Sie sind hier: Home > Panorama > Justiz >

Fall Marco: Gericht in Antalya entlässt Marco aus U-Haft

Prozess in Antalya  

Marco ohne Auflagen aus U-Haft entlassen

14.12.2007, 11:42 Uhr | t-online.de , AFP , dpa

In Uelzen feiern die Menschen Marcos Freilassung (Quelle: ddp) Marco ist frei: Nach acht Monaten in türkischer Untersuchungshaft kann der 17 Jahre alte Schüler aus Uelzen nach Hause fliegen und das Weihnachtsfest mit seiner Familie feiern. Das Gericht in Antalya entließ Marco am Freitag ohne Auflagen aus der Haft. Er kann die Türkei sofort verlassen. Der Prozess wegen sexuellen Missbrauchs der 13-jährigen Britin Charlotte soll jedoch am 1. April in Antalya fortgesetzt werden. Marco hatte insgesamt 247 Tage in einem türkischen Gefängnis gesessen. Marcos größter Wunsch sei es, mit seiner Familie allein zu sein und sich eine Woche lang von seiner Mutter verwöhnen zu lassen, sagte sein Anwalt Michael Nagel. Der Junge wolle zunächst auch nicht in seine Heimatstadt Uelzen zurückkehren. Er fürchte einen Presserummel. Der Jugendliche soll zunächst von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden.

Foto-Serie Der Fall Marco
Marco in Freiheit Uelzen im Freudentaumel
Marco ist wieder frei Reaktionen
Chronologie Verhängnisvolle Urlaubsreise

Mutter wartet zuhause
"Wir sind glücklich", sagte Marcos Vater unter Tränen beim Verlassen des Gerichtssaals. Die Mutter des 17-Jährigen war nicht zum achten Verhandlungstag in die Türkei gereist. Sie hatte in ihrem Haus in Uelzen auf die Entscheidung gewartet. Den ganzen Tag hatte in ihrem Garten eine Fackel gebrannt. Wann der Junge nach Deutschland fliegt, ist noch nicht bekannt. Marco werde - solange er in der Türkei sei - weiter von Mitarbeitern der deutschen Botschaft betreut, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Dies gelte auch, wenn der 17-Jährige zur Fortsetzung des Prozesses im April in die Türkei zurück müsse.

Dankgottesdienst und Riesenparty
In Uelzen feierten seine Freunde mit Hupkonzerten auf der Straße die Freilassung Marcos. Die 17 Jahre alte Laura Scholz hatte nicht damit gerechnet: "Jetzt freue ich mich tierisch. Wenn er zurückkommt, lassen wir ihm etwas Zeit. Danach schmeißen wir eine Riesenparty." "Es ist gewaltig, es ist toll. Vor allem, wenn man die Familie kennt", sagte der Vorsitzende des Kirchenvorstandes der St. Petri Gemeinde in Uelzen, Hubertus Förstel. Am Abend kamen Marcos Bruder Sascha sowie zahlreiche Freunde, Mitschüler und Unterstützer zu einem Dankgottesdienst zusammen. "Meine Mutter ist nur am Weinen vor Freude. Wenn Marco zurückkommt, werde ich ihn in die Arme nehmen und hochleben lassen", sagte Sascha.

Gericht braucht noch weitere Informationen
Das Gericht habe seine Entscheidung damit begründet, dass es noch weitere Informationen benötige und unter diesen Umständen eine Fortdauer der Untersuchungshaft nicht angemessen sei, sagten Marcos Anwälte. Bei den bisherigen Verhandlungen hatten die Richter stets die Fortdauer der Untersuchungshaft angeordnet und dies mit der Fluchtgefahr und der Schwere des Schuldvorwurfs begründet.

Charlottes Anwalt will Beschwerde einlegen
Ömer Aycan, der türkische Anwalt des britischen Mädchens, will Beschwerde gegen die Entscheidung des Gerichts einlegen: "Unserer Meinung nach sollte er während der Dauer des Prozesses in Haft bleiben“, sagte Aycan. Dies erfordere die Beweislage. Charlottes Familie tritt als Nebenkläger auf und dringt auf eine Verurteilung wegen Vergewaltigung. Am Donnerstag hatte Aycan angekündigt, die Höchststrafe für Marco fordern zu wollen.

Marco muss nicht zurück
Marco ist nun zwar aus Sicht der türkischen Justiz zur weiteren Teilnahme am Prozess in Antalya verpflichtet - durchsetzen können die dortigen Behörden seine Anwesenheit aber nicht. "Das ist seinem guten Willen und seinem Pflichtgefühl überlassen", sagte der Kölner Rechtsprofessor Thomas Weigend am Freitag. Als deutscher Staatsbürger könne er nicht an die Türkei ausgeliefert werden. Er könnte dort aber in Abwesenheit verurteilt werden, falls das türkische Recht dies zulässt.

Prozess in Deutschland?
Theoretisch ist es nach Weigends Worten möglich, dass gegen Marco - parallel zu dem Verfahren in der Türkei - auch in Deutschland ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs geführt wird. Marcos bereits in der Türkei abgesessene Untersuchungshaft müsste dann in Deutschland angerechnet werden. Wegen der härteren Haftbedingungen dürfte die dortige achtmonatige Haft mit einem höheren Faktor veranschlagt werden als eine vergleichbare Zeit in Deutschland.

Europäischer Gerichtshof angerufen
Marcos Anwälte hatten am Donnerstag den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingeschaltet. Ein entsprechendes Fax sei am Vorabend eingegangen, sagte eine Gerichtssprecherin am Freitag. Die Anwälte hatten mehrfach angekündigt, sich wegen der ungewöhnlich langen Untersuchungshaft mit einer Beschwerde an das Gericht wenden zu wollen. Ob sie die Klage nun zurückziehen, ist noch offen.

Marco saß 247 Tage in türkischer Untersuchungshaft (Quelle: dpa)Marco saß 247 Tage in türkischer Untersuchungshaft (Quelle: dpa) Öger fliegt Marco nicht aus
Der SPD-Europaabgeordnete und Reiseunternehmer Vural Öger sagte, er habe sich in den Fall eingeschaltet, um einen deutsch-türkischen Konflikt zu verhindern, letztlich aber keinen großen Einfluss genommen. Er habe sich vor allem aus humanitären Gründen um Marco bemüht. Zunächst habe er auch überlegt, Marco mit einem Privatflugzeug aus Antalya auszufliegen. Er habe sich aber dagegen entschieden, um sich nicht einzumischen. Marcos Anwälte kritisierten die Vorgehensweise des SPD-Politikers: Seine Einmischung habe nichts gebracht, sondern eher gestört.

Seit Ostern in Haft
Der Jugendliche aus Niedersachsen saß seit acht Monaten in einem türkischen Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, die 13-jährige Britin in den Osterferien in der Türkei sexuell missbraucht zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe. Marco zufolge war es im Einvernehmen mit dem Mädchen zu Zärtlichkeiten in deren Hotelzimmer gekommen. Sie habe behauptet, 15-Jahre alt zu sein.

Schmerzen im Unterleib
Bei der Verhandlung am Freitag lag dem Gericht erstmals eine offizielle Übersetzung der Aussage von Charlotte vor; nach Presseberichten wirft das Mädchen dem Deutschen darin vor, sich auf sie gelegt zu haben, während sie schlief. Sie sei von Schmerzen im Unterleib wach geworden und habe Marco weggestoßen.


Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Mäntel-Highlights und schöne Jacken shoppen
bei MADELEINE
myToysbonprix.deOTTOUniceftchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal