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Mein Freund, der Feind - ein US-Oberst zieht Bilanz aus zehn Jahren Krieg im Irak und Afghanistan

Mein Freund, der Feind

13.07.2012, 12:15 Uhr | t-online.de

Mein Freund, der Feind - ein US-Oberst zieht Bilanz aus zehn Jahren Krieg im Irak und Afghanistan. US-Oberst Brandon Newton (Quelle:  Katja Lenz)

US-Oberst Brandon Newton (Quelle: Katja Lenz)

Der Texaner Brandon Newton befehligt in Afghanistan ein Bataillon der „Task Force Mountain Warrior“. Viele Jahre hat der Oberst in muslimischen Ländern gekämpft. Bei seinen Einsätzen sind ihm alle Vorurteile abhanden gekommen. Was den 45-jährigen richtig wütend macht: Wenn ihm jemand zu Hause in Texas etwas über den "gewalttätigen Islam" erzählen will. Im Interview zieht der Offizier Bilanz aus zwei Jahrzehnten amerikanischer Kriege.

Oberst Newton, Sie sind seit über einem Vierteljahrhundert Soldat. Wo waren Sie überall im Einsatz?

Ich war seit 09/11 zweimal im Irak, einmal kurz in Afghanistan, dann wieder im Irak und jetzt wieder in Afghanistan. Davor war ich in Kuwait. 1989 war ich einmal kurz in Jordanien.

Liegt das Kriegshandwerk bei Ihnen in der Familie?

Auf jeden Fall. Ich habe viel Zeit damit verbracht, meine Familiengeschichte zu erforschen. Meine Vorfahren haben 1812 in Mexiko gekämpft. Einer starb 1814 in Alabama beim Kampf gegen die Creek-Indianer. Später im amerikanischen Bürgerkrieg kämpften Soldaten aus meiner Familie auf beiden Seiten. Im Zweiten Weltkrieg hat mein Großvater in Deutschland gekämpft.

Sie sind seit 1987 Soldat. Hat sich Ihr Bild vom Krieg seitdem geändert?

Der Konflikt in Afghanistan unterscheidet sich sehr stark von allem, was ich vorher erlebt habe. Zum Beispiel von dem Krieg im Irak.

Inwiefern?

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Im Irak gab es eine unglaubliche Gewalt zwischen den beiden islamischen Großgruppen, den Sunniten und Schiiten. Man kann sich das Ausmaß der Gewalt gar nicht vorstellen. Es war, als säße man vor einem Swimming-Pool, das Wasser ist aufgedreht und steigt und steigt, und du findest einfach nicht den Hahn, um es abzustellen. Jeden Morgen wachte man auf und es hatte in der unmittelbaren Nachbarschaft fünf oder sechs Tote gegeben, die sich meistens gegenseitig umgebracht hatten. So ist es in Afghanistan nicht. Hier geht es mehr um ideologische Gegensätze, nicht so sehr um sektiererische Gewalt. Die Taliban kämpfen vor allem um staatliche Macht. Aber man bemerkt hier eher ein gewisses Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung. Im Irak herrschte ein totaler Krieg zwischen den beiden Gruppen. Sie gingen in die Häuser der jeweils anderen Gruppe und brachten die Leute um oder vertrieben sie.

Als Soldat beschäftigen Sie sich mit dem Krieg und Krieg bedeutet immer auch Tod. Gewöhnt man sich eigentlich daran?

Ich glaube nicht. Ich bin ja mittlerweile als Oberst aus dem eigentlichen Kriegsgeschehen herausgehoben. Wenn man einen Soldaten verliert, weiß man mehr als niedrigere Ränge, warum das jetzt passiert ist, und welchen Wert, es für das Große Ganze gehabt hat. Das verschafft einem ein bisschen innere Ruhe, aber nur ein bisschen. Der Soldat hat sich geopfert, sei es für ein Ideal, für sein Land oder für seine Einheit. Es ist viel schwerer, wenn das Opfer ein Zivilist ist, der zwischen die Fronten gerät – womöglich ein Kind. Dann wird es für jeden Soldaten immer schwer zu verstehen, wie das jetzt möglich war.

Haben Sie je selbst getötet?

Nein, dazu ist es nie gekommen. Indirekt habe ich bestimmt den einen oder anderen Tod herbeigeführt, aber ich habe nie selbst am Drücker gesessen und jemanden erschossen. Jüngere Soldaten geben ja manchmal damit an, wenn sie jemanden getötet haben. Aber ich habe herausgefunden, dass es in Wahrheit keinen gibt, dem das nichts ausmacht.

Wie gehen Soldaten damit um?

Wir haben heutzutage eine Menge Psychologen in der Truppe. Es gibt auch Geistliche oder einfach die Kameraden, mit denen man das bespricht. Jeder Soldat, auch der, der nicht von selbst kommt, wird früher oder später gefragt, wie es ihm geht. Die Army ist da viel besser geworden als zum Anfang dieses Krieges vor zehn Jahren oder gar in Vietnam.

Gab es in all der Zeit etwas, von dem Sie sagen würden: Das hat mich wirklich fertiggemacht?

Doch, da war einiges. Wenn man Soldaten verliert, zum Beispiel. Und da war noch so viel mehr: Besonders erinnere ich mich an die schreckliche Zeit in Bagdad im Oktober 2006. Ich war in einer kleinen Siedlung, in der innerhalb von zwei Tagen über 100 Mörsergranaten eingeschlagen sind. Sie galten gar nicht uns, sondern sollten die Zivilbevölkerung vertreiben. Wenn solche Konflikte ins Sektiererische abdriften, sei es zwischen Sunniten und Schiiten oder zwischen Protestanten und Katholiken wie in Nordirland, nehmen sie immer eine besonders schreckliche Form an. Wenn wir in Bagdad mit unseren Sanitätern in die Krankenhäuser gegangen sind, lagen dort Dutzende von Schwerverletzten – alles Zivilisten: Kinder, Frauen, Männer, ganze Familien. Es ging nur darum, den anderen zu vertreiben, egal wie. Wenn Sie Kinder ohne Arme oder Beine sehen, die in etwa so alt sind wie Ihre eigenen, da können Sie sich innerlich nicht mehr ausklinken. Man denkt: Könnte ich nur eines dieser Kinder retten.

Wenn Sie die Kriege des 19. oder 20. Jahrhunderts mit denen von heute – nach 09/11 – vergleichen, würden Sie sagen, dass die Natur des Krieges sich je verändert?

Es bleibt immer das Gleiche: Unzählige Leute, die es nicht verdienen, erleiden unsagbaren Schmerz, egal ob im 19. Jahrhundert oder heute. Auch was Soldaten tun, bleibt letztlich gleich. Nicht mal unsere Ausrüstung hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg großartig geändert. Wir sind heute besser geschützt, die Ausrüstung ist leichter geworden. Aber wir schleppen immer noch Wasser und Munition durch die Gegend wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg und vermutlich auch schon davor. Wenn die Soldaten sich entspannen, sitzen sie herum, rauchen und reden über Frauen oder über das Essen. Wenn Sie sie in Uniformen von 1863 stecken würden, würden Sie vermutlich keinen Unterschied bemerken. Was sich rasant geändert hat, ist die die gesamte Technik und die Geschwindigkeit, mit der wir Informationen übertragen.

US-Oberst Brandon Newton: "Schwafeln über den gewalttätigen Islam". (Quelle: Katja Lenz)US-Oberst Brandon Newton: "Schwafeln über den gewalttätigen Islam". (Quelle: Katja Lenz) Wie ist das, wenn man nach Monaten nach Hause kommt und sich mit den Leuten dort unterhält?

Vieles ist ziemlich hart. Ein Beispiel: Ich habe einen großen Teil meiner Karriere damit verbracht, mich weiterzubilden. Ich habe mich vor allem lange und intensiv mit dem Islam und seinen Werten beschäftigt. Was ich gelesen habe, habe ich mit der Realität im Irak und in Afghanistan abgeglichen. Ich habe heute viele enge Freunde, die Moslems sind. Hier sitze ich mit den Afghanen Tag für Tag zusammen und verhandle mit ihnen. Wenn man dann zurück in die USA kommt und Leute hört, die die Muslime und den Islam insgesamt kritisieren und meinen, sie könnten ihnen aus ihrer sicheren Entfernung bestimmte Eigenschaften andichten, dann macht mich das wirklich wütend. Ich habe jahrelang hier Verbindungen aufgebaut, aber in den USA schwafeln Leute über den "gewalttätigen Islam", die nie mit den Menschen hier zusammengesessen sind, mit ihnen gegessen, getrunken, Händchen gehalten und Umarmungen ausgetauscht haben, wie ich und meine Soldaten das tun.

Das klingt nicht, als seien Sie ein Anhänger von Huntingtons Theorie des „Clash of Civilisations“, die von einem Weltkonflikt der Kulturen ausgeht?

Ich frage mich immer: Vereinfacht diese Theorie alles zu sehr, oder vereinfacht sie die Dinge nicht ausreichend? Ob es um christlichen Extremismus geht oder um islamischen – es geht immer nur um die Extremismen. Ich glaube nicht eine Minute, dass es wirklich einen Zusammenprall zwischen Christentum und Islam gibt. Es gibt zu viele Muslime auf der Welt, um sie alle zu einer monolithischen Ideologie zusammenzufassen – völlig ausgeschlossen. Es gibt Menschen, die eine insgesamt extremistische Ideologie verfolgen, die die Rechte von Frauen oder von Menschen im allgemeinen nicht verstehen und für die der Islam zufälligerweise das Mittel ist, um ihren Extremismus in die Realität umzusetzen.

Welches Menschenbild entsteht, wenn man sieht, was Sie gesehen haben?

Naja, Menschen sind überall gleich: Sie wollen arbeiten, frei sein, ihre kulturellen Werte auszuleben. Sie wollen frei reden dürfen und sie wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Die meisten Menschen – ob Juden, Moslems oder Christen – beten außerdem zu dem gleichen Gott. Und manchmal sieht es auch einfach nur anders aus: Neulich sehe ich hier in Afghanistan eine Frau bei der Weizenernte. Sie bindet den Weizen zu großen Bündeln zusammen und bindet die dann ihrem kleinen Sohn auf den Rücken. Der konnte nicht mal ohne ihre Hilfe aufstehen. In den USA wäre sie sofort ins Gefängnis gekommen. Aber auch diese Frau wollte für ihren Sohn nur das Beste: Sie wollte, dass er lernt zu arbeiten und sich zu ernähren.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer in Kunar, Afghanistan

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