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Deutsche Forschungsschiffe verschmutzen die Pole

Absurd: Mit "Dreckschleudern" gegen den Klimawandel

06.04.2012, 13:52 Uhr | Von Katrin Aue, dapd

Deutsche Forschungsschiffe verschmutzen die Pole. Das Forschungsschiff "Polarstern" fährt ohne Rußpartikelfilter an die Pole und trägt damit selbst zum Klimawandel bei (Quelle: dapd)

Das Forschungsschiff "Polarstern" fährt ohne Rußpartikelfilter an die Pole und trägt damit selbst zum Klimawandel bei (Quelle: dapd)

Dramatisch war die Nachricht, die das Bremerhavener Forschungsschiff "Polarstern" von seiner letzten Reise zum Nordpol im vergangenen Oktober mitbrachte: Das Eis sei in der Arktis dünn und brüchig wie nie zuvor. Die "Polarstern" dokumentierte einmal mehr, dass der Klimawandel längst schlimme Folgen hat. Doch jetzt kritisieren Experten: Genau wie alle sieben anderen Forschungsschiffe im Dienst der Bundesregierung trägt die "Polarstern" selbst unnötig viel zum Klimawandel bei. Denn sie fährt mit Schiffsdiesel und - anders als viele Diesel-PKW - ohne Partikelfilter.

"Deutschlands Forschungsschiffe sind Dreckschleudern, selbst die, die an der Erforschung des Klimawandels beteiligt sind", bemängelt Axel Friedrich, ehemaliger Abteilungsleiter im Umweltbundesamt: "Das ist absurd."

Dabei hat das UN-Umweltprogramm UNEP im vergangenen Jahr den großen Einfluss von Dieselruß auf den Klimawandel umfangreich belegt. Schnee- und Eisflächen vor allem an den Polen schmelzen schneller, wenn sie von Ruß bedeckt sind, weil sie dann mehr Sonnenwärme aufnehmen, schrieben die Fachleute in der UNEP-Studie "Integrated Assessment of Black Carbon and Tropospheric Ozone".

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Schiffe tragen "beträchtlich" zum Klimawandel bei

Der größte Teil des Dieselrußes am Nordpol wird zwar in den Industriestaaten auf der Nordhalbkugel verursacht. Doch mittlerweile warnen Experten auch vor der Zunahme des Schiffsverkehrs direkt an den Polen. "Der Rückgang des arktischen Eises hat das Interesse an neuen Schiffspassagen entfacht", kritisiert der Meereswissenschaftler James Corbett von der University of Delaware. Das Problem: Schiffe tragen durch ihre Dieselruß-, Methan- und Ozon-Emissionen direkt an den Polen "beträchtlich" zum Klimawandel bei, schreibt Corbett in der Fachzeitschrift "Atmospheric Chemistry and Physics". Genaue Zahlen seien bislang jedoch nicht ermittelt worden.

Vor allem die "Polarstern", die mehrfach in der Arktis war, hat daran einen Anteil. Doch zum Klimawandel trägt auch der Dieselruß der anderen Forschungsschiffe bei. Partikelfilter für die Schiffe seien "bisher nicht verfügbar", sagte ein Sprecher des zuständigen Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Der Berater der Kampagne "Rußfrei fürs Klima", Axel Friedrich, wundert sich über das Argument: "Natürlich gibt es die Filter bislang nicht in Serienproduktion, aber für viele Schiffstypen wurden passende Filtersysteme entwickelt", sagt Friedrich. "Viele Schiffsbetreiber investieren eben in die Einzelanfertigungen, doch das Ministerium nicht."

Nachrüstung: "Technisch machbar, ökonomisch tragbar"

Tatsächlich wäre eine Nachrüstung "für jedes Forschungsschiff im Einzelnen technisch zu klären", räumt der Ministeriums-Sprecher ein. Dass es in der Regel geht, zeigen Projekte wie das der Firma HUG Engineering mit der Wasserschutzpolizei: Im vergangenen Jahr wurde etwa das Polizeiboot "W3" mit einem Filter ausgestattet. Auch diverse Fähren auf der Berliner Spree bekamen in den vergangenen Jahren Anlagen zur Abgasnachbehandlung. Damit sei der Nachweis gelungen, dass auch für Fahrgastschiffe die Umrüstung "technisch machbar und ökonomisch tragbar" sei, freute sich die damals zuständige Umweltsenatorin Katrin Lombscher.

Doch bei den Forschungsschiffen müsste eine solche Nachrüstung "angesichts der geringen Restlaufzeiten der Forschungsschiffe auch unter Kostengesichtspunkten geprüft werden", sagte der Ministeriums-Sprecher. Tatsächlich sind die Filter teuer. Mit mindestens 500.000 Euro pro Filter könne man rechnen, heißt es aus dem Ministerium.

"Ausreden bleiben immer gleich"

Ja, die Kosten seien hoch, räumt auch die Grünen-Abgeordnete im Bundestag, Valerie Wilms, ein. "Aber wir wissen schon so lange, was wir mit dem Dieselruß anrichten, und die Ausreden bleiben auch immer gleich: die technische Realisierbarkeit und die Kosten." Für sie zählt das eine Argument: "Wenn wir mit unseren öffentlichen Schiffen nicht mit gutem Beispiel vorangehen, was kann man dann erwarten von der Industrie und den Reedereien, die in den Pol-Regionen schon die neuen Schifffahrtsrouten planen", fragt Wilms.

Doch selbst bei den neuen und zukünftigen Forschungsschiffen sind Filter keineswegs fest eingeplant. Die "Elisabeth Mann Borgese" vom Institut für Ostseeforschung Warnemünde, erst im Juni 2011 eingeweiht, fährt ohne Filter. Und für andere Neubauprojekte würde die Installation einer Abgasreinigung "im Einzelfall technisch abzuklären sein", heißt es aus dem Ministerium.

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