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Flüchtlingsdrama Mittelmeer: Waren etwa 950 Menschen an Bord?

Schiffsunglück im Mittelmeer  

Überlebender: "Die Schleuser haben die Türen verriegelt"

20.04.2015, 11:42 Uhr | AP, t-online.de

Flüchtlingsdrama Mittelmeer: Waren etwa 950 Menschen an Bord?. Eine Infrarot-Aufnahme von der Rettungsaktion nördlich der libyschen Küste. (Quelle: dpa)

Eine Infrarot-Aufnahme von der Rettungsaktion nördlich der libyschen Küste. (Quelle: dpa)

Es handelt sich womöglich um die bislang schlimmste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. Doch die tatsächliche Dimension ist noch immer unklar. Einer neuen Zeugenaussage zufolge haben sich sogar 950 Menschen auf dem gekenterten Schiff befunden.

Der Überlebende der Havarie berichtete, dass etwa 200 Frauen und Dutzende Kinder an Bord gewesen seien. Außerdem sollen Schmuggler rund 300 Menschen eingesperrt haben: "Viele Flüchtlinge wurden im Laderaum eingeschlossen. Die Schleuser haben die Türen verriegelt, damit sie nicht rauskommen", sagte der Zeuge laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.

Der Mann aus Bangladesch schilderte eindringlich die Zustände auf dem Schiff: "Unten sitzen die Paria, die ohne Rechte, die wenig Geld haben - aber auch die Schwächsten wie alleinstehende Frauen und Kinder." Dort hätten die Menschen weniger als 20 Zentimeter Platz gehabt. Ihr Wasser sei mit Öl verschmutzt gewesen, so dass sie nicht viel getrunken hätten.

Der italienische Staatsanwalt Giovanni Salvi erklärte, dass es noch keine Bestätigung für die Angaben des Mannes gebe. Zuvor waren die Behörden von bis zu 700 Menschen an Bord ausgegangen. Diese sollen allesamt ins Wasser gestürzt sein, als das Boot mitten in der Nacht kenterte - von Eingesperrten war demnach nicht die Rede.

Eingesperrte Flüchtlinge: Theorie plausibel

Das Schiff war am Samstagabend auf dem Weg nach Malta vor der libyschen Küste gekentert. Laut Küstenwache ereignete sich die Katastrophe vermutlich deshalb, weil Flüchtlinge auf eine Seite geeilt waren, als sich ihnen ein unter portugiesischer Flagge fahrendes Containerschiff näherte. Die "King Jacob" war den Schiffbrüchigen zur Hilfe geeilt.

Die offizielle Zahl der Todesopfer lag am Sonntagabend bei 24. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass Hunderte Menschen bei dem Unglück ums Leben kamen. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi bestätigte, dass 28 Menschen bis zum Einbruch der Nacht gerettet werden konnten.

Diese geringe Zahl könnte darauf hindeuten, dass tatsächlich mehrere hundert Menschen in dem Laderaum eingesperrt worden waren, sagte ein italienischer Grenzpolizist. Mit so viel Gewicht im Unterrumpf "wäre das Boot sicherlich gesunken", erläuterte der Beamte. Das Mittelmeer sei am Unglücksort zu tief für Taucher, die tatsächliche Zahl der Opfer würde vermutlich niemals bekannt. Vor Libyen ist das Meer bis zu fünf Kilometer tief.

Südlich der Insel Lampedusa (rote Markierung Bildmitte) und nördlich der libyschen Küste (Bildrand unten) kenterte ein Flüchtlingsschiff mit Hunderten Menschen an Bord. (Quelle: Google Maps)Südlich der Insel Lampedusa (rote Markierung Bildmitte) und nördlich der libyschen Küste (Bildrand unten) kenterte ein Flüchtlingsschiff mit Hunderten Menschen an Bord. (Quelle: Google Maps)

"Meere können nicht zu Leichendeponien werden"

Nach der Havarie sprach sich der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras für einen EU-Krisengipfel zum Thema Migration aus. Er unterstütze einen entsprechenden Aufruf von Renzi, erklärte Tsipras nach einem Telefongespräch mit seinem Amtskollegen. Südliche EU-Länder müssten Vorschläge koordinieren, um Flüchtlingstragödien zu verhindern. Tsipras forderte europäische Solidarität. "Unsere Meere können nicht zu Leichendeponien werden", sagte er zu Renzi.

Dieser fragte: "Wie kann es sein, dass wir täglich Zeuge einer Tragödie werden?" Eine Seeblockade vor der libyschen Küste schloss er aus. Dies würde Schmugglern nur in die Hände spielen, da dann Militärschiffe vor Ort wären, um mögliche Migranten zu retten.

Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien forderten eine einheitliche Reaktion auf das Problem. Europa könne und müsse mehr tun, so EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. "Es ist eine Schande und ein Armutszeugnis, wie viele Länder vor Verantwortung wegrennen und wie wenig Geld wir für Rettungseinsätze bereitstellen."

Europa müsse mehr Schiffe und mehr Flugzeuge abberufen, forderte der französische Präsident François Hollande. Nur mit Worten werde das Problem nicht gelöst, sagte Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy.

 (Quelle: Frontex)

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