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Fall Lea-Sophie: Eltern wegen Mordes verurteilt

Prozess um verhungertes Mädchen  

Lea-Sophies Eltern wegen Mordes verurteilt

16.07.2008, 21:11 Uhr | AFP, dpa

Sichtlich mitgenommen: Lea-Sophies Eltern kurz vor der Urteilsverkündung (Quelle: dpa)Sichtlich mitgenommen: Lea-Sophies Eltern kurz vor der Urteilsverkündung (Quelle: dpa) Die Eltern der verhungerten Lea-Sophie aus Schwerin sind zu Haftstrafen von jeweils elf Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Das Schweriner Landgericht sprach sie am Mittwoch des Mordes und der Misshandlung Schutzbefohlener schuldig und folgte damit dem Vorwurf der Anklage.

Chronologie Der Fall Lea-Sophie

"Tatenlos zugesehen"

"Beide Angeklagten haben sehenden Auges tatenlos zugelassen, dass ihr eigen Leib und Blut jämmerlich bis zum Tode dahinsiecht", sagte der Vorsitzende Richter Robert Piepel in der Urteilsbegründung. Sie hätten ihrem Kind jegliche Hilfe verweigert, "die so leicht zu bekommen gewesen wäre". Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Eltern aus niederen Beweggründen handelten, nicht aber, wie von der Staatsanwaltschaft dargestellt, aus Grausamkeit. Diese hatte je 13 Jahre Haft für die Eltern des fünfjährigen Mädchens gefordert.

Geschwüre am ganzen Körper

Lea-Sophie war am 20. November vergangenen Jahres nach wochenlanger Vernachlässigung qualvoll verhungert und verdurstet. Nach der Geburt ihres Bruders im September 2007 verweigerte das Mädchen die Nahrungsaufnahme. Zum Schluss wog sie nur noch etwa sieben Kilogramm - das entspricht ungefähr der Hälfte dessen, was Kinder in diesem Alter normalerweise wiegen. Gerichtsmediziner hatten schwerste Mangelerscheinungen festgestellt. Der Körper des Mädchens war vom vielen Liegen mit zahlreichen Geschwüren übersät. Die Verteidiger der Eltern hatten auf Totschlag plädiert und Freiheitsstrafen von maximal acht Jahren gefordert.

Eltern leiden unter Persönlichkeitsstörungen

Die Eltern hatten vor Gericht ihr Versagen eingeräumt. "Es hätte niemals so weit kommen dürfen", bekannte die 24 Jahre alte Mutter nach den Plädoyers. Bereits beim Betreten des Gerichtssaals am Mittwoch standen der sonst beherrscht wirkenden Frau die Tränen in den Augen. Auch der 26-jährige Vater, der sich schon zu Beginn des dreimonatigen Prozesses zu seiner Schuld bekannt hatte, hielt den Blick starr auf den Tisch vor sich gesenkt. Im Prozessverlauf war deutlich geworden, dass sich der arbeitslose Mann in Computerspiele geflüchtet hatte.

Angst vor dem Arzt

Psychiatrische Gutachter hatten zwar Hinweise auf Persönlichkeitsstörungen bei beiden Elternteilen festgestellt. Dennoch sind die Eltern den Sachverständigen zufolge voll für ihre Tat verantwortlich. Nach Überzeugung der Richter hatten beide wegen des erkennbar schlechten Gesundheitszustandes ihrer Tochter Angst, einen Arzt aufzusuchen. Weil sie befürchteten, dass ihnen beide Kinder weggenommen werden, hätten sie "die objektiv notwendige Hilfe verweigert", stellte Richter Piepel fest. Zudem hätte die Mutter damit auch zu erkennen geben müssen, dass sie sich nicht ausreichend um Haushalt und Familie kümmert. Diesen Ansehensverlust habe sie vermeiden wollen. Mit alldem sah das Gericht das Mordmerkmal "niedere Beweggründe" erfüllt. Die junge Familie hatte sich zunehmend isoliert.

Jugendamt in der Kritik

Der Fall Lea-Sophie hatte auch Konsequenzen auf kommunalpolitischer Ebene. Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) wurde abgewählt. Gegen Angestellte des städtischen Jugendamtes liegen den Angaben zufolge 46 Anzeigen vor. Der Großvater von Lea-Sophie hatte dort mehrfach auf die Familie aufmerksam gemacht, das Amt schritt jedoch nicht ein. Laut Staatsanwaltschaft trifft das Jugendamt aber juristisch keine Mitschuld am tragischen Tod des Mädchens. Das bestätigte auch die Kammer in der Urteilsbegründung.

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