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THW-Leiter erklärt Blitz-Hochwasser: "Das Wasser kommt von allen Seiten"

THW-Leiter erklärt Blitz-Hochwasser  

"Dann kommt das Wasser plötzlich von allen Seiten"

03.06.2016, 13:25 Uhr | ckr, t-online.de

THW-Leiter erklärt Blitz-Hochwasser: "Das Wasser kommt von allen Seiten". "Fenster auf und raus": Ein Auto wird durchs schwäbische Braunsbach gespült. (Quelle: t-online.de)

"Fenster auf und raus": Ein Auto wird durchs schwäbische Braunsbach gespült. (Quelle: t-online.de)

Man kann es sich kaum vorstellen: Tsunami-artige Sturzbäche schießen durch deutsche Kleinstädte und räumen alles weg, was sich ihnen in den Weg stellt. Was genau spielt sich da ab? Und ab wann ist man in Gefahr? t-online.de sprach mit Martin Zeidler, Referatsleiter für den Bereich Einsatz beim Technischen Hilfswerk (THW). 

Herr Zeidler, neun Menschen sind in dieser Woche in Deutschland ertrunken. Haben die einen Fehler gemacht oder hätte das jedem von uns passieren können? 

Das lässt sich schwer sagen. Im Grund genommen hat man erst mal keinen Fehler gemacht. In solchen Situationen muss man in Sekunden unterscheiden, zwischen dem was richtig und dem was falsch ist. Insofern sieht man immer erst im Nachhinein, was richtig oder falsch gewesen wäre.

Sie sagen "in Sekunden". Viele fragen sich fassungslos: Wie kann das so schnell gehen, dass eben noch alles im grünen Bereich war und dann ertrinkt man?

Das Problem war in den letzten Tagen die Geografie: Da haben wir Ortschaften, die meist in Tälern sind, vielleicht noch an einem Fluss gelegen – wo also mehrere Phänomene zusammen kommen. Da steigt bei starkem Regen der Fluss schnell an. Gleichzeitig läuft das Wasser von den Bergen herab. Das kommt dann plötzlich von allen Seiten und man weiß gar nicht so wirklich genau, woher es kommt. Wenn ein Dorf noch dazu in einem Talkessel liegt, ist es meistens so, dass der Ort von allen Seiten zuläuft und der Pegel des nahe liegenden Flusses extrem schnell ansteigt.

Von überall zugleich? 

Wenn es von den Bergen herunter kommt und parallel der Fluss ansteigt, fließt es einfach die Hauptstraße herunter und aus den Nebenstraßen heraus. In den seltensten Fällen kommt es bei solchen Starkregenfällen aus einer einzigen Richtung. 

Für den Betroffenen in seinem Haus, seinem Keller oder seinem Auto ist das dann praktisch, als hätte irgendjemand eine Schleuse aufgedreht?

So kann man sich das vorstellen. Wer so ein Phänomen noch nicht erlebt hat, kann sich das kaum ausmalen. Jeder hat schon einmal einen starken Regenguss oder ein Gewitter mitbekommen. Dann spannt man den Schirm auf oder wird vielleicht auch nass oder steigt ins Auto und fährt weg. Aber es können eben auch solche Extremereignisse auftreten. Wenn ich dann noch versuche, mein Auto aus der Garage zu fahren oder Gegenstände aus dem Keller hochzuholen, stellt sich die Frage: Habe ich noch die Zeit dafür?

Gibt es Kriterien, anhand derer ich als Betroffener in einem kleinen Ort weiß: Jetzt bin ich gefährdet und gehe besser hoch in den zweiten Stock?

Wirklich konkrete Kriterien gibt es nicht. Es wäre jetzt auch übertrieben, bei jedem Regen in den zweiten Stock zu steigen. Es gibt ja die Warnmeldeeinrichtungen, beispielsweise vom Deutschen Wetterdienst, amtliche Unwetterwarnungen, Wettervorhersagen etc. Wenn man dann in so einem Gebiet ist, sollte man bei einsetzendem Unwetter nicht mehr in den Keller zu gehen. 

Im Moment sprechen Experten von gefährlichen kleinen Tiefdruckgebieten, die der Wind nicht ausreichend von Ort zu Ort treibt und die sich deshalb an einer einzigen Stelle so richtig ausregnen. Ist das ein neues Phänomen?

Zumindest ist es ein bisher nur selten dagewesenes Phänomen. Es gibt ja die Klima- und Katastrophenforschung, beispielsweise vom Deutschen Komitee für Katastrophen-Vorsorge. Dessen Studien besagen ganz klar: Es ist in der nächsten Zeit mit stärkeren Extremwetter-Ereignissen zu rechnen. Das hat die jüngste Zeit gezeigt und ich gehe davon aus, dass es auch so weiter geht.

Ist das aus Ihrer Sicht ein Klimawandel-Phänomen?

Das ist immer schwierig herzuleiten. Natürlich haben klimatische globale Veränderungen immer auch Auswirkungen. Ob die Regengüsse in Süddeutschland jetzt eins zu eins mit dem Klimawandel zusammenhängen? Bestimmt irgendwie, aber es ist wohl auch eine Verkettung von unterschiedlichen Umständen.

Was raten Sie Leuten, die in akuter Gefahr sind?

Wenn man in einem solchen Gebiet ist, sollte man schauen, dass man, entgegen sonstigen Gewohnheiten, Türen innerhalb des Hauses aufmacht - sogar die Haustür. Das Wasser kann dann zwar reinlaufen. Andernfalls kann es mir aber passieren, dass ich durch den Wasserdruck die Tür nicht mehr aufkriege, wenn sie nach außen aufgeht. Dann sitze ich in der Falle. 

Und wenn ich im Auto eingeschlossen bin?

Da ist es ähnlich. Da hat man normalerweise einen elektrischen Fensterheber. Wenn das Wasser draußen zu stark gestiegen ist, macht man natürlich erst mal die Fenster hoch, um nicht nass zu werden. Aber irgendwann gibt es einen Kurzschluss in der Elektrik und dann geht das Fenster gar nicht mehr herunter. Und die Tür kriege ich dann auch nicht mehr auf, weil das Wasser dagegen drückt. Natürlich ist es eine Überwindung, das eigene Auto voll Wasser laufen zu lassen. Ist aber das Fenster offen, kann man darüber immer noch aussteigen.

Also notfalls: Auto stehen lassen und abhauen?

Genau: Auto stehen lassen und schauen, dass man irgendwie zu einem höher gelegenen Punkt kommt.

Sind wir in unseren Breitengraden schlechter darauf vorbereitet, als andere, dass man auf einer Dorfstraße plötzlich von einer Welle überrollt wird?

Es ist ja nicht nur das. Wenn man in Westeuropa unterwegs ist, nicht nur in Deutschland, hat man ein hohes subjektives Sicherheitsempfinden. Es ist völlig selbstverständlich, dass der Strom aus der Steckdose kommt, das Essen aus dem Supermarkt und das Wasser aus dem Wasserhahn. Aber das kann auch von jetzt auf gleich unterbrochen sein. Und wenn man sich lange Zeit nicht mit dem Gedanken beschäftigt hat, dann ist man als Betroffener hoffnungslos überfordert. 

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

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