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EHEC: Jetzt auch Gurken aus den Niederlanden unter Verdacht

Der EHEC-Verdacht weitet sich aus

27.05.2011, 12:24 Uhr | dpa

Der Schuldige schien gefunden: Gurken aus Spanien sollen das EHEC-Bakterium ins Land gebracht haben - oder doch nicht? Die belasteten Erzeuger wehren sich und behaupten, das Gemüse sei erst in Deutschland verunreinigt worden, als eine Palette zu Boden gefallen ist. Wissenschaftler suchen jetzt nach weiteren Quellen, die die EHEC-Welle in Deutschland verbreitet haben, auch Gurken aus den Niederlanden stehen im Fokus.

Denn EHEC weitet sich zu einem europäischen Problem aus: Die Gurken aus den Niederlanden sehen Forscher als eine weitere potenzielle Infektionsquelle. Der Erreger hat sich inzwischen in fünf Ländern ausgebreitet. Schweden hat zehn Erkrankungen, Dänemark vier, Großbritannien drei und die Niederlande eine gemeldet. Alle betroffenen Skandinavier seien zuvor in Deutschland auf Reisen gewesen.

Lieferung mit verseuchter Gurke bestand aus 180 Boxen

Das spanische Gesundheitsministerium hat inzwischen eine Untersuchung eingeleitet. Die Behörden hätten sich mit zwei Agrarbetrieben in den Provinzen Málaga und Almería in Verbindung gesetzt, aus denen die kontaminierten Gurken stammen könnten. Allerdings könne aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Gurken in Deutschland verunreinigt worden seien, so das Ministerium.

Das behauptet nämlich einer der betroffenen spanischen Produzenten, Pepino Bio Frunet. Ein Manager des Unternehmens, Javier Lopez, sagte der "Bild"-Zeitung: "Die Gurken wurden mit einem Lkw abgeholt und kamen am 15. Mai in Hamburg an. Am 16. bekamen wir eine E-Mail unseres Kunden, der uns mitteilte, dass die Gurken während des Transports heruntergefallen wären. Er teilte uns mit, dass er sie trotzdem auf dem Hamburger Großmarkt verkaufen wolle." Die Lieferung habe insgesamt aus 180 Boxen mit Gurken bestanden.

Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, hält dies für unwahrscheinlich. "Es ist eine Möglichkeit, aber eine sehr, sehr, sehr geringe", sagte er. "So was kann passieren, aber da müsste ein ganzer Lkw und noch mehr auf den Boden gefallen sein. Bei der Häufigkeit, die wir jetzt haben, erscheint mir das eher unwahrscheinlich." Denkbar wäre laut Müller noch, "dass irgendwo die Gurken noch mal gewaschen worden sind, bevor die verpackt beziehungsweise auf die Reise gegeben worden sind, und dass da eine Kontamination stattgefunden hat."

"Wir wollen auch nach der Wahrheit suchen"

Eigene Tests von Pepino Bio Frunet an den Gurken des betroffenen Bauern hätten keine Verunreinigung ergeben, sagte eine Mitarbeiterin des Unternehmens. Die deutschen Proben seien zweieinhalb Wochen nach Auslieferung gemacht worden, als die Gurken schon halb verschimmelt in einem Lager gestanden hätten.

"Wir wollen auch nach der Wahrheit suchen", sagte die Mitarbeiterin. Sie hoffe, dass Tests in Spanien und anderen Exportländern die eigenen Proben bestätigen. Gleichzeitig kritisierte sie die deutschen Behörden, die Pepino Bio Frunet nicht über das genaue Ergebnis der Analyse informiert hätten. Nach wie vor sei unklar, ob die Bakterienstämme von den Gurken und den Erkrankten übereinstimmten, sagte der Sprecher der Gesundheitsbehörde in Hamburg, Rico Schmidt.

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Bereits 800 Verdachtsfälle

In Deutschland starben bislang drei Frauen nachweislich an den Folgen der Infektion. Bundesweit gibt es schon mehr als 800 Verdachts- und bestätigte EHEC-Fälle - die meisten davon in Norddeutschland. "Der Ausbruch geht weiter, von gestern auf heute sind 60 neue HUS-Fälle - also schwere Verläufe der EHEC-Infektion - dazugekommen", sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger. "Wir müssen aufgrund der steigenden Zahlen immer noch von einem dynamischen Geschehen ausgehen", betonte auch Thomas Spieker vom Gesundheitsministerium Niedersachsen. Dort leiden 35 Menschen an der besonders schweren Form der Infektion durch EHEC.

Wegen der vielen infizierten Patienten in deutschen Krankenhäusern könnte nach Angaben eines Mediziners das Blutplasma knapp werden. "Noch haben wir ausreichend Spendenplasma zur Behandlung der Patienten, aber wenn die Situation so anhält, könnte es schwierig werden", sagte Jan Kielstein, Nierenarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Um ein Nierenversagen bei den Betroffenen zu verhindern, müsse bei ihnen mindestens drei Mal ein Plasmaaustausch vorgenommen werden. "Pro Therapie brauchen wir das Blutplasma von sechs bis zehn Spendern."

An drei Salatgurken aus dem südeuropäischen Land entdeckte das Hamburger Hygiene-Institut den gefährlichen Durchfall-Erreger. "Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle infrage kommen", teilte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) mit. Weitere Quellen seien aber möglich. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt weiter vor anderen Gurken, Tomaten und Blattsalaten. Wer sicher gehen wolle, sollte zunächst ganz auf den Verzehr verzichten.

Haben die Spanier geschlampt?

Der Chef des Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, machte sich indes für schärfere Regeln für Import-Gemüse stark. "Wir fordern, dass es in der EU einheitliche Standards gibt", sagte er der "Rheinischen Post". "Diese Regeln müssen auch für Drittländer gelten, die zu uns liefern." Im Gegensatz zu den sehr strengen Regeln in Deutschland würden Importe wesentlich lascher geprüft.

Unterstützung dafür kam vom verbraucherschutzpolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Erik Schweickert. "Es kann nicht sein, dass in Spanien bei der Lebensmittelkontrolle geschlampt wird und in Deutschland dadurch Menschen krank werden", sagte er der "Leipziger Volkszeitung". "Das europaweite Schnellwarnsystem für Lebensmittel muss effizienter werden."

Die Bauern in Norddeutschland werfen wegen des EHEC-Erregers tonnenweise Salatköpfe, Tomaten und Gurken auf den Müll. "Allein in Niedersachsen haben fünf Großabnehmer im Einzelhandel ihre Gemüsebestellungen storniert", sagte Axel Boese von der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland. Viele Bauern seien gezwungen, das geerntete Gemüse wegzuschmeißen. Andere ließen das Gemüse auf den Feldern und pflügten es unter. Er fordert deshalb ein klares Statement von der Politik: "Es muss gesagt werden, dass deutsches Gemüse keimfrei ist."

Restaurants und Kantinen streichen Gemüse

Zahlreiche Restaurants, Kantinen, Krankenhäuser und Kindergärten haben fragliches Gemüse vom Speiseplan gestrichen. Auch viele Supermarktketten nahmen spanische Salatgurken aus ihrem Angebot.

Das Saarland hat den Verkauf spanischer Gurken untersagt, auch die Behörden in Bayern weiten Kontrollen von Gemüse aus. Gurken aus Spanien dürfen demnach nur dann verkauft werden, "wenn das Lebensmittelunternehmen mittels entsprechender Prüfung die Unbedenklichkeit bestätigen kann", teilte das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit mit. Bislang seien bei den Proben im Freistaat keine EHEC-Keime nachgewiesen worden.

Darmkeim ist identifiziert

Derweil haben Wissenschaftler der Universität Münster den grassierenden Darmkeim EHEC genau identifiziert. Es handele sich um eine seltene und veränderte Variante des Erregers, die gegen viele Medikamente resistent sei, berichtete der Mikrobiologe Professor Helge Karch. Er leitet das Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das zu tödlichem Nierenversagen führen kann.

Der derzeitige Ausbruch ist nach Einschätzung des Experten sehr ungewöhnlich. Der Keim sei zwar bekannt, habe weltweit aber noch nie einen Ausbruch der Durchfall-Krankheit verursacht. In wenigen Tagen soll ein Schnelltest für die Bakterien zur Verfügung stehen.

Vor allem Frauen betroffen

Experten zufolge sei auch ungewöhnlich, dass viele Erwachsene erkrankten und drei Viertel von ihnen vor allem jüngere Frauen seien. Zudem sei bei ihnen die Zeit zwischen dem anfänglichen Durchfall und dem bedrohlichen HUS-Syndrom kürzer als bei Männern.

Deutschland erlebt laut RKI derzeit den stärksten je registrierten EHEC-Ausbruch. Es gebe so viele Erkrankte pro Woche wie sonst in einem Jahr. Das Bakterium - eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli - sei hochinfektiös.

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