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Hitzechaos bei der Bahn: Jetzt macht die Regierung Druck

Hitzechaos bei der Bahn: Jetzt macht die Regierung Druck

20.07.2010, 17:09 Uhr | dapd, t-online.de, dpa, AFP

Hitzechaos bei der Bahn: Jetzt macht die Regierung Druck. Hitzechaos: Ein Bahn-Mitarbeiter inspiziert die Klimaanlage eines ICE (Foto: dpa)

Ein Bahn-Mitarbeiter inspiziert die Klimaanlage eines ICE (Foto: dpa)

Nach den Hitzepannen in mehreren Zügen der Deutschen Bahn setzt jetzt die Bundesregierung das Unternehmen unter Druck. "Das Thema Mängel bei den ICE ist auf der Tagesordnung", sagte die Sprecherin des Verkehrsministeriums, Sabine Mehwald. Ähnlich äußerte sich Verbraucherministerin Ilse Aigner. Die Deutsche Bahn selbst wies Vorwürfe zurück, nach denen der Konzern bei der Wartung von Klimaanlagen spart. Dennoch haben inzwischen die Kühlsysteme am Montag in weiteren Zügen versagt.

Es habe bereits ein Telefonat mit Bahn-Chef Rüdiger Grube gegeben, sagte Mehwald. "Herr Grube hat versichert, dass er lückenlos aufklärt." Zudem sei das Verkehrsministerium in Gesprächen mit der Bahnindustrie, der Bahn und dem Eisenbahnbundesamt, um neue Generationen des ICE zu optimieren.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer warnte davor, die ausgefallenen Klimaanlagen zu einer nationalen Tragödie zu stilisieren. Zugleich forderte der CSU-Politiker, die Ursachen der aktuellen Vorfälle müssten gründlich untersucht und beseitigt werden. Er erwarte von der Deutschen Bahn, dass die Züge bei minus 40 Grad genauso zuverlässig führen wie bei plus 40 Grad.

Aigner: Keine Einzelfälle

Verbraucherministerin Aigner forderte eine schnelle Überprüfung aller Züge. Der Ausfall der Klimaanlage in ICE-Zügen sei offenbar kein Einzelfall, sagte die CSU-Politikerin der "Bild"-Zeitung. Sämtliche Züge müssten umgehend auf ihre Funktionsbereitschaft überprüft werden. Es sei ein ernster Vorgang, wenn Fahrgäste gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten, wurde Aigner zitiert. Die Deutsche Bahn müsse den Ursachen "umgehend auf den Grund gehen und die technischen Probleme abstellen".

Scharfe Angriffe

Der Fahrgastverband Pro Bahn hatte die Deutsche Bahn zuvor scharf angegriffen und bezeichnete das Hitzechaos, bei dem mehr als 40 Reisende in Zügen mit ausgefallener Klimaanlage kollabiert sind, als eine "hausgemachte Klimakatastrophe". "Die Deutsche Bahn hat an der falschen Stelle gespart und die Ausfälle der Klimaanlagen in ICE billigend in Kauf genommen", sagte Pro-Bahn-Sprecher Hartmut Buyken t-online.de.

Eine Bahnsprecherin wies die Kritik zurück. Fahrzeuge verschiedener Baureihen mit unterschiedlichen Klimasystemen seien ausgefallen: "Bei über 1400 Fahrten im Fernverkehr pro Tag handelt es sich um Einzelfälle." Zahlen, in wie vielen Zügen die Klimaanlagen ausgefallen seien, konnte sie nicht nennen. Betroffene Fahrgäste sollten sich aber an die Bahn wenden, damit sie entschädigt werden könnten. Wie hoch, sei im Einzelfall zu prüfen. Sie wies aber auch darauf hin, dass die Klimaanlage nicht in den Beförderungsbedingungen verankert sei, "dennoch entschuldigen wir uns bei jedem, der unter Unannehmlichkeiten zu leiden hatte."

Zugstopp bei Totalausfall

In den nächsten Tagen würden bei der nächtlichen Prüfung ein besonderes Augenmerk auf die Klimaanlagen gelegt, sagte die Sprecherin. Außerdem würden mehr nichtalkoholische Getränke als üblich an Bord der Züge sein. Die Zugchefs und Zugbegleiter haben inzwischen die verbindliche Anweisung, bei einem Totalausfall der Klimaanlage den Zug am nächstmöglichen Bahnhof zu stoppen.

Pro Bahn: "Verfehlte Politik"

Hartmut Buyken kritisierte, dass die Bahn die Pannen jetzt als Einzelfälle abtut. "Die Technik ist nicht auf Sicherheit ausgelegt, sondern darauf, die Kosten zu minimieren", sagte Buyken weiter. Es sei eine "Milchmädchen-Rechnung", an den Zügen zu sparen und die Fahrgäste bei Problemen zu entschädigen, weil das billiger sei. Das Herstellerkonsortium der deutschen Industrie unter Führung von Siemens und die Deutsche Bahn AG erhielten jetzt die Quittung für ihre verfehlte Politik.

"Kein Notfallmanagement"

Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender von Pro Bahn sieht im Gegensatz zur Bahn beim Versagen der Klimaanlagen ein System. Er fordert eine Generalüberholung der Züge. "Es waren alles Züge des Typs ICE II. Das sind Züge, die jetzt 15 Jahre alt sind. Die kommen jetzt auch in die Revision, vielleicht hätten sie doch etwas früher rein gemusst."

Fatal sei nach wie vor der Umgang der Bahn mit Problemen. "Wenn es kritisch wird, muss man einen Zug auch mal anhalten und nicht nur, wenn er nicht weiterfahren kann, sondern auch, wenn im Inneren Dinge des Komforts nicht mehr stimmen." In den konkreten Fällen vom Wochenende hätte man die Reisenden aussteigen lassen müssen, sagte Naumann. Es gebe kein konsequentes Notfallmanagement, kritisierte auch Buyken.

Bundespolizei ermittelt gegen die Bahn

Die Bundespolizei hat jetzt offiziell ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung eröffnet. Ermittelt werde in alle Richtungen, sagte der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Münster, Rainer Kerstiens. Zum einen stehe eine technische Prüfung der Klimaanlage des Zuges an, der aus Berlin kommend am Samstagabend erst in Bielefeld gestoppt worden war. Diese Aufgabe werde voraussichtlich das Eisenbahnbundesamt übernehmen. Hier gehe es um die Frage, ob der Schaden hätte verhindert werden können.

Zum anderen müsse der Umgang der Verantwortlichen mit der Situation im Zug geprüft werden. Mehrere Fahrgäste hätten sich bereits per E-Mail bei der Bundespolizei gemeldet. Pro-Bahn-Sprecher Buyken warnte jedoch davor, einzelne Bahnmitarbeiter verantwortlich zu machen. "Das Personal ist mit der Situation überfordert. Schuld ist das menschliche Versagen im Management."

Schule will Schadenersatz geltend machen

Am Samstag waren in drei ICE auf dem Weg von Berlin ins Rheinland wegen Überhitzung die Klimaanlagen ausgefallen. Am Hauptbahnhof in Bielefeld wurde ein ICE gestoppt, nachdem sich die Situation in dem überhitzten Zug dramatisch zugespitzt hatte. In dem ICE herrschten Insassen zufolge Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad. Zu den Leidtragenden gehörten unter anderem 27 Schüler, die einen Kreislauf-Kollaps erlitten. Die "Neue Osnabrücker Zeitung" sprach von insgesamt zehn Zügen, in denen die Klimaanlage versagt hätten.

Wie die Leiterin der ebenfalls betroffenen Remscheider Sophie-Scholl-Gesamtschule, Brigitte Borgsted, sagte, meldete sich bei ihr kein Bahn-Verantwortlicher. Von der Schule mussten fünf Schüler ins Krankenhaus. "Es ist ein starkes Stück, dass die sich nicht gemeldet haben", sagte Borgstedt. Die Schule werde bei der Bahn Schadensersatz geltend machen. Außerdem rate sie den Eltern, für ihre Kinder Schmerzensgeld einzufordern.

"Es war kochendheiß"

Auch bei t-online.de meldeten sich zahlreiche User und schilderten ihre drastischen Reiseerlebnisse in der Bahn. So berichtete Elisabeth Heinatz: "Bereits am Freitag bin ich von Hannover nach Hamm gefahren, da gab es auch schon die gleichen Probleme, verspätete Züge, defekte Loks und ausgefallene Klimaanlagen. Die Bahnfahrt war eine einzige Katastrophe. Kleine Kinder schrien, Senioren waren desorientiert." User "artattak66" schreibt: "Ich bin am Freitag zwischen 13 und 14 Uhr mit dem Regionalzug, 1. Klasse, nur von Duisburg bis Essen gefahren. Die Klimaanlage war aus, und das Großabteil war kochendheiß. Als ich in Essen ausgestiegen bin, war ich klatschnass durchgeschwitzt." User "Alexander" berichtete, in einem ICE von München nach Frankfurt "musste der Zugführer teilweise mit offenen Fenstern fahren, da auch im Führerstand die Klimaanlage nicht funktionierte". "Das sind keine Ausnahmen, wie der Bahnsprecher dreist behauptet, sondern kommt häufig vor."

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