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Kiel: Tod eines ausgesetzten Schülers - Harte Urteile gegen Polizisten

Tod eines ausgesetzten Schülers  

"Kein Polizist wird je wieder so handeln"

18.09.2008, 11:27 Uhr | Spiegel Online

Aus Kiel berichtet Julia Jüttner

Die beiden angeklagten Polizisten mit ihren Anwälten im April 2007 (Quelle: dpa)Die beiden angeklagten Polizisten mit ihren Anwälten im April 2007 (Quelle: dpa) Zwei Polizisten setzten einen betrunkenen Schüler nachts an einer Landstraße aus - der Junge wurde überfahren. Nachdem der Bundesgerichtshof die Strafen in einem ersten Verfahren als zu milde verworfen hatte, standen die Beamten jetzt erneut vor Gericht. Einen der beiden traf ein hartes Urteil.

Mit diesem Urteil hat keiner gerechnet: Nicht Roberts Familie, nicht seine vielen Freunde - und am wenigsten die beiden angeklagten Polizisten. Die Schwurgerichtskammer des Kieler Landgerichts verurteilte Oberkommissar Alexander M. zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Aussetzung mit Todesfolge im minderschweren Fall.

Für einen geht es glimpflich aus

Das Strafmaß für seinen Kollegen, Hauptmeister Hans Joachim G., beträgt neun Monate auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Der 58-Jährige schloss kurz die Augen, erleichtert atmete er auf. Seine Existenz ist gesichert, in zwei Jahren kann er in Rente gehen. Das bevorstehende Disziplinarverfahren - reine Formsache.

Familienvater trifft es hart

Doch sein 46 Jahre alter Partner ist erledigt. Seine Karriere ist ruiniert. Leichenblass folgte der sechsfache Vater im grauen Nadelstreifenanzug der fast eineinhalbstündigen Urteilsbegründung. "Ich hatte das Gefühl, dass er zusammenklappt", sagte seine Verteidigerin Annette Marberth-Kubicki "Spiegel Online". Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wird der Beamte nach mehr als 25 Jahren aus dem Polizeidienst entlassen. Was dann aus seiner achtköpfigen Familie werde, sei völlig offen, so seine Anwältin.

Schüler in kalter Nacht ausgesetzt

"Er hat den Tod von Robert verursacht" In der Nacht zum 1. Dezember 2002 hatten die beiden Polizeibeamten den 18 Jahre alten Robert Syrokowski an einer abgelegenen Landstraße nahe Lübeck abgesetzt - leicht bekleidet, bei vier Grad Celsius und mit mehr als zwei Promille Alkohol im Blut.

Robert stirbt im Straßengraben

Wenige Minuten später wurde der Gymnasiast von einem Auto überfahren, in den Graben geschleudert. Er starb noch an der Unfallstelle an seinen schweren Verletzungen. Staatsanwalt Achim Hackethal forderte deshalb in seinem Plädoyer am Dienstag ein Jahr Haft auf Bewährung für beide Polizisten - womit beide den Beamtenstatus verloren hätten. Doch die Kammer unter Vorsitz von Richter Jörg Brommann nahm jetzt - anders als im ersten Verfahren - beim Urteil eine Differenzierung zwischen den beiden Angeklagten vor.

Gericht geht von Vorsatz aus

Über Alexander M. sagte Brommann: "Er hat den Tod von Robert verursacht. Daran besteht nicht ernsthaft Zweifel." Der Oberkommissar habe vorsätzlich gehandelt: Er habe erkannt, dass Robert alkoholisiert war; er habe gewusst, dass der 18-Jährige nicht den Temperaturverhältnissen entsprechend gekleidet, nicht orientiert und nicht Herr seiner Sinne gewesen sei.

Sturz nach durchzechter Nacht

Am 30. November 2002 besucht Robert Syrokowski mit Freunden die Discothek "Ziegelei" in Groß Weeden. Gemeinsam trinken sie Wodka-Mixgetränke und Bier. Als der 18-Jährige das Lokal verlässt, stürzt er an der Einfahrt zur Mülldeponie, verliert das Bewusstsein.

Betrunkener lehnt Hilfe vom Notarzt ab

Umstehende alarmieren um 3.02 Uhr die Einsatzzentrale der Polizei, die schickt einen Notarzt. Als Robert Syrokowski zu sich kommt, weigert er sich, ins Krankenhaus gefahren zu werden. Er will allein nach Hause. Mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester ist er genau an diesem Tag umgezogen, in die Nähe des Lübecker Unigeländes.

Elternhaus nicht gefunden

Gegen 3.40 Uhr stolpert der Schüler des Johanneums in den Vorgarten des Ehepaares B., hundert Meter von der Diskothek entfernt. Er hält deren Haus für sein Elternhaus, klingelt immer wieder, lässt sich nicht abwimmeln. Ulrike und André B. rufen die Polizei. Die Leitstelle schickt Oberkommissar Alexander M. und Hauptmeister Hans Joachim G. aus Ratzeburg. Die beiden erteilen dem jungen Lübecker um 4 Uhr Platzverweis, als er den nicht einhält, packen sie ihn in den Streifenwagen und fahren mit ihm davon.

Beamte wollen nichts bemerkt haben

Zwischen Lübeck und Bliestorf im Kreis Herzogtum Lauenburg auf der Kronsforder Hauptstraße lassen sie ihn aussteigen - bei vier Grad Celcius, ohne Jacke und betrunken. Vom desolaten Zustand wollen Alexander M. und Hans Joachim G. nichts bemerkt haben. Es ist 4.15 Uhr.

Überfahren um 5.31 Uhr

Zwei Kilometer von der besagten Stelle entfernt wird der 18-Jährige um 5.31 Uhr auf der Kronsforder Landstraße, Kilometer 10,6, von einem Wagen überfahren. Die 20-jährige Johanna H. hatte den auf der Fahrbahn kauernden Jungen zu spät bemerkt. Robert Syrokowski stirbt noch am Unfallort. Er trägt weder Schuhe noch Strümpfe.

Sprüche des Beamten "völlig sinnlos"

Die flapsigen Sprüche des Beamten M. gegenüber dem betrunkenen Abiturienten, er sei "der Präsident der Vereinigten Staaten" und sein Kollege G. "Mickey Mouse", sei keine "Testfrage" gewesen, wie M. es vor Gericht glauben machen wollte, sondern schlichtweg eine "völlig sinnlose" Bemerkung. M. habe Robert Syrokowski aus dem Streifenwagen entlassen, ohne sich von der Funktionsfähigkeit von dessen Handy zu überzeugen oder davon, ob er die Nummer eines Taxiunternehmens kannte. Insgesamt zweifelte die Kammer einen Großteil der Einlassungen des Polizeibeamten an.

Kollege kann nicht weiter belangt werden

Sein älterer Kollege habe zwar in jener Nacht "objektiv die gleichen Erkenntnisquellen" gehabt, urteilte Richter Brommann. Doch in dem Verfahren habe nicht eindeutig geklärt werden können, inwieweit Hauptmeister G. die Dialoge zwischen M. und Robert Syrokowski sowie anderen Tatbeteiligten bewusst wahrgenommen habe.

Eltern sind zufrieden über Urteil

Demnach folgte die Kammer den Ausführungen der Nebenklage. "Das Kommando während der Fahrt wurde von M. allein ausgeführt. Er war die treibende Kraft", sagte Rechtsanwalt Klaus Nentwig aus Bad Schwartau im Gespräch mit "Spiegel Online". Fast sechs Jahre lang kämpfte er im Namen von Roberts Eltern dafür, dass der Tod des Jungen aufgeklärt wird. "Meine Mandanten sind glücklich, dass das Gericht den Tatbestand der Aussetzung erfüllt sah."

"Wir wollten nur Aufklärung"

Um das Strafmaß sei es ihnen nie gegangen, sagte Ewa Syrokowski, die verweinten Augen hinter einer Sonnebrille versteckt, "Spiegel Online". "Wir wollten nur, dass der Fall aufgeklärt wird. Dass es den einen Polizisten so schwer trifft, tut mir sehr leid. Seine Familie kann nichts dafür."

Mutter kann Tränen nicht aufhalten

Während der Urteilsbegründung hatte Ewa Syrokowski zwischen ihrem Mann und Roberts jüngerer Schwester gesessen, alle drei hielten sich fest an den Händen. Als Richter Brommann noch einmal en detail die Nacht schilderte, in der Robert Syrokowski buchstäblich in die tödliche Katastrophe stolperte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten.

Warum wählte er im Streifenwagen den Notruf?

Die Kammer habe sich bemüht und lange beraten, erklärte Richter Brommann. Einiges habe nicht zweifelsfrei geklärt werden können. So zum Beispiel, warum Robert Syrokowski noch im Streifenwagen sitzend innerhalb einer Minute zweimal den Notruf 110 gewählt hat.

Robert erreichte niemanden mehr

Außerdem hatte Robert Syrokowski in der letzten Stunde seines Lebens versucht, die Menschen telefonisch zu erreichen, die ihm nahe standen: Seine Eltern, seine Freundin, seinen besten Freund und andere. Doch entweder hatten die meisten Angerufenen ihre Telefone ausgeschaltet oder der 18-Jährige verwählte sich - er hatte die Nummern nicht gespeichert, sondern wählte sie gewohnheitsmäßig auswendig.

Warum fuhren sie ihn nicht nach Hause?

Auch dieser Umstand weckte bei die Kammer erhebliche Zweifel daran, dass Robert Syrokowski auf eigenen Wunsch aus dem Streifenwagen gestiegen war, wie es die beiden Polizisten behaupteten. "Er ließ erkennen, dass er fror, müde war und ins Bett wollte", sagte Brommann. Warum also fuhren ihn die Beamten nicht einfach nach Hause? Nach Annahme des Gerichts überließen sie den Jungen nicht nur seiner Hilflosigkeit, sie verschlimmerten seine Situation noch.

Härtere Urteile nach Revision

Bei vielen Prozessbeobachtern wuchs in diesem zweiten Gerichtsverfahren das Unverständnis für das Verhalten der Polizisten. Zumal das Landgericht Lübeck beide Polizisten im Mai 2007 wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen von jeweils neun Monaten verurteilt hatte, beide jedoch in Revision gingen. Die kündigte Verteidigerin Marberth-Kubicki heute erneut an.

Anwalt: Urteil gut begründet

Der Anwalt des Ehepaares Syrokowski, Johann Schwenn, zeigte sich jedoch optimistisch: Die Kammer habe ihr Urteil gut begründet. Es sei schwer, eine neue Revision durchzubringen. Er gehe davon aus, dass das Urteil rechtskräftig werde: "Dieses Urteil wird dafür sorgen, dass kein Polizist je wieder so handelt."

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