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Besatzungen am Ende ihrer Kräfte: Schlepper bringen deutsche Reeder in Not

Besatzungen am Ende ihrer Kräfte  

Schlepper bringen deutsche Reeder in Not

20.04.2015, 17:07 Uhr | dpa, t-online.de

Besatzungen am Ende ihrer Kräfte: Schlepper bringen deutsche Reeder in Not. Die völlig überladenen Flüchtlingsboote im Mittelmeer geraten immer wieder in Seenot.  (Quelle: Archivbild: imago / Independent Photo Agency)

Die völlig überladenen Flüchtlingsboote im Mittelmeer geraten immer wieder in Seenot. (Quelle: Archivbild: imago / Independent Photo Agency)

Im Mittelmeer ist erneut ein Schiff mit Flüchtlingen in Seenot geraten. Die italienische Küstenwache konnte den Menschen an Bord des sinkenden Schiffes nicht helfen - sie ist noch mit der Tragödie vom Sonntag mit vermutlich mehr als 900 Toten beschäftigt. Daher sollten Handelsschiffe zur Rettung geschickt werden. Deren Kapitäne dürfen die Hilfe nicht verweigern. Doch für Rettungseinsätze sind die Frachter gar nicht ausgerüstet. Zudem bringen die Bergungsmissionen die Reedereien in Not.

Der Hamburger Reeder Christopher E.O. Opielok führt ein kleines Unternehmen mit fünf Schiffen. Zwei davon sind im Mittelmeer als Versorgerschiffe eingesetzt. Eigentlich beliefern sie von Malta aus Öl- und Gasplattformen vor der libyschen Küste mit Betriebsmaterial. Aber die Besatzungen stehen zunehmend vor ganz anderen Herausforderungen: Seit Dezember haben die Schiffe des Reeders bei mehr als einem Dutzend Rettungseinsätzen rund 1500 Flüchtlinge aus untergehenden Booten gerettet - und viele andere nicht retten können.

"Unsere Besatzungen sehen die Menschen sterben. Sie ertrinken vor unseren Augen oder erfrieren an Bord", sagt Opielok. Viele der Seeleute seien am Ende ihrer Kraft und suchten sich einen anderen Job.

"Wir sind auf die Rettungseinsätze nicht eingerichtet", berichtet der Reeder, der selbst lange als Kapitän zur See gefahren ist. Die Schiffe fahren mit zwölf Mann Besatzung und nehmen teils mehrere Hundert Flüchtlinge auf. Es fehlt an Platz, Sanitäreinrichtungen, Proviant, Medizin, Essen und Trinken und erster Hilfe.

Wer nicht hilft, macht sich strafbar

Entziehen darf sich der Kapitän eines Handelsschiffes nicht, wenn er zur Hilfe in Seenot aufgefordert wird. So legt es unter anderem das Internationale Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See (SOLAS) fest. Er macht sich sonst strafbar.

Die Schlepper der Flüchtlinge wissen das und steuern die Boote gezielt in die Öl- und Gasfelder vor der libyschen Küste. "Dort ist der Schiffsverkehr am dichtesten", berichtet Opielok. Dann alarmieren die Flüchtlinge die italienische Küstenwache, die das nächstgelegene Schiff zu den seeuntüchtigen Booten dirigiert. "Das sind echte Notrufe, denn die Menschen sind in Lebensgefahr", so Opielok. Die Schlepper und Fluchthelfer machen sich also die zivile Schifffahrt zunutze.

Opielok kann der Situation nicht ausweichen. Er ist auf den Auftrag im Mittelmeer angewiesen. Seit dem Verfall der Ölpreise im vergangenen Jahr ist das Geschäft der Reederei viel schwieriger geworden. Etliche Ölbohrinseln haben die Produktion gedrosselt oder eingestellt. Das heißt auch, kein Bedarf mehr an Versorgungsschiffen. Die Charterraten fallen. Wegen der Flüchtlinge bangt der Reeder, ob er seinen Chartervertrag erfüllen kann - eine einzige Rettungsmission kann 24 Stunden dauern. "In dieser Zeit können wir unseren Vertragspflichten nicht nachkommen." Das beeinträchtigt auch die Versorgung und die Sicherheit auf den Ölplattformen.

EU ist in der Pflicht

Der Hamburger Reeder ist bei weitem kein Einzelfall. Handelsschiffe haben im vergangenen Jahr rund 40.000 Flüchtlinge aus Seenot gerettet. Und die Reederverbände befürchten einen weiteren dramatischen Anstieg. In einem gemeinsamen Appell haben sich die europäischen und die Weltverbände der Reeder und der Gewerkschaften der Seeleute an die 28 EU-Regierungen gewandt. Wenn Tausende weitere Opfer vermieden werden sollten, müssten die EU-Staaten zusätzliche finanzielle Mittel bereitstellen und die finanzielle Bürde teilen.

So sehen es auch die deutschen Reeder. "Unsere Seeleute und die italienische Küstenwache leisten großartige Arbeit, indem sie täglich Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten", sagt Ralf Nagel, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Reeder (VDR). "Die Reedereien treffen Vorsorge, etwa durch zusätzlichen Proviant, Decken und Medikamente an Bord. Aber das Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe ist so dramatisch, dass unsere Seeleute an ihre körperlichen und psychischen Grenzen stoßen." Die EU-Regierungschefs müssten mehr staatliche Rettungsmittel einsetzen und schnellstmöglich Lösungen finden, um des Flüchtlingsstroms über das Mittelmeer Herr zu werden.

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