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Köln: Leiche identifiziert - Vermisster 17-Jähriger tot geborgen

Nach Einsturz von Kölner Stadtarchiv  

Leiche identifiziert - Vermisster 17-Jähriger tot geborgen

09.03.2009, 08:39 Uhr | AFP, dapd, dpa

Viereinhalb Tage nach dem Unglück konnten die Helfer nur noch die Leiche des vermissten Kevin K. bergen (Quelle: ddp)

Bei dem Toten, der unter den Trümmern des Kölner Stadtarchivs gefunden wurde, handelt es sich um den 17 Jahre alten Bäckerlehrling Kevin K. Das teilte der Kölner Kriminaldirektor Tobias Clauer nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung mit. Seine Leiche war am frühen Sonntagmorgen gefunden worden. Nach dem zweiten Vermissten wird weiter gesucht.

Kevin K. hatte ebenso wie der 23 Jahre alte Design-Student Khalil G. in einer Dachgeschosswohnung eines Hauses neben dem Stadtarchiv gelebt. Beide Männer galten seit dem Einsturz als vermisst.

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Im Schlaf überrascht

Khalil G. hatte sich am Dienstag bei seiner Praktikumsstelle krankgemeldet und war vermutlich ins Bett gegangen. Kevin K. wollte sich nach seiner Schicht in einer Bäckerei zu Hause ausruhen. Laut Obduktion wurde das offenbar im Schlaf überraschte Opfer sofort getötet. Polizei und Feuerwehr bekräftigten, es gebe weiter keine Hinweise, dass unter dem Trümmerberg noch weitere Menschen verschüttet sein könnten.

Gedenkfeier geplant

Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma sprach den Angehörigen des 17-Jährigen auch im Namen von Rat und Bürgerschaft sein Beileid aus. Zudem sei in der Domstadt eine Gedenkfeier geplant.

KVB entschuldigt sich

Der Vorstandssprecher der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), Jürgen Fenske, entschuldigte sich unterdessen bei den Angehörigen der Opfer und anderen Geschädigten. Dies sei ihm ein persönliches Bedürfnis, sagte Fenske. Die KVB stehen in der Kritik, weil die Ursache für den Einsturz am Dienstag wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Ausbau der Kölner U-Bahn steht. Ein Versäumnis hat das Unternehmen bislang aber nicht eingeräumt.

Einsturz vermutlich infolge von U-Bahn-Bau

Wie das Magazin "Der Spiegel" vorab berichtete, hätten Experten bereits vor fünf Jahren die Arbeiten beim U-Bahn-Bau bemängelt. In einem Gutachten, das nach dem Absacken eines Kirchturms im Jahr 2004 erstellt worden war, wurde demnach kritisiert, dass der "Stützdruck" beim Bau eines Versorgungstunnels zu niedrig gewesen sei, um die unterirdische Bohrstelle ausreichend zu stabilisieren. Neu gegrabene Abschnitte seien nicht immer sofort mit einem schnellhärtenden Ring aus Bentonit umschlossen worden. Beim Führen der Maschinen seien "bedienungsbedingte vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" im Erdreich unter der Kölner Südstadt entstanden.

Fieberhafte Suche

Die Einsatzkräfte durchsuchen derweil weiter fieberhaft die Unglücksstelle nach dem zweiten Vermissten. "Es wird ohne Pause Schutt abgetragen, teils mit Baggern, teils mit den Händen", sagte ein Feuerwehrsprecher. Zwischendurch suchten Spürhunde das Trümmerfeld ab. Die Leiche von Kevin K. lag nach Angaben der Feuerwehr in dichtem Schutt unterhalb des Kellerbodens des eingestürzten Gebäudes. "Zunächst ragte eine Hand aus den Trümmern, dann legten die Einsatzkräfte den Kopf, die Arme und den ganzen Leichnam frei", sagte ein Polizeisprecher.


Unglücksstelle musste stabilisiert werden

Die Feuerwehr hatte erst am Freitag intensiv mit der Suche nach den beiden vermissten jungen Männern beginnen können. Zuvor wäre das Betreten der Unglücksstelle für die Helfer zu gefährlich gewesen. Übrig gebliebene Gebäudeteile drohten einzustürzen und der Boden sackte immer wieder weg. Deshalb mussten zunächst Hausruinen abgerissen werden. In das Erdreich wurde massenhaft Beton gefüllt, um es zu stabilisieren. "Es ist ganz sichergestellt, dass weder die Verschütteten noch Archivgut durch Beton geschädigt wurden", betonte der Feuerwehrsprecher.

Feuerwehr verteidigt eigenes Vorgehen

"Ich versichere Ihnen, der Weg, den wir gehen, ist der einzig gangbare", sagte der Sprecher zu Kritikern, die den Rettungskräften ein zu langes Warten vorgeworfen hatten. "Man hat da immer diese Bilder aus Erdbebengebieten in Entwicklungsländern vor Augen mit irgendwelchen Laien, die in den Trümmern buddeln. Das ist unverantwortlich."

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"Heimsuchung von biblischem Ausmaß"

Während der Suche nach Verschütteten bargen die Retter gleichzeitig Archivgut aus den Trümmern. Aus dem Schutt gezogene Dokumente wurden in Kisten abtransportiert. Der Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, Michael Knoche, nannte den Verlust des einzigartigen Archivguts eine "Heimsuchung von biblischem Ausmaß". Es sei nach dem Elbe-Hochwasser in Dresden und dem Brand seiner Bibliothek innerhalb weniger Jahre "ein neuer dramatischer Verlust unserer nationalen Überlieferung".

Nachlass von Böll erst vor drei Wochen übergeben

René Böll, Sohn des Schriftstellers Heinrich Böll, sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", er erlebe es als "Katastrophe", dass bei dem Einsturz ein großer Teil des Nachlasses seines Vaters verschüttet worden sei. Erst vor drei Wochen hatte er die Fotos, Manuskripte und Briefe dem Historischen Archiv übergeben: "Dort glaubten wir sie nun am sichersten Ort überhaupt aufgehoben." Die Witwe des Foto-Sammlers L. Fritz Gruber (1908-2005), Renate Gruber, empfindet den Verlust des Nachlasses nach eigenen Worten "fast wie einen zweiten Tod".

Absperrungen werden ab Montag zurückgefahren

Die weiträumigen Absperrungen um die Unglücksstelle sollen ab Montag wieder zurückgefahren werden. Dann werden wohl wieder mehr Kunden die anliegenden Geschäfte besuchen. Anwohner umliegender Straßen können dann auch wieder bis zu ihren Häusern fahren, ohne jedes Mal eine Berechtigung vorlegen zu müssen. Der Unterricht für die Schüler zweier angrenzender Gymnasien wird in provisorischen Räumen wieder aufgenommen.



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