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Wie das Ozonloch ĂŒber der Arktis verschwand

spiegel-online, Von Christoph Seidler

Aktualisiert am 31.05.2012Lesedauer: 3 Min.
Ozonschicht ĂŒber der Nordhalbkugel (Ende Mai 2012): Das Ozon wird bei Temperaturen unterhalb von minus 78 Grad an sogenannten polaren StratosphĂ€renwolken zersetzt.
Ozonschicht ĂŒber der Nordhalbkugel (Ende Mai 2012): Das Ozon wird bei Temperaturen unterhalb von minus 78 Grad an sogenannten polaren StratosphĂ€renwolken zersetzt. (Quelle: dpa/NASA)
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Gute Nachrichten aus der Arktis: Das gigantische Ozonloch, das Forscher im vergangenen Jahr aufgeschreckt hat, ist verschwunden. Menschliches Wohlverhalten war allerdings nicht im Spiel - das Wetter ist fĂŒr die Heilung des Schutzschirms verantwortlich.

Nach der Mittagspause dĂŒrfen Rudolf Denkmann und seine Kollegen nicht trödeln. PĂŒnktlich jeden Tag um eins lassen die Forscher der deutsch-französischen Forschungsstation Awipev in Ny Ålesund auf Spitzbergen vor einer hohen roten Holzhalle ihren Ballon zur Wetterbeobachtung steigen. Selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stapft Denkmann dieser Tage im T-Shirt durch den Schnee.


Foto-Serie: Das Ozonloch ĂŒber der Arktis

Ozonschicht ĂŒber der Nordhalbkugel (Ende Mai 2012): Das Ozon wird bei Temperaturen unterhalb von minus 78 Grad an sogenannten polaren StratosphĂ€renwolken zersetzt. Die bestehen aus gefrorener SalpetersĂ€ure, SchwefelsĂ€ure und Wasser - und bieten den Ozonkillern bei KĂ€lte den nötigen NĂ€hrboden. In diesem Winter wurde es ĂŒber der Arktis nur selten so kalt.
"Durch etwas höhere Temperaturen in der StratosphĂ€re wurden nicht genĂŒgend Chlorverbindungen aktiviert, um einen grĂ¶ĂŸeren Ozonabbau auszulösen", erklĂ€rt ein Forscher.
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Beeindruckend schnell steigt der heliumgefĂŒllte Ballon nach dem Start in den Himmel. Auf dem Weg in die StratosphĂ€re funkt ein zigarettenschachtelgroßer Radiosender stĂ€ndig Temperatur- und Luftfeuchtigkeitswerte nach unten. Wegen des sinkenden Luftdrucks dehnt sich der Ballon immer mehr aus - bis er in mehr als 30 Kilometern Höhe platzt.

Mindestens einmal pro Woche lassen die Awipev-Leute einen Ballon aufsteigen. Im Sommer ist es jeden Mittwochmittag soweit. Dazu kommen weitere Starts auf Anfrage von Forschern. "Wir mĂŒssen uns an ein striktes Protokoll halten", sagt Stationsleiter Denkmann, ein rothaariger und -bĂ€rtiger Franzose. An dem FluggerĂ€t hĂ€ngt dann etwas, das wie ein VogelhĂ€uschen aus Styropor aussieht. TatsĂ€chlich verbirgt das KĂ€stchen jedoch ein elektrochemisches Mini-Labor, StĂŒckpreis: rund 1000 Euro.

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Die Messungen dieser Sonde helfen den Forschern dabei, das Schicksal der Ozonschicht zu verfolgen, die schĂ€dliche UV-Strahlung von der ErdoberflĂ€che fernhĂ€lt. Der Schutzschirm bereitet regelmĂ€ĂŸig Sorgen. Im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler erstmals ein großes Ozonloch ĂŒber der Arktis gemessen. Sein Ausmaß erschreckte selbst Experten: In der Region zwischen 18 und 20 Kilometern Höhe waren etwa 80 Prozent des Ozons verschwunden. Zeitweise war das Loch mit zwei Millionen Quadratkilometern fast sechsmal so groß wie Deutschland. Menschen in Skandinavien, Kanada und Nordrussland mussten auf ihren Sonnenschutz achten oder riskierten eine erhöhte Gefahr, an Hautkrebs zu erkranken.

Keine Neuauflage fĂŒr das himmlische TiefkĂŒhlfach

Zuvor war ein Ozonloch, verursacht von lĂ€ngst verbotenen Chemikalien wie den Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), nur von der Gegend um den SĂŒdpol bekannt. Der Grund dafĂŒr: Das Ozon wird bei Temperaturen unterhalb von minus 78 Grad Celsius an sogenannten polaren StratosphĂ€renwolken zersetzt. Die bestehen aus gefrorener SalpetersĂ€ure, SchwefelsĂ€ure und Wasser - und bieten den Ozonkillern bei KĂ€lte den nötigen NĂ€hrboden. Und normalerweise ist es hoch ĂŒber der SĂŒdpolregion deutlich kĂ€lter als in der arktischen StratosphĂ€re.

Vergangenes Jahr war das allerdings anders: Außergewöhnlich tiefe Temperaturen verstĂ€rkten die Ozonzerstörung ĂŒber der Arktis. Immerhin: Nach dem Rekordverlust im Winter 2010/2011 geht es der Schutzschicht ĂŒber der Nordhalbkugel in diesem Jahr deutlich besser. "Wir hatten in diesem Winter kein Ozonloch ĂŒber der Arktis", bilanziert Peter von der Gathen. Er betreut am Alfred-Wegener-Institut fĂŒr Polar- und Meeresforschung (Awi) in Potsdam die Ozonsonden-Messungen aus Ny Ålesund und koordiniert im Winter die Ozonsondierungen aller Stationen rund um die Arktis.

"Durch etwas höhere Temperaturen in der StratosphĂ€re wurden nicht genĂŒgend Chlorverbindungen aktiviert, um einen grĂ¶ĂŸeren Ozonabbau auszulösen", erklĂ€rt der Forscher. Nachdem die hohen Luftschichten zu Anfang des Winters noch sehr kalt gewesen seien, habe sich die Lage danach entspannt.

Im vergangenen Jahr hatte ein besonders ausgeprĂ€gter Polarwirbel die Zersetzung des Ozons begĂŒnstigt. So nennen die Forscher ein ĂŒber lĂ€ngere Zeit stabiles Hochdruckgebiet in den hohen polaren Luftschichten. Dieses Jahr war der Wirbel allerdings nicht so großflĂ€chig wie zwölf Monate zuvor - und lĂ€ngst nicht so stabil. Wie die Sache im kommenden Winter aussehen wird, wissen die Forscher nicht. Doch ihre regelmĂ€ĂŸigen Messungen werden ihnen zeigen, wenn die Ozonschicht abermals dĂŒnner wird.

Nach Möglichkeit versuchen die Wissenschaftler in Ny Ålesund ĂŒbrigens, ihre fliegenden Mini-Labore zu recyceln. Wenn der Ballon platzt, fallen die MessgerĂ€te auf die Erde zurĂŒck - und lassen sich mit GlĂŒck irgendwo in der menschenleeren Umgebung der Forschungsstation aufspĂŒren. Wenn Kollegen aus anderen Forschungsstationen eine gefundene Messbox abliefern, bekommen sie einen Finderlohn: ein kleines Glas mit dem Awi-Logo.

Manchmal haben die Leute von der Awipev-Station auch selbst GlĂŒck. Stationsleiter Denkmann zeigt stolz auf eine Styroporbox, die im LaborgebĂ€ude auf einem Regalbrett ihrem nĂ€chsten Start entgegensieht: "Die habe ich zufĂ€llig auf einem Gletscher wiedergefunden."

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