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Forscher entlarven tödliche Strategie der EHEC-Keime

EHEC-Epidemie: Forscher entlarven tödliche Strategie der EHEC-Keime  

Forscher entlarven tödliche Strategie der EHEC-Keime

09.06.2011, 07:31 Uhr | dapd, dpa

Forscher entlarven tödliche Strategie der EHEC-Keime. Eine spezielle Blutwäsche ist für einige Patienten die letzte Chance im Kampf gegen den Erreger (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Eine spezielle Blutwäsche ist für einige Patienten die letzte Chance im Kampf gegen den Erreger (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Mediziner der Universitätskliniken Greifswald und Bonn haben Hinweise auf die Ursache des schweren Krankheitsverlaufs bei EHEC-Patienten gefunden. Vieles deute darauf hin, dass beim hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) neben dem Giftstoff Shigatoxin auch die Bildung von Autoantikörpern für schwere Schädigungen verantwortlich ist, sagte der Transfusionsmediziner Andreas Greinacher. Autoantikörper sind Antikörper, die sich nicht gegen fremde sondern gegen körpereigene Stoffe richten.

Diese Autoantikörper verursachten einen Anstieg eines Gerinnungsfaktors, wodurch die Durchblutung wichtiger Gehirnregionen und der Nebennieren eingeschränkt sei. Sie würden nur von einigen EHEC-Patienten gebildet. Neurologische Auswirkungen wie Bewusstseinsstörungen und Epilepsien gehören zu den schwierigsten EHEC-Komplikationen.

Inzwischen wurden vier schwer erkrankte EHEC-Patienten in Greifswald mit einer speziellen Blutwäschetherapie behandelt, bei der die Autoantikörper aus dem Blut gefiltert werden. "Die ersten Entwicklungen bei den Blutwerten stimmen uns optimistisch", sagte Greinacher.

Eiweiß verstopft Kapillargefäße

Warum bei bestimmten EHEC-Patienten das Autoimmunsystem fehlgeleitet sei, sei unklar. In den Gefäßzellen von Hirn und Nebennieren der betroffenen Patienten werde ein für die Gerinnung verantwortliches Eiweiß, der sogenannte Von-Willebrand-Faktor, nicht wie im Normalfall in kleine Stücke zerlegt, sondern sammele sich an und verstopfe die Kapillaren, also die kleinsten Gefäße. Dies führe dann zu den schwerwiegenden Krankheitsbildern.

Nach Angaben Greinachers und seines Bonner Kollegen Bernd Pötzsch bilden sich die Autoantikörper erst im Verlauf der EHEC-Erkrankung. "Die Autoantikörper entstehen frühestens fünf Tage nach der EHEC-Infektion. Damit erklärt sich, warum die Patienten die Durchfallerkrankung in der Regel bereits überstanden haben und erst danach die schweren neurologischen Symptome auftreten", sagte Greinacher. Das Greifswalder Institut für Immunologie und Transfusionsmedizin erforscht die Ursachen von Blutkrankheiten.

Bereits 25 Todesfälle durch EHEC

Knapp einen Monat nach dem EHEC-Ausbruch ist die Zahl der Todesfälle auf 25 angestiegen. "Es ist leider auch nicht auszuschließen, dass noch weitere Todesfälle zu verzeichnen sind", sagte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Mittlerweile haben sich mehr als 1900 Menschen mit dem gefährlichen Erreger infiziert. Etwa 670 Patienten litten am hämolytisch-urämischen Syndrom, sagte die Bremer Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD).

Es werde weiterhin mit Nachdruck nach der Erreger-Quelle gefahndet. Mittlerweile seien rund 3800 Lebensmittelproben genommen worden. Es würden insbesondere Restaurants und Kantinen in Norddeutschland, wo es die meisten Krankheitsfälle gibt, untersucht. Zudem würden alle Betriebe überprüft, die rohes Gemüse an Restaurants und Caterer verkaufen. Auch ein neuer Schnelltest des chinesischen Unternehmens Beijing Genomics Institute soll einen Beitrag zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung der Epidemie in Deutschland und Europa leisten. Der Test ermögliche die Diagnose innerhalb von zwei bis drei Stunden und biete eine schnelle und sichere Identifizierung der Darmkeime, teilte das Unternehmen mit.

Suche nach der Quelle immer schwieriger

Die Suche nach der Quelle der Erkrankungen läuft weiter auf Hochtouren. In den Niederlanden wurden EHEC-Bakterien auf Sprossen von Roter Bete entdeckt. Dabei handele es sich aber nicht um den gefährlichen Typ O104:H4, der die Infektionswelle in Deutschland ausgelöst habe, erklärte das Gesundheitsministerium in Den Haag. Dennoch habe Ministerin Edith Schippers angeordnet, das Sprossengemüse aus dem betroffenen Agrarbetrieb vom Markt zu nehmen, teilte ein Behördensprecher mit.

Gestern waren in einer Biotonne einer erkrankten Familie in Magdeburg EHEC-Keime des aggressiven Typs an einem Gurkenrest gefunden worden. Aus diesem Fund könnten allerdings keine Rückschlüsse gezogen werden, sagte eine Sprecherin des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dem "Tagesspiegel". Man wisse nicht, ob der Erreger vorher auf der Gurke war oder erst über den Müll auf das Gemüse kam.

Die Suche könnte eventuell ohne Erfolg bleiben: "Wir wissen aus früheren Ausbrüchen, dass der Nachweis äußerst schwierig ist und auch häufig nicht vollständig gelingt", so Gesundheitssenatorin Rosenkötter. Solange der Erreger nicht eindeutig einer bestimmten Quelle zugeordnet werden könne gelte daher weiterhin die Empfehlung, keine rohen Salate, Tomaten, Gurken und Sprossen zu verzehren sowie auf die Hygiene zu achten.

EU-Kommissar warnt vor Panik

Unterdessen verteidigte EU-Gesundheitskommissar John Dalli die frühzeitige Warnung der deutschen Behörden vor spanischen Gurken. "Ich habe hier nichts zu beanstanden", sagte er. Die Behörden in Hamburg hätten die Warnung herausgeben müssen. "Sie waren dazu verpflichtet und haben richtig gehandelt. Sicherheit geht immer vor." Zugleich warnte er vor Panik. "Die Gefahr ist regional begrenzt, konzentriert sich auf Norddeutschland", sagte Dalli der "Passauer Neuen Presse". "Wir sollten nicht unnötig Angst schüren." Die Menschen in den betroffenen Regionen müssten vorsichtig sein. EHEC sei aber keine Gefahr für alle Verbraucher in Europa.

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Kein EHEC-Nachweis in Sprossenbetrieb

Die Suche nach dem EHEC-Erreger bei dem verdächtigten Sprossenerzeuger in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen blieb unterdessen weiter ohne Ergebnis. Von 40 zunächst in dem Betrieb gezogenen Proben habe man mittlerweile 32 untersucht, ohne dass der Erreger gefunden worden sei, teilte das Verbraucherschutzministerium in Hannover mit. Bei acht der Proben stehe das Ergebnis der Untersuchung noch aus.

In dem Betrieb und in dessen Umfeld wurden noch Angaben des Ministeriums mittlerweile von Landes- und Bundesbehörden über 750 weitere Proben gezogen. Auch hier fehlten die Untersuchungsergebnisse noch, sagte ein Ministeriumssprecher.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) verteidigte dennoch seine Warnung vor dem Verzehr von Sprossen aus dem Uelzener Betrieb. "Der Verdacht gegen den Erzeugerbetrieb in Bienenbüttel erhärtet sich immer mehr, auch wenn wir noch keine bakteriellen Nachweise haben", sagte er der "Bild"-Zeitung. Zugleich betonte er, dass ein verstärktes Eingreifen der EU in der Krise um den gefährlichen Erreger nicht nötig sei. "Die EU war von Beginn an involviert und kann auch nicht mehr tun, als auf Ergebnisse warten", sagte Lindemann. Auch eine zusätzliche übergeordnete Behörde könne auch nicht mehr tun, als jetzt getan würde.

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