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Unstimmigkeiten im UN-Klimabericht

Widersprüchliche Prognosen  

Forscher entdecken Unstimmigkeiten im UN-Klimabericht

08.10.2013, 14:21 Uhr | von Axel Bojanowski, Spiegel Online

Unstimmigkeiten im UN-Klimabericht. Fünf Hauptkritikpunkte formulieren Wissenschaftler gegenüber dem Klimareport der Vereinten Nationen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Fünf Hauptkritikpunkte formulieren Wissenschaftler gegenüber dem Klimareport der Vereinten Nationen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Auf 2200 Seiten warnt die Uno in ihrem neuen Klimabericht vor einem dramatischen Wandel der Umwelt. Renommierte Forscher kritisieren nun diverse Ungereimtheiten im Report. Sie erheben fünf Vorwürfe gegen den Welt-Klimarat.

Das Kalkül des Uno-Klimarats IPCC schien aufzugehen. Als das Gremium aus Regierungsvertretern und Wissenschaftlern Ende September in Stockholm auf einer pompösen Pressekonferenz die 36-seitige Zusammenfassung seines Sachstandreports veröffentlichte, regierten die Botschaften des IPCC über den drohenden Wandel der Umwelt die Schlagzeilen. Zahlreiche Befunde gaben zweifellos Anlass zur Sorge: Der Klimarat warnt beispielsweise vor einem starken Anstieg der Ozeane, vor häufigen Hitzewellen, Gletscherschwund und versauernden Meeren.

Drei Tage später wurde der gesamte 2200-seitige Klimabericht im Internet publiziert, diesmal ohne Pressekonferenz - die Resonanz blieb schwach. Dabei wächst seither die Kritik am Klimarat: Renommierte Forscher monieren unabhängig voneinander fragwürdige Abweichungen zwischen dem Report und seiner Zusammenfassung für Politiker.

1. Vorwurf: "Zu optimistisch"

Eine Fraktion glaubt, das Resümee des Reports zeichne ein allzu optimistisches Bild. Zum Meeresspiegelanstieg unterschlage die Zusammenfassung Studien aus dem Report, die einen doppelt so hohen Anstieg in Aussicht stellen, wie der IPCC in seiner Zusammenfassung, mahnt etwa Michael Mann von der Penn State University in den USA.

Sogenannte semi-empirische Modelle, die statistische Zusammenhänge zwischen Lufttemperatur und Wasserhöhe für die Vergangenheit konstruieren, hatten die Befürchtung genährt, die Ozeane könnten binnen hundert Jahren um knapp zwei Meter steigen - sämtliche Küstenschutzpläne wären obsolet. Die IPCC-Forscher jedoch sahen keine physikalische Basis für solch dramatische Prognosen: Jenseits der Statistik gebe es keine geologischen Erkenntnisse, die ein entsprechend rapides Schmelzen der großen Eisschilde erwarten ließen.

Doch auch die Abschätzungen über tauenden Permafrost wären allzu vorsichtig ausgefallen, meint Kevin Schaefer von der University of Colorado in Boulder, USA. Bislang verläuft das Tauen der ganzjährig gefrorenen Erde in Sibirien, Alaska und Kanada zwar anscheinend gemächlich. Der IPCC warnt in der Zusammenfassung seines Reports aber vor einem Rückgang der Permafrostflächen um 27 bis 81 Prozent noch in diesem Jahrhundert.

Die größte Gefahr dabei: Beim Auftauen wird Methangas frei, das als Treibhausgas die Luft erwärmt. Die zusätzliche Hitzewirkung sei von den Simulationen des IPCC nicht erfasst, mahnt Schaefer, die Prognosen mithin zu vorsichtig. Der IPCC jedoch hat in Prognosen zum Tauen des Permafrostes nur "mittleres Vertrauen". Daten aus den betroffenen Regionen seien rar.

2. Vorwurf: "Vorgetäuschter Erkenntnisgewinn"

Andere Forscher glauben hingegen, der Klimarat lasse wesentliche Unsicherheiten seiner Szenarien unerwähnt. Unter Berufung auf zusätzliche Daten aus sechs Jahren stuft der IPCC in seinem Report seine Gewissheit darüber, dass der Mensch mit seinen Abgasen den Großteil der Erwärmung seit den fünfziger Jahren verursacht hat, von 90 auf 95 Prozent hoch.

Die Einschätzung habe die sofortige Zustimmung von sämtlichen Regierungen im IPCC-Plenum gefunden, berichtet Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, Mitglied der deutschen Delegation in Stockholm. "Das ist wirklich bemerkenswert", sagt er.

Der politisch bedeutende Wert beruht allerdings nicht direkt auf wissenschaftlichen Berechnungen, er wurde in einer Meinungsumfrage unter einigen IPCC-Forschern ermittelt, die aber ungenannt bleiben. Obgleich es zwar keine statistische Basis für sie gibt, würden "die Zahl mit großer Präzision verwendet", betont Michael Oppenheimer von der Princeton University in den USA im Interview mit dem Sender PBS, der ein Kapitel des IPCC-Reports verantwortet und früher für den Umweltverband Environmental Defense Fund gearbeitet hat.

Andere Forscher zweifeln an der Präzision: Wie könne sich die Wissenschaft sicherer über den menschengemachten Anteil sein, wo in den letzten 15 Jahren natürliche Einflüsse überraschenderweise die Erwärmung der Luft zum Erliegen gebracht haben, fragt sich die Klimaforscherin Judith Curry vom Georgia Institute of Technology, Vorsitzende des Climate Forecast Applications Network.

Der Einfluss von Ozeanströmungen, der Sonne und Vulkanaschewolken aufs Klima sei in den vergangenen Jahren größer gewesen als angenommen, konstatiert zwar auch der Uno-Klimareport. Gleichwohl ist der IPCC sicherer als zuvor, dass hauptsächlich Abgase das Klima seit 1950 verändert haben.

3. Vorwurf: "Unsicherheiten werden versteckt"

Der IPCC betreibe "engagierte Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache", meint der Umweltforscher Roger Pielke Junior von der University of Coloado in Boulder, USA. Einerseits poche der Klimarat darauf, dass Daten aus sechs zusätzlichen Jahre die Qualität seiner Einschätzungen von einem Klimareport zum anderen entscheidend vergrößert habe. Andererseits reichten 15 Jahre Erwärmungspause angeblich nicht aus, um wissenschaftlich eine Rolle zu spielen.

In der Zusammenfassung des IPCC-Berichts kommt das Wort Pause, wissenschaftlich "Hiatus", gar nicht vor. Auf Vorschlag Deutschlands und weniger anderer Länder wurde dort, wie mittlerweile dokumentiert ist, lediglich eine "Verlangsamung des Temperaturanstiegs" im überdies "wärmsten Jahrzehnt" seit Beginn der Messungen festgestellt.

Wissenschaftlich wiegt die Pause schwerer als die Zusammenfassung des IPCC-Reports den Anschein macht. Im Hauptreport wird ganz offen das Problem des 15-jährigen Hiatus thematisiert: "Dort steht eindeutig, dass nur 3 von 114 Klimasimulationen den Trend der letzten 15 Jahre wiedergeben können und dass der Grund für diese Abweichung zwischen Modellen und Beobachtungen unklar bleibt", sagt der Klimatologe Eduardo Zorita vom Helmholtz-Zentrum GKSS. "Dieser Punkt hätte in der Zusammenfassung des Berichts klarer thematisiert werden sollen, denn er unterstreicht, dass wichtige Defizite der Klimamodelle noch nicht verstanden sind".

4. Vorwurf: "Gute PR statt sauberer Wissenschaft"

"Ich würde die Diskrepanz zwischen modellierter und beobachteter Temperatur der letzten Jahre nicht zu hoch bewerten, zumal sich mit den Ozeanen bereits eine Erklärung anbietet", beschwichtigt der renommierte Polarforscher Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut AWI. Aktuelle Studien zeigen, dass die Meere mehr Wärme als erwartet geschluckt haben könnten; sie nehmen normalerweise bereits neun Zehntel der Energie auf. Der Beweis für den zusätzlichen Wärmepuffer fällt jedoch schwer: Gerade in größerer Tiefe sollen sich die Meere besonders erwärmt haben - doch dort gibt es kaum Messungen.

Die neue Sachlage bewog den Klimarat dazu, die Bedeutung der Ozeane in seiner aktuellen Zusammenfassung prominenter zu behandeln. Zugleich wurde die Entwicklung der Lufttemperatur anders gezeigt: Seinen vorigen Berichten hatte der IPCC stets eine steigende Temperaturkurve der Luft voran gestellt. Die aber mittlerweile geknickte Temperatur-Grafik wurde in der neuen IPCC-Zusammenfassung durch eine Art Treppen-Grafik ersetzt, deren ansteigende Stufen zeigen, dass die Durchschnittstemperatur der Luft von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wärmer geworden ist. "Das war gute PR", meint der Klima-Soziologe Reiner Grundmann von der Universität Nottingham, "aber ist sie auch nachhaltig?"

5. Vorwurf: "Fehlende Entwarnungen"

Mangelnde Dauerhaftigkeit hält Grundmann für ein Problem des IPCC-Reports: Szenarien früherer Berichte würden nicht verglichen, kritisiert er. Warnungen aus dem letzten Report vor zunehmenden Extremereignissen wie Hurrikanen, Tornados oder Stürmen etwa wurden mittlerweile als "wenig vertrauenswürdig" eingestuft - und in der neuen Zusammenfassung des Reports nicht mehr erwähnt.

"Hut ab vor dem IPCC, dass er sich hier korrigiert hat", sagt Roger Pielke anerkennend. "Warum aber", wendet er ein, "widersprachen Klimaforscher nicht, als Präsident Obama jüngst vor mehr Hurrikanen warnte?" Anhaltenden Alarm vor zunehmenden Flusshochwassern, Dürren, Hurrikanen und Tornados bezeichnet Pielke angesichts der mittlerweile glimpflichen Forschungsergebnisse zu den Themen als "Zombie-Wissenschaft".

Epilog

Dass der Uno-Klimarat ein Problem mit der Darstellung seiner Ergebnisse haben könnte, schien sich bereits bei der Präsentation der Zusammenfassung des IPCC-Reports anzudeuten. Auf der Pressekonferenz in Stockholm hatte es der Reporter einer britischen Boulevardzeitung gewagt, den IPCC-Wissenschaftlern auf dem Podium die ketzerische Frage zu stellen, warum Computersimulationen die Pause beim Temperaturanstieg in den letzten 15 Jahren nicht vorhergesehen haben. "Ihre Frage ist falsch gestellt", rüffelte der Chef des Welt-Meteorologischen Organisation WMO, Michel Jarraud, den Reporter.

Womöglich war der Meteorologe ungeübt, kritisches Nachhaken gehört nicht unbedingt zur Tradition auf Pressekonferenzen zur Klimaforschung.

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