfl├Ąchentemperatur nicht weiter zunimmt? Der Mechanismus ist klar: Eine Phase der Stagnation bei der Erderw├Ąrmung ist verkn├╝pft mit der verst├Ąrkten W├Ąrmeaufnahme in den Tiefen der Ozeane. Wie das im Detail funktioniert, erforschen wir gerade. Ein kurzfristig gleichm├Ą├čiges Temperaturniveau ist daher mitnichten eine Widerlegung der Klimamodelle.

Was ist von dem Buch zu halten?

Vahrenholt und sein Co-Autor L├╝ning haben sich durch eine Unmenge von Material gearbeitet, das ist eine beeindruckende Flei├čarbeit. Sie haben aber nicht verstanden, welche Aussagen verl├Ąsslich und welche zweifelhaft sind. Da sind zwei Menschen, die keine Klimaforscher sind, und die nehmen sich vielleicht tausende Ver├Âffentlichungen vor - eine Ansammlung, die normalerweise von Teams mit dutzenden Wissenschaftlern bearbeitet wird.

Eigentlich schauen sich Wissenschaftler bei wiederstreitenden Thesen genau an, was die Kollegen bei der Forschungsarbeit exakt gemacht haben. In der Folge beurteilen sie, welche Ver├Âffentlichungen glaubw├╝rdig, welche zweifelhaft oder was am Ende sogar fehlerhaft ist. Das ist eine Aufgabe, die viel Zeit, Erfahrung und auch sehr detailliertes Verst├Ąndnis erfordert.

Insofern ist die Vorstellung, dass sich zwei Amateure daransetzen k├Ânnen, mal gerade eben die gesamte Klimaforschungsliteratur aufzuarbeiten, und dann zu dem Schluss kommen, was die gesamte Fachwelt sagt, ist falsch, also das ist schon etwas abenteuerlich.

Warum haben die beiden dann dieses Buch geschrieben?

Das ist die Gretchenfrage ÔÇŽ Es gibt nat├╝rlich diese These, das sei alles nur, um dem RWE-Konzern zu helfen, der die Energiewende verschlafen habe. Das klingt plausibel, ob es stimmt, wei├č ich nicht. Im Zweifel nehme ich aber erst einmal an, die beiden glauben wirklich daran, dass sie ein ├ťbel aufgedeckt h├Ątten und wollen das mit ihrer Ver├Âffentlichung jetzt gerade r├╝cken. Aber das Buch wird wohl keine nachhaltige Wirkung haben. Ich bin Optimist: Ich glaube, mittel- und langfristig setzt sich die Qualit├Ąt der Argumente durch. Und die wissenschaftliche Qualit├Ąt der Argumente in diesem Buch l├Ąsst sehr zu w├╝nschen ├╝brig.

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