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Benedikt XVI.: Papst-Entscheidungen entzweien die katholische Kirche

Benedikt XVI. in der Kritik  

"Papst stößt fast alle Katholiken vor den Kopf"

03.02.2009, 15:30 Uhr | dapd, AFP

Von Alice Gundlach

Papst Benedikt XVI. will von den antisemitischen Tendenzen innerhalb der Piusbruderschaft nichts gewusst haben (Foto: Reuters)Papst Benedikt XVI. will von den antisemitischen Tendenzen innerhalb der Piusbruderschaft nichts gewusst haben (Foto: Reuters)

Die vergangene Woche war keine gute für das Image des Papstes. Nicht nur die üblichen Kritiker, auch die eigenen Schäfchen begehrten gegen zwei Personalentscheidungen von Benedikt XVI. auf. Ein Rechtsruck im Vatikan ist kaum zu leugnen. Trotzdem fragen sich die Gläubigen: Was bezweckt der Papst eigentlich?

Zuerst hatte er die Exkommunikation des englischen Bischofs Richard Williamson, der den Holocaust leugnet, und drei weiterer Mitglieder der ultrarechten Piusbruderschaft zurückgenommen. Dann ernannte er im Alleingang Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz, der sich hauptsächlich durch irritierende Positionen zu Jugendbüchern und Naturkatastrophen einen Namen gemacht hatte.

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Stichwort Die Priesterbruderschaft St. Pius X.

Lehmann wirbt für Verständnis für den Papst

Nachdem zahlreiche Bischöfe und Theologen die Rehabilitation Williamsons scharf kritisiert hatten, versuchen andere nun, die Wogen zu glätten. Der Medienbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz Lutz Nehk erklärte etwa, dem Vorgang habe ein "Kommunikationsproblem" im Vatikan zugrunde gelegen. Sogar der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, sonst eher nicht der Linientreue verdächtig, erklärte, der Papst tue ihm leid. Den Inhalt des Interviews, in dem Bischof Williamson sagt, es habe keine Gaskammern gegeben, habe der Papst gar nicht kennen können, weil es erst nach der Rehabilitierung ausgestrahlt wurde.

Video Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner
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Vatikan um Schadensbegrenzung bemüht

Auch der Vatikan selbst distanziert sich von den Aussagen des englischen Bischofs. "Sicher ist, dass wer auch immer die Shoa leugnet, nicht nur historischen Unsinn behauptet, sondern auch nichts versteht weder vom Mysterium Gottes noch von Christus am Kreuz", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi der "Bild am Sonntag". Auch der Leiter der Priesterbruderschaft, Bernard Fellay, schrieb in einem Brief an den Papst: "Die Äußerungen von Herrn Williamson spiegeln in keiner Weise die Überzeugungen unserer Priesterbruderschaft wieder."

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Wegen Mitgliedschaft bei Piusbrüdern exkommuniziert

Kurz: Der Papst konnte nicht ahnen, dass er einen Holocaust-Leugner rehabilitiert, obwohl dieser gerade wegen seiner Mitgliedschaft in der Piusbruderschaft exkommuniziert wurde. Die Piusbrüder wurden aus der katholischen Kirche ausgeschlossen, weil sie die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht anerkennen. Zu diesen gehört unter anderem die Erkenntnis, dass die Juden keine Kollektivschuld am Tode Jesu trifft. Ferner lehnen die Piusbrüder, denen meist das Prädikat "traditionalistisch" angehängt wird, den Dialog mit allen anderen Religionen ab, auch mit den Protestanten.

Benedikt selbst nicht unverdächtig

Und auch Benedikt steht selbst nicht gerade im Ruf, sich besonders für die Beschlüsse des Konzils einzusetzen. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann, eine ehemalige Weggefährtin des Papstes, sagte zu t-online.de: "Alle zaghaften Annäherungen an andere Religionen durch das Zweite Vatikanische Konzil hat er zunichte gemacht. Wegweisend war schon seine erste Rede in Regensburg, die auf Konfrontation mit den Moslems zielte. Dann später seine Angriffe auf die Protestanten, die keine Kirche mehr seien und jetzt als weitere Eskalation seine Gebete für die Bekehrung der Juden und die Wiederaufnahme des Holocaustleugners Bischof Williamson in die Kirche."

Theologin Uta Ranke-Heinemann: "Von falscher Beratung kann überhaupt keine Rede sein, nur von falschen Ansichten des Papstes" (Foto: ddp)

"Bewusste Initiative"

Wie der Hardliner Wagner Weihbischof von Linz werden konnte, ohne dass jemand aus der Diözese ihn je auf der Liste hatte, ist für die emeritierte Professorin der Religionsgeschichte ebenfalls unverständlich. "Es ist äußerst ungewöhnlich, dass der Papst sich überhaupt nicht um die Vorschläge des zuständigen Bischofs gekümmert hat, sagte Ranke-Heinemann. "Das zeigt, dass diese Entscheidung für den neuen Weihbischof eine ganz bewusste Initiative des Papstes war und nichts mit 'falscher Beratung seiner Umgebung' zu tun hatte, auf die man jetzt alles abwälzen möchte."

Linz bekam neuen Weihbischof im Alleingang

Der neue Weihbischof und ehemalige Pfarrer von Windischgarten erlangte in der Vergangenheit mediale Aufmerksamkeit, weil er "Harry Potter"-Bücher als Satanismus geißelte und den Hurrikan "Katrina" als gerechte göttliche Strafe für den Sündenpfuhl New Orleans bezeichnete. Nicht zufällig habe der Hurrikan die fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtclubs und Bordelle zerstört, behauptet Wagner. Der Hurrikan kostete insgesamt etwa 1800 Menschen das Leben.

Wenig Freude in der Diözese

"Die Vorgangsweise ist wirklich eine Katastrophe", sagte der Pfarrer von Traun, Generaldechant Franz Wild, dem österreichischen Sender ORF. Er befürchte, dass der Diözese eine schwierige Zeit bevorsteht. Laut österreichischen Medien war die Entscheidung weder mit Wagners zukünftigem Vorgesetzten, dem Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz, noch mit Kardinal Christoph Schönborn abgesprochen.

Wagner selbstbewusst

Wagner selbst reagierte auf die Unmutsäußerungen aus der Diözese selbstbewusst: "Ich bin einer, der die Konfrontation geradezu sucht", sagte er. Mit dem Papst als Gönner im Rücken kann er das wohl auch.

Theologe sieht deutlich rückwärtsgewandten Kurs

Auch der Theologe Hans Küng kann sich nicht erinnern, dass sich der Papst je für Fortschritte in der katholischen Lehre eingesetzt hat. "Stattdessen billigt er, dass Messen wieder auf Latein gehalten werden und er liest im Karfreitagsgottesdienst die Fürbitte 'Für die Juden'", sagte er zu t-online.de

"Piusbrüder nehmen bewusst Antisemiten auf"

Küng sieht durch die jüngsten Entscheidungen von Papst Benedikt XVI. einen Rechtskurs im Vatikan bestätigt. Der Papst stelle "bewusst reaktionäre Bischöfe ein" und reiche die Hand vor allem in Richtung ultrakonservativer Gruppen innerhalb der katholischen Kirche wie der Piusbruderschaft. Dass Benedikt nicht wusste, dass Williamson ein Holocaust-Leugner ist, hält Küng für unmöglich: "Es ist bekannt, dass die Piusbruderschaft bewusst Antisemiten aufnimmt."

Küng fordert Ablösung des Papstes

Küng sprach sich gar für eine Ablösung des Papstes aus. Dieser mache sich offensichtlich keine Vorstellungen, wie verheerend sein Tun aufgenommen werde, sagte er im Deutschlandfunk. Ranke-Heinemann sagt dazu: "Für 0,3 Prozent religiöse Fanatiker stößt der Papst fast alle anderen Katholiken weltweit vor den Kopf."

Hamburger Bischof nennt Vorgänge "schlampig"

Der Hamburger Erzbischof Thissen sagte unterdessen, Benedikt XVI. habe die Kluft zu den Traditionalisten überbrücken wollen, doch "hätte geklärt werden müssen, was die Meinung Williamsons ist". Er nannte die Vorgänge im die Rehabilitationen "schlampige Arbeit". Mit Blick auf jene Katholiken, die Williams Rehabilitierung anprangern, sagte Lehmann, er kenne viele Leute, "die jetzt wirklich enttäuscht sind, die auch viel auf den Papst gesetzt haben, vielleicht zu viel".

Der Theologe Hans Küng glaubt nicht an den Wunsch von Papst Benedikt zur allgemeinen Versöhnung in der katholischen Kirche (Foto: ddp)

Küng zweifelt

Die Aussage, der Papst sei nur um innerkirchliche Versöhnung bemüht, hält Küng für Lippenbekenntnisse: "Wenn es dem Papst um Versöhnung in der Kirche geht, soll er erst einmal das Redeverbot für den Jesuitenpater Jon Sobrino aufheben." Der Pater aus El Salvador darf seit 2007 nicht mehr predigen und lehren, weil die römischen Glaubenskongregation das Jesusbild von Sobrino für zu menschlich und zu wenig göttlich hält.

ZdK hofft auf Einlenken der Piusbrüder

Einen Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche beklagt das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). "Es belastet uns, dass es viele Reaktionen voller Enttäuschung und Ratlosigkeit gibt und dass die Glaubwürdigkeit der Kirche infrage gestellt wird", sagt ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper. Er wünsche sich vom Papst nun "eine klare Frist für die Pius-Brüderschaft, sich klar zum Zweiten Vatikanischen Konzil zu bekennen".

Piusbrüder wollen mehr Einfluss

Doch darauf können die Katholiken wohl lange warten: Was von den Piusbrüdern bisher kommt, klingt vielmehr wie eine Drohung. Der mit Williamson rehabilitierte Traditionalistenbischof Bernard Tissier de Mallerais erklärte inzwischen, dass er und seine Anhänger sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben wollen. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren", sagte er der italienischen Zeitung "La Stampa". Die Verbannung habe 20 Jahre gedauert, und nun wollten die Bischöfe "den Vatikan in ihre Richtung führen". Piusbruderschaften aus anderen Ländern erhielten daraufhin die Anweisung, nicht mehr mit der Presse zu sprechen.

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Erschütternde Erkenntnis

Will man aber trotz allem der offiziellen Linie des Vatikans folgen - falsche Beratung, Unkenntnis der Weltanschauung von Williamson - muss man auf eine Erkenntnis stoßen, die gläubige Katholiken erschüttern dürfte. Wenn die Wiederaufnahme der Piusbrüder tatsächlich ein Akt der Versöhnung sein sollte, wenn der Papst nicht wissen konnte, dass er einen Holocaust-Leugner wieder aufnimmt, und das auf keinen Fall wollte, dann läuft die Argumentation zwangsläufig auf eins hinaus: dass der Papst sich geirrt hat.

"Irren ist menschlich"

Mit der Unfehlbarkeit des Papstes hat das freilich nichts zu tun, denn die gilt nur für förmlich aufgestellte Dogmen. Theologin Ranke-Heinemann drückt es so aus: "Irren ist menschlich. Aber der Papst nimmt für sich Unfehlbarkeit in Glaubens- und Moralfragen in Anspruch. Von falscher Beratung kann überhaupt keine Rede sein, nur von falschen Ansichten des Papstes Benedikt XVI."

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