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EHEC-Ausbruch: WHO macht mutierten Bakterienstamm verantwortlich

Neuer Bakterienstamm verursacht EHEC-Ausbruch

02.06.2011, 15:00 Uhr | dapd

EHEC-Ausbruch: WHO macht mutierten Bakterienstamm verantwortlich. E.-coli-Bakterien sind zu einem neuen Stamm mutiert (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

E.-coli-Bakterien sind zu einem neuen Stamm mutiert (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Für die zahlreichen EHEC-Infektionen in Europa ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein neuer Stamm von E. coli-Bakterien verantwortlich. Vorläufige genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass der Stamm eine mutierte Form aus zwei E.-coli-Bakterien sei.

Die WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse, sagte, der neue Stamm von E. coli-Bakterien sei noch nie bei Patienten isoliert worden. Er weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren ließen als die vielen anderen Stämme, die natürlicherweise beim Menschen vorkämen. Eine Mutation sei bei Bakterien nichts Ungewöhnliches. "Da ist viel Bewegung in der mikrobiellen Welt", sagte sie.

Neue Erreger-Variante

Nach Angaben des Bakteriologen Holger Rohde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sind die genetischen Erkenntnisse über den Stamm von UKE-Wissenschaftlern und chinesischen Kollegen genauer analysiert worden. "Wir haben feststellen können, dass es sich tatsächlich um eine neue, bisher noch nicht beschriebene Variante dieses Erregers handelt", sagte Rohde. Mit seinem Team habe er anhand von Patienten-Stuhlproben klären können, was den Stamm so besonders mache, warum er so aggressiv sei.

"Daraus ergibt sich, dass wir unsere Diagnostik kurzfristig optimieren und für den Nachweis für diesen spezifischen Erreger maßschneidern können", sagte Rohde. Die Arbeiten seien noch nicht abgeschlossen. Er hoffe, dass durch das Wissen über das Erbmaterial dieses Erregers künftig verständlich werde, warum er ein solches schweres Krankheitsbild verursachen könne. "Und möglicherweise können wir dann in ferner Zukunft auch neue Strategien für die Therapie von Patienten entwickeln", sagte Rohde.

Genaue Ursache noch nicht eingegrenzt

Bereits in der vergangenen Woche hatten Forscher des Universitätsklinikums Münster herausgefunden, dass es sich bei dem Erreger um einen Vertreter des Typs HUSEC 41 des Sequenztyps ST678 handele. Dies sei einer von 42 EHEC-Typen, die seit 1996 bei Patienten in Deutschland aufgetreten seien, erklärten die Münsteraner Wissenschaftler. Mit diesem EHEC-Typ sei es bislang weder in Deutschland noch weltweit zu dokumentierten Krankheitsfällen gekommen. Es sei ein "alter Bekannter", der bislang nicht "auffällig in Erscheinung getreten" sei, hatte der Direktor des Instituts für Hygiene des Uni-Klinikums Münster, Helge Karch, gesagt.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sagte in Berlin, leider sei die Botschaft weiterhin, dass "die genaue Ursache des Geschehens noch nicht eingegrenzt werden konnte". Bei Patientenbefragungen seien Tomaten, Gurken und Blattsalate, die in Norddeutschland verzehrt wurden, "auffällig in der Schnittmenge" gewesen.

Erreger kann bei Transport auf Ware gelangt sein

Die spanischen Gurken trügen "nicht den eigentlichen Erreger", erklärte Aigner - nämlich das Bakterium vom Stamm O104:H4. Nach Hunderten von Proben seien sich die Experten noch nicht einmal sicher, ob überhaupt ein Agrarprodukt für die Infektionen verantwortlich gemacht werden könne. Denn der Erreger kann auch bei Transport, Verladung und Verpackung auf die Ware gelangt sein.

Anfang Mai war nach Angaben des Robert-Koch-Instituts der erste HUS-Fall registriert worden. Mittlerweile verzeichnen einzelne Bundesländer wie Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen eine rasante Zunahme der Infektionsfälle. Die anfängliche Vermutung, dass Salatgurken vom Hamburger Großmarkt für die Erkrankungen verantwortlich sind, bestätigte sich nicht. Der Stamm sei bei keiner der vier untersuchten Gurken nachgewiesen worden, sagte ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Extrem schwerer Verlauf der Erkrankungen

Andreas Samann vom Institut für Hygiene und Umwelt in Hamburg machte wenig Hoffnung, dass die Quelle des Darmkeims rasch entdeckt werde. In fast 80 Prozent aller Fälle weltweit finde man den Erreger nicht, erklärte er bei einer öffentlichen Sitzung im Ernährungsausschuss des Bundestages. Ähnlich sieht das auch BfR-Präsident Andreas Hensel: "In der Mehrzahl aller Ausbruchsgeschehen wird das Agens nicht isoliert", sagte er.

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Sorgen bereitete Medizinern der schwere Verlauf, den die Infektion bei einigen Patienten nimmt. Der Direktor der Medizinischen Klinik I am UKSH-Standort Lübeck, Hendrik Lehnert, sagte, bei der Hälfte aller HUS-Patienten am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein träten neurologische Komplikationen auf. "Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe, die wir bisher nicht kannten", sagte Lehnert in Kiel. Die Störungen auf der Ebene des Gehirns würden etwa drei bis vier Tage nach Beginn des HU-Syndroms auftreten. Sie reichten von milderen Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu Sprachstörungen und Epilepsien.

Spanien erwägt rechtliche Schritte

Unterdessen erwägt die spanische Regierung rechtliche Schritte gegen die Hamburger Behörden, die im Zusammenhang mit EHEC vor Gemüse aus dem Land gewarnt hatten. Die EU-Kommission hob ihre Warnung vor spanischen Gurken auf und erklärte, Tests hätten ergeben, dass diese nicht für die EHEC-Erkrankungen in Deutschland und anderen Ländern verantwortlich seien. Das Bundesverbraucherministerium hingegen verteidigte die Warnung vor spanischen Gurken. Die Hamburger Behörden hätten gemäß geltender Vorschriften gehandelt, sagte ein Ministeriumssprecher. Russland, in dem seit Montag bereits ein Einfuhrverbot für Gemüse aus Spanien und Deutschland galt, weitete dieses Verbot auf Gemüse aus der gesamten EU aus.

Hohe Umsatz-Einbußen für deutsche Gemüsebauern

Die Angst vor rohem Gemüse sorgt bei den deutschen Bauern für Umsatz-Einbrüche in Millionenhöhe. "Unsere Gemüsebauern haben jetzt einen Schaden von 30 Millionen Euro", sagte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner dem Fernsehsender N24. Er kritisierte, dass sich die Experten bei der Suche nach dem EHEC-Keim zu einseitig auf Gemüse festgelegt hätten, anstatt auch an anderen Stellen danach zu suchen. Eine Forsa-Umfrage ergab, dass jeder zweite Bundesbürger wegen EHEC seine Ernährung umgestellt hat und derzeit auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate verzichtet.


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