Schiffskatastrophe im Mittelmeer: Ein Flüchtlingsboot ist 30 Kilometer vor der libyschen Küste gekentert, Behörden rechnen mit bis zu 700 Toten. "Im Moment müssen wir befürchten, dass dies eine Tragödie von gewaltigem Ausmaß ist", so die Sprecherin des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), Carlotta Sami. Bislang konnten Helfer 24 Leichen bergen.
Der UNHCR-Sprecherin zufolge gibt es wohl keine weiteren Überlebenden. Sollten sich die Zahlen bestätigen, wäre es das "schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde", sagte Sami.
Der maltesische Premierminister Joseph Muscat spricht von der womöglich größten Tragödie, die sich je auf dem Mittelmeer ereignet hat. Er sei gegen ein Uhr morgens darüber informiert worden, dass maltesische Rettungskräfte angefordert wurden. "Sie versuchen buchstäblich, zwischen den Toten, die im Wasser treiben, Überlebende zu finden", so Muscat.
Rettungsaktion missglückt
Zu dem Namen des gesunkenen Schiffes gibt es widersprüchliche Angaben: Erste Meldungen, wonach es sich um den in Portugal registrierten Frachter "King Jacob" gehandelt haben soll, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Andere Quellen berichten, dass es die "King Jacob" war, die dem sinkenden Flüchtlingsboot zu Hilfe eilte. Als sich das Schiff dem Trawler näherte, drängten viele Passagiere zu einer Seite des Decks. Daraufhin kenterte das etwa 30 Meter lange Boot.
"Wahrscheinlich ist der Frachter in die Nähe des Bootes gefahren. Die Bewegung einiger Flüchtlinge hat das Boot dann zum Kentern gebracht", bestätigte auch Sami. "Wenn sich die Bilanz dieser erneuten Tragödie bestätigen sollte, sind in den vergangenen zehn Tagen mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen."
Nur wenige Überlebende
Insgesamt suchen 20 Schiffe und drei Helikopter nach Überlebenden. "Je mehr die Zeit voranschreitet, desto eher wird das jedoch eine Suche nach Leichen", so ein Sprecher der Rettungskräfte. Ein BBC-Reporter vor Ort berichtete, dass der Hafen von Lampedusa leer sei. Sämtliche Schiffe würden sich an der Rettungsaktion beteiligen.
28 Überlebende konnten von einem Handelsschiff aufgenommen werden, das die Rettungskräfte alarmierte. Diese sind auf dem Weg zum Unglücksort, 110 Kilometer vor der libyschen Küste. An der groß angelegten Rettungsaktion sind italienische Schiffe, die Marine von Malta und Handelsschiffe beteiligt.
Schiffe für Rettungen nicht geeignet
Ein Reporter der "Times of Malta" sagte der BBC, dass solche Unglücke leider keine Seltenheit darstellten. Teil des Problems sei, dass zu Hilfe eilende Handelsschiffe für Rettungsaktionen nicht richtig ausgestattet sind.
Es ist das zweite größere Schiffsunglück mit aus Nordafrika übersetzenden Migranten innerhalb weniger Tage. Vergangene Woche kamen vermutlich 400 Menschen ums Leben, als ihr Schiff im Mittelmeer kenterte. Bislang bezahlten in diesem Jahr mindestens 900 Menschen die gefährliche Überfahrt in überfüllten und oft nicht seetauglichen Booten mit dem Tod.
Die italienische Küstenwache griff am Wochenende noch weitere Migranten auf, immer wieder erreichten Boote mit Flüchtlingen die italienische Küsten. Allein in der vergangenen Woche sollen es etwa 11.000 Menschen gewesen sein. Seit Anfang des Jahres sind laut UNHCR mehr als 900 Menschen bei der gefährlichen Überfahrt auf dem Mittelmeer gestorben.
"Eine Katastrophe mit Ansage"
Papst Franziskus hat die internationale Gemeinschaft angesichts der erneuten Flüchtlingstragödie zu einem entschiedenen Eingreifen aufgefordert. "Ich appelliere sorgenvoll, dass die internationale Gemeinschaft mit Entschlossenheit und Schnelligkeit handelt, um zu verhindern, dass sich ähnliche Tragödien wiederholen", sagte er nach dem wöchentlichen Regina-Coeli-Gebet auf dem Petersplatz in Rom.
Auch vertreter von Grünen, SPD und Linken Forderungen sind mit Forderungen nach einer Seenotrettungsmission laut geworden. "Erneut hunderte Tote im Mittelmeer sind eine Schande für Europa und uns alle", erklärte Grünen-Chefin Simone Peter in Berlin. "Denn was wir dieser Tage erleben, ist eine Katastrophe mit Ansage."
Es sei "ein tödlicher Fehler" gewesen, im Herbst vergangenen Jahres das Seenotrettungsprogramm "Mare Nostrum" einzustellen. Benötigt werde eine umfassende europäische Seenotrettungsmission und sichere Zugangswege nach Europa, forderte Peter. Europa könne "eine gemeinsame, robuste Seenotrettung" organisieren, erklärte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne). "Alle, die sich dagegen aussprechen, machen sich mit schuldig am Tod der Menschen im Mittelmeer."
"Wer jetzt nicht handelt, macht sich unterlassener Hilfeleistung schuldig", erklärte auch der SPD-Menschenrechtsexperte Frank Schwabe. "Das Schwarze-Peter-Spiel muss jetzt schnell beendet werden." Eine Nachfolgemission von "Mare Nostrum" wäre keineswegs ein Anreiz für weitere Flüchtlinge, "sondern ein Gebot der Menschlichkeit". Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) müsse eine solche Rettungsmission umgehend europäisch durchzusetzen. De Maizière hatte ein neues Seenotrettungsprogramm kürzlich abgelehnt.
"Es ist an der Zeit, dass Deutschland seine restriktive Abwarte- und Abwehrhaltung aufgibt und sich in Europa an die Spitze setzt, um umfangreiche Hilfsmaßnahmen schnell und unbürokratisch zu organisieren", forderte Linken-Fraktionsvize Jan Korte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse in Europa "einen Gipfel der Mitmenschlichkeit initiieren, der dieses massenhafte Sterben stoppt".
EU-Kommission will Flüchtlinge abhalten
Die EU-Kommission äußerte sich "zutiefst betroffen" und kündigte eine Dringlichkeitssitzung der Innen- und Außenminister an. Dabei solle es vor allem darum gehen, die Flüchtlinge von der gefährlichen Reise über das Mittelmeer abzuhalten. "Der einzige Weg, die Realität zu verändern, ist, die Situation an den Wurzeln anzugehen", schrieb die EU-Kommission in einer Mitteilung.
Solange es Krieg und Armut in der europäischen Nachbarschaft gebe, würden Menschen einen sicheren Zufluchtsort in Europa suchen. Deshalb sei es wichtig, mit den Drittländern zusammenzuarbeiten. Es werde ein gemeinsames Treffen von Außen- und Innenministern vorbereitet. "Dies bedarf einer gemeinsamen europäischen Antwort", schrieb die EU-Kommission.
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Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini hat dagegen mehr Schutz von Flüchtlingen gefordert. Das werde auch Thema bei dem EU-Außenministertreffen in Luxemburg am Montag sein, sagte sie. "Wir haben zu oft schon gesagt, nie wieder." Die Europäische Union als Ganzes müsse das Problem nun zügig angehen.
