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DĂŒrre am Mekong: SĂŒdostasiens Lebensader trocknet aus

Von dpa
Aktualisiert am 21.09.2020Lesedauer: 4 Min.
Das Mekong-Flussbett auf der Chroy-Changvar-Halbinsel fĂŒhrt kaum Wasser.
Das Mekong-Flussbett auf der Chroy-Changvar-Halbinsel fĂŒhrt kaum Wasser. (Quelle: Shaun Turton/dpa./dpa)
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Phnom Penh (dpa) - Das Flussbett auf der Chroy-Changvar-Halbinsel fĂŒhrt kaum Wasser, im matschigen Boden hĂ€uft sich MĂŒll. Der Fischer Ho San steht neben seinem Holzboot und blickt auf den Punkt, wo der Fluss Tonle Sap in den legendĂ€ren Mekong mĂŒndet.

"Man kann am Schlamm erkennen, bis wo das Wasser normalerweise reicht", sagt Ho San. "So niedrig haben wir den Wasserpegel noch nie gesehen. Wir werden Hunger leiden", so der 31-jĂ€hrige Kambodschaner. Schon das zweite Jahr in Folge erleben die Menschen am Mekong eine verheerende DĂŒrre. Dabei ist der Strom, der durch ein halbes Dutzend LĂ€nder SĂŒdostasiens fließt, fĂŒr die ErnĂ€hrung und den Lebensunterhalt von geschĂ€tzten 60 Millionen Menschen von lebenswichtiger Bedeutung.

Rund 4350 Kilometer schlĂ€ngelt sich der Fluss durch China, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Vom Himalaya durch Schluchten und Ebenen bis zum Mekong-Delta und von dort ins SĂŒdchinesische Meer. Er ist einer der gewaltigsten Ströme des Planeten und lĂ€nger als Donau und Rhein zusammen. Beeinflusst durch das WetterphĂ€nomen El Niño sind die Niederschlagsmengen zuletzt jedoch massiv gesunken, speziell am unteren Mekong-Becken: Von Januar bis Juli fielen gerade einmal 397 Millimeter Niederschlag. Das sind 36 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum 2019 und dramatische 62 Prozent weniger als 2018.

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In Kambodscha spĂŒren die Menschen die anhaltende Trockenheit in Folge des Klimawandels gerade besonders. Ausgerechnet der Tonle Sap - der grĂ¶ĂŸte See SĂŒdostasiens, der als "Fischfabrik" des Mekong gilt - ist in Gefahr. Beliebt ist er auch bei AusflĂŒglern, die etwas weiter nördlich die Tempelanlagen von Angkor besuchen. Viele machen einen Tagestrip zu den auf Stelzen in den See gebauten "schwimmenden Dörfern".

Der Wasserpegel des Sees befindet sich derzeit auf einem historischen Tiefstand. Zu den zahlreichen Fischarten, die in den GewĂ€ssern der Region leben, gehören verschiedene Welse, Schlangenkopffische und Karpfen. Aber die BestĂ€nde schrumpfen. Und die Verzweiflung wĂ€chst. Seine FĂ€nge seien bereits um die HĂ€lfte zurĂŒckgegangen, erzĂ€hlt der Fischer Salas Vel (62). FĂŒr die Zukunft habe er wenig Hoffnung.

Ausgelöst durch die DĂŒrre hat sich in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge ein einzigartiges und fĂŒr Mensch und Tier gleichermaßen wichtiges NaturphĂ€nomen um Monate verzögert: In der zwischen Mai und Juni startenden Monsunsaison schwillt der Mekong heftig an. Sein Wasser drĂ€ngt dann mit Wucht in den Tonle-Sap-Fluss - der daraufhin seine Fließrichtung Ă€ndert.

In der Folge werden nicht nur die Becken des Tonle-Sap-Sees geflutet, sondern auch die umliegenden Ebenen und WĂ€lder. Am Ende der Regenzeit im September mĂŒsste, wenn alles glatt lĂ€uft, ein Drittel der landwirtschaftlichen NutzflĂ€chen Kambodschas von Wasser bedeckt sein. Wichtig ist dies auch fĂŒr den lebensnotwendigen Reisanbau. 2020 und 2019 hat die RichtungsĂ€nderung aber erst im August begonnen, Monate spĂ€ter als sonst.

"Normalerweise lĂ€uft das Wasser in die Seen und Teiche, damit die Fische brĂŒten können, aber jetzt kann das nicht mehr passieren", sagt Fischer Vel. Das tĂ€gliche Herausfahren auf den See wird somit immer frustrierender fĂŒr die, die mit immer leereren Netzen zurĂŒckkommen. "Fischer, die etwas Geld haben, haben sich Tuk-Tuks gekauft, um als Fahrer ein Einkommen zu haben. Andere arbeiten im Bauwesen. Aber wir, die kein Geld haben, mĂŒssen irgendwie durchhalten."

Nicht nur Klimawandel und Trockenheit machen den Kambodschanern und den anderen Anrainern des Mekong zu schaffen, sondern auch China. Die Volksrepublik hat fast ein Dutzend StaudĂ€mme auf seinem Territorium gebaut und zapft Strom aus dem mĂ€chtigen Fluss. Den anderen Staaten wird der Hahn damit quasi zugedreht - Peking kontrolliert den Strom. Auch deshalb droht dessen empfindliche Ökologie nun zu kippen und einem Desaster entgegenzusteuern. Und weitere DĂ€mme sind geplant. Die Folge: Immer weniger nĂ€hrstoffreiche Sedimente gelangen in die untere Mekong-Region und den Tonle-Sap-See. Sie sind aber extrem wichtig fĂŒr die BiodiversitĂ€t und Fruchtbarkeit der Region.

Regionalanalyst Carl Thayer ist ĂŒberzeugt, dass China trotz aller Kritik bezĂŒglich seines Umgangs mit dem Mekong kaum vollstĂ€ndige Transparenz an den Tag legen wird, insbesondere wenn "die Daten zeigen, dass die Staaten stromabwĂ€rts benachteiligt sind". Das chinesische Damm-Management mache zwar fĂŒr die Volksrepublik Sinn, ignoriere aber das Gesamtbild, warnt auch Courtney Weatherby, SĂŒdostasien-Analystin der Denkfabrik Stimson Center.

Ein weiterer Faktor, der dem Mekong und seinen Anrainern zusetzt, ist exzessiver Sandabbau. Der lÀsst die Ufer erodieren, sie verlieren an StabilitÀt. Felder werden dann ebenso ins Wasser gerissen wie WohnhÀuser. Aber Sand - einer der Hauptbestandteile von Beton - wird ob des weltweiten Baubooms zu einem immer begehrteren Rohstoff.

Marc Goichot, WWF-Experte fĂŒr SĂŒĂŸwassersysteme, ist ĂŒberzeugt, dass all diese Probleme in ihrer Gesamtheit dazu beitragen, den Mekong unwiderruflich zu verĂ€ndern. "Wenn man einmal eine bestimmte Schwelle erreicht hat, ist es fĂŒr eine Umkehr zu spĂ€t", warnt er. "Der Fluss wird sich dem anpassen, aber es wird ein anderer Fluss sein, und die gesamte Beziehung zu ihm muss neu erfunden werden." Und das könnte mit enormen Kosten fĂŒr die SchwĂ€chsten verbunden sein.

Die Situation sei beĂ€ngstigend, sagt der Experte. Es gebe Lösungen, aber Regierungen und zwischenstaatliche Organisationen mĂŒssten umgehend reagieren. "Wir befinden uns in einer sehr tiefen Krise, und wir mĂŒssen jetzt handeln, nicht erst im nĂ€chsten Jahr."

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