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Prozess im Fall Lea-Sophie beginnt

Kindesmisshandlung mit Todesfolge  

Prozess im Fall Lea-Sophie beginnt

14.04.2008, 22:16 Uhr | Von Corinna Pfaff, dpa

Eine Polizistin führt Lea-Sophies Mutter ab (Quelle: ddp) Nur noch ein kleiner Grabstein erinnert auf dem Waldfriedhof von Schwerin an die fünfjährige Lea-Sophie. Das Mädchen war im November vergangenen Jahres in einer Plattenbauwohnung qualvoll verhungert. Längst verschwunden ist das Kerzenmeer am Eingang des sanierten Hauses und das dort aufgestellte Plakat mit der bis heute unbeantworteten Frage: "Warum?" Nur vage scheint die Hoffnung, dass im Laufe des am Dienstag beginnenden Prozesses gegen die Eltern eine Antwort gefunden wird. Die 24 Jahre alte Mutter und der 26 Jahre alte Vater sind wegen gemeinschaftlichen Mordes und Misshandlung Schutzbefohlener vor dem Landgericht Schwerin angeklagt.

Foto-Serie Fünfjährige in Schwerin verhungert
Hintergrund Verhungern und Verdursten

Fünfjährige wog nur 7,4 Kilo

Als Lea-Sophie am 20. November kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus starb, wog sie gerade noch 7,4 Kilogramm. Normal sind in dem Alter mehr als das Doppelte. Das Kind, so ergab die Obduktion, hatte über Wochen kaum zu essen und zu trinken bekommen. Der kleine Körper wies Liegegeschwüre auf. Hausbewohner hatten das Kind nach eigenen Angaben monatelang nicht zu Gesicht bekommen. Die Eltern hätten Kontakte nach außen gemieden. Medienberichten zufolge soll sich die Situation für Lea-Sophie nach der Geburt ihres Bruders verschlechtert haben.

Lebenslange Haft droht

Unmittelbar nach dem Hungertod des Mädchens kamen die Eltern in Untersuchungshaft. Laut Staatsanwaltschaft wollen die Angeklagten die Gefahren ihres Verhaltens für das Kind nicht erkannt haben. "Wir gehen vom Mordmerkmal der Grausamkeit aus", begründet Oberstaatsanwalt Hans Christian Pick den Anklagevorwurf. Ullrich Knye, Verteidiger der Mutter, hält dagegen die Mordanklage für falsch und spricht von einer Überforderung der Frau. Gutachter stellten dem Vernehmen nach bisher keine verminderte Schuldfähigkeit fest. Bei Verurteilung wegen Mordes drohen lebenslange Haftstrafen.

"Wertschätzung hat abgenommen"

Seit dem tragischen Tod von Lea-Sophie wurden bundesweit weitere Fälle von schweren Kindesmisshandlungen bekannt; in mindestens drei der Fälle überlebten die oft nur wenige Monate alten Kinder nicht. Die Schwere solcher Misshandlungen habe in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt der Rostocker Psychiatrie-Professor Frank Häßler. So sei die Zahl der Misshandlungen zwar nahezu konstant geblieben, allerdings habe sich die Zahl der getöteten Kinder im Alter von null bis sechs Jahren seit 1996 bundesweit verdoppelt. Als wesentlichen Grund nennt er soziale Veränderungen in der Gesellschaft. "Die Wertschätzung für Kinder hat allgemein abgenommen."


"Lea-Sophie könnte noch leben"

Der Hungertod von Lea-Sophie hatte nicht nur die bundesweite Debatte um Verantwortung und Eingriffsmöglichkeiten des Staates zur Sicherung des Kindeswohls neu belebt. In Schwerin sorgte der Fall für kommunalpolitische Turbulenzen. Nachdem die Stadtverwaltung anfangs jegliches Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter bestritt, traten dann doch gravierende Defizite zutage. So waren die Jugendamtsmitarbeiter Hilferufen des Großvaters nur halbherzig gefolgt. Der von der Stadtvertretung eingesetzte Sonderausschuss zur Aufklärung der Todesumstände kam zu dem Schluss: Lea-Sophie könnte noch leben, wenn das Jugendamt sachgerecht gearbeitet hätte.

"Pech gehabt"

Während ein Abwahlantrag für den verantwortlichen früheren Sozialdezernenten Hermann Junghans überraschend scheiterte, muss sich nun Oberbürgermeister Norbert Claussen Ende April einem Bürgerentscheid über seine Abberufung stellen. Für Empörung hatte er mit dem Satz gesorgt, Schwerin habe mit dem Fall "Pech gehabt". Er entschuldigte sich später dafür und räumte "eklatante Versäumnisse und organisatorische Mängel" im Jugendamt ein. Zur Betreuung hilfebedürftiger Familien wurden zusätzliche Kräfte eingestellt und Fortbildungen angeordnet. Zu spät für Lea-Sophie.


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