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Über 200 Fehldiagnosen: Drei Jahre Haft für niederländischen Horrorarzt

Über 200 Fehldiagnosen  

Urteil gegen niederländischen Horrorarzt gefällt

11.02.2014, 17:42 Uhr | dpa, t-online.de

Über 200 Fehldiagnosen: Drei Jahre Haft für niederländischen Horrorarzt. Wegen etlicher fataler Irreführungen von Patienten muss ein ehemaliger Neurologe ins Gefängnis (Quelle: dpa)

Wegen etlicher fataler Irreführungen von Patienten muss ein ehemaliger Neurologe ins Gefängnis (Quelle: dpa)

"Dr. Frankenstein" muss für drei Jahre ins Gefängnis: So lautet das Urteil des Strafgerichts im niederländischen Almelo, wo ein ehemaliger Neurologe wegen schwerer Körperverletzung aufgrund von Fehldiagnosen schuldig gesprochen wurde. Der Skandalarzt habe bei neun Patienten "absichtlich" unheilbare Krankheiten wie Alzheimer festgestellt und ihnen dadurch großen körperlichen und psychischen Schaden zugefügt, so die Urteilsbegründung.

Schließlich verordnete er auch unnötige Therapien und Operationen. Dutzende Patienten sollen unter dem Mediziner gelitten haben. Der Arzt war an mindestens sieben Kliniken tätig, darunter in Heilbronn und Worms. Nach Ansicht der Richter ist der Arzt sogar schuld am Tod einer Patientin, die sich nach der falschen Alzheimer-Diagnose aus Verzweiflung das Leben nahm.

Das Gericht erklärte, es halte den heute 68-Jährigen für "uneingeschränkt" verantwortlich. "Der Angeklagte hat seine medizinische Sorgfaltspflicht ernsthaft verletzt", sagte Richter Marcel Bordenga. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft gefordert, die Verteidigung auf Freispruch plädiert.

Teilnahmslosigkeit und Erleichterung

Der Angeklagte verfolgte die fast zwei Stunden dauernde Verkündung des Urteils äußerlich unbewegt. Die Opfer reagierten erleichtert und ergriffen. "Darauf haben wir solange gewartet", sagte Ineke Damink, die auch fälschlich mit der Diagnose Alzheimer konfrontiert wurde: "Drei Jahre - ich bin so froh."

Noch bis Ende 2012 hatte der Mediziner auch an mehreren deutschen Kliniken praktiziert, so etwa in Heilbronn und Worms. Die Fälle der betroffenen Deutschen wurden in dem Verfahren allerdings nicht behandelt.

Arzt will sorgfältig gewesen sein

Der Verurteilte sah sich von Beginn an zu Unrecht diffamiert. Die Vorwürfe seien nicht richtig und unbewiesen. Die Medien kriminalisierten ihn angeblich.

Nun aber wurde im größten medizinischen Strafprozess der Niederlande Recht gesprochen. werden. Der Horrorarzt bedauerte zwar, großes Leid verursacht zu haben. Zugleich betonte er jedoch, stets nach strengster Sorgfalt gehandelt zu haben.

Zehn Jahre nach erstem Verdacht

Der Prozess begann im November 2013 - zehn Jahre, nachdem von ersten Verfehlungen des Arztes die Rede war. Von Anfang der Neunziger bis ins Jahr 2003 soll er am Krankenhaus "Medisch Spectrum Twente" bei über 200 Patienten falsche Diagnosen gestellt haben. Gutachter bescheinigten ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die sich aber nicht strafmildernd auswirkte.

Ein 54-Jähriger beispielsweise war keineswegs dement, sondern litt an einem Burnout. Das erfuhr der Patient aber erst, nachdem er jahrelang schwerste Medikamente geschluckt hatte.

Der Staatsanwaltschaft zufolge soll der Mediziner Patienten absichtlich falsche Aufnahmen ihres Gehirns gezeigt haben. Bei anderen habe er die Diagnose Alzheimer mit erfundenen Testergebnissen zu belegen versucht.

Teilweise geständig

In einigen zusätzlichen Anklagepunkten, bei denen die Beweislast erdrückend erschien, räumt der Arzt bereits seine Schuld ein. Er habe Rezepte gestohlen und gefälscht - aufgrund seiner Medikamentenabhängigkeit. Auch eine Unterschlagung von 88.000 Euro aus einem Stiftungsvermögen gab er zu und gestand: "Ich habe gut davon gelebt."

Die Affäre deckte auch eine beispiellose Kultur des Schweigens in der Krankenhauswelt auf. Der einst renommierte Neurologe musste 2003 die Klinik in Enschede verlassen, als er beim Diebstahl von Rezepten erwischt worden war. Kurz danach sprachen Kollegen bereits von Fehldiagnosen. Seit 2005 meldeten sich 220 Ex-Patienten, die meisten sollen bereits außergerichtlich entschädigt worden sein.

Doch erst 2009 leitete die Staatsanwaltschaft unter zunehmendem Druck der Öffentlichkeit Ermittlungen ein - und auch das Krankenhaus startete eine Untersuchung.

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