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Demjanjuk-Prozess: Sobibor-Überlebender sagt aus

Sobibor-Überlebender sagt in Demjanjuk-Prozess aus  

Wo jede Träne ein Todesurteil sein konnte

12.02.2010, 20:10 Uhr | von Ralf Isermann, AFP, AFP, dpa

Thomas Blatt reiste extra aus den USA an, um im Prozess gegen John Demjanjuk auszusagenThomas Blatt reiste extra aus den USA an, um im Prozess gegen John Demjanjuk auszusagen (Foto: Reuters) Peitschenhiebe hat Thomas Blatt bekommen. Erst fünf. "Weißt du, warum?", fragte der KZ-Wächter. Nein, der 15-Jährige wusste nicht warum. Dann wieder fünf, doch Blatt wusste erneut nicht, wofür. Erst nach dem 25. Hieb durften andere Insassen des KZ Sobibor dem jungen Gefangenen sagen, dass er auf der falschen Seite an einem Holzstapel vorbei gegangen war. Blatt entschuldigte sich und konnte gehen. Weinen durfte er aber nicht - wer weinte, wurde nach den Schilderungen des Holocaust-Überlebenden erschossen.

Der heute 82 Jahre alte Blatt, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA seine neue Heimat gefunden hat, weint auch vor dem Münchner Landgericht nicht. Er sitzt im Zeugenstand und erzählt konzentriert von seiner Gefangenschaft in Sobibor 1943. Von Peitschenhieben, von Erschießungen und den blutigen Stiefeln der aus den Gaskammern zurückkehrenden Wächter. Auch Kinder hat er schreien gehört, als er in einem Wald neben den Gaskammern eine Straße anlegen musste.

Demjanjuk ohne Regung

Zu der Zeit der Gefangenschaft Blatts soll auch John Demjanjuk in Sobibor gewesen sein. Als so genannter Trawniki, ein von den Deutschen gefangener Ukrainer, der als KZ-Wächter zwangsverpflichtet wurde. Demjanjuk verfolgt die Aussagen Blatts so, wie er bislang den gesamten Prozesse gegen sich wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen verfolgt hat: mit geschlossenen Augen, ohne eine Regung zu zeigen.

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Angeklagter darf liegen

Am Dienstag liegt er in einem Krankenbett, zugedeckt und mit einer Baseballkappe auf den Kopf. Der noch zu Prozessbeginn von Nebenklägern gestellten Frage, wieviel Show hinter dieser Art des Auftritts steckt, sind im Gericht inzwischen alle müde geworden: Die Ärzte sagen, Demjanjuk sei altersentsprechend fit und könne dem Prozess folgen, wegen eines Rückenleidens darf er aber liegen, auf Fragen reagiert er nicht.

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"Schlimmer als die Deutschen"

Vor dem Gerichtssaal sagt Blatt, es gehe ihm um Gerechtigkeit, nicht um Rache. Deshalb hat er sich aus den USA auf den Weg gemacht, um das Verfahren in München nicht nur als Nebenkläger zu verfolgen, sondern auch mit seiner Zeugenaussage zu ergänzen. Seine zentrale Aussage: "Die Trawniki waren schlimmer als die Deutschen." Ohne Kriegsgefangene wie Demjanjuk habe die "Todesfabrik" nicht arbeiten können. Sobibor war Teil der Aktion Reinhardt: Darin wurden gezielt alle Juden im von Deutschland besetzten Polen in den drei Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor in Gaskammern getötet. Etwa zwei Millionen Juden und 50.000 Sinti und Roma kamen ums Leben, was einem Drittel der beim NS-Völkermord Getöteten entspricht.

In seinen Träumen noch oft in Sobibor

Blatt überlebte, weil er kurz nach Demjanjuks Verlegung von Sobibor ins KZ Flossenbürg im Oktober 1943 an einem Aufstand beteiligt war und zusammen mit 47 anderen Häftlingen die Flucht schaffte. Blatt weiß um das Glück, das er hatte - und dennoch lässt ihn Sobibor bis heute nicht los. Er sei oft in seinen Träumen dort, die seien so wirklich, als sei er noch immer Gefangener. "Ich komm' nicht weg. Das ist mein Preis, dass ich noch lebe", sagt Blatt vor Gericht.

Keine konkrete Erinnerung

Sollte Demjanjuk in dem bis Mai angesetzten Verfahren verurteilt werden, wird Blatts Aussage wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen, zumal sich Blatt auch nicht konkret an den Wärter John Demjanjuk erinnern kann. Entscheidend ist, ob das Gericht im weiteren Verfahren den Dienstausweis Demjanjuks für echt ansehen wird. Aber Blatt hat den zahlreichen Beobachtern des Prozesses eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Verhältnisse in Sobibor herrschten.

"Er war frei zu gehen"

Verärgert ist der 82-Jährige über den Verteidiger Demjanjuks, weil dieser gesagt hat, der Kriegsgefangene Demjanjuk sei genauso ein Opfer wie der jüdische Gefangene Thomas Blatt. Im Gegensatz zu den KZ-Häftligen habe Demjanjuk Gelegenheit zur Flucht gehabt. "Er war frei zu gehen, ich habe ein Todesurteil gehabt."

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