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Mordprozess gegen Oscar Pistorius beginnt

Südafrika  

Mordprozess gegen Oscar Pistorius beginnt

02.03.2014, 11:49 Uhr | dpa, AFP, t-online.de

Mordprozess gegen Oscar Pistorius beginnt. Oscar Pistorius im Februar 2013 bei einer Anhörung. Nun beginnt der Mordprozess gegen ihn (Quelle: dpa)

Oscar Pistorius im Februar 2013 bei einer Anhörung. Nun beginnt der Mordprozess gegen ihn (Quelle: dpa)

Am 14. Februar 2013 erschoss Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp. Fast genau ein Jahr später beginnt an diesem Montag in Südafrika der Mordprozess gegen das gefallene Sportidol. Für den 27-jährigen Pistorius geht es um bis zu 25 Jahre Haft, falls ihm Mord nachgewiesen werden kann. Drei Wochen sind für einen der spektakulärsten Prozesse Südafrikas bisher eingeplant. Mehr als 300 Journalisten aus aller Welt wollen berichten - Radio- und TV-Sender werden die Verhandlung zu großen Teilen live übertragen.

Dass Pistorius seine damals 29-jährige Freundin erschoss, daran gibt es keinen Zweifel. Es geht nur um die Frage, ob es Mord war oder - wie von Pistorius behauptet - ein tragischer Irrtum. Jedenfalls feuerte er in der Nacht zum Valentinstag 2013 vier Schüsse durch die Badezimmertür seines Hauses, weil er Einbrecher vermutete. Doch dahinter starb Steenkamp.

Für Pistorius spricht, dass er von Anfang an von einer tragischen Verkettung unglücklicher Umstände sprach. Im Kopf die traurige Realität Südafrikas mit seiner beängstigenden Gewaltkultur sei er in Panik geraten und habe durch die verschlossene Toilettentür geschossen. Die Polizei musste nach ersten Ermittlungen zugeben, keine klaren Beweise für einen Mord gefunden zu haben. Inzwischen scheint auch klar, dass Pistorius, wie von ihm behauptet, nur auf seinen Beinstümpfen zum Bad geeilt ist - was bestätigen könnte, dass er in Panik war.

Nicht die ersten Schüsse

Doch Pistorius hatte zuvor schon öfter geschossen: Nur wenige Wochen vor Steenkamps Tod gab er angeblich einen versehentlichen Schuss ab - in einem gut besuchten Restaurant in Johannesburg. 2011 soll er außerdem durchs Schiebedach des Autos einer Ex-Freundin geschossen haben. 2009 bereits schlug Pistorius bei den Paralympics in London vor Wut auf die Prothesen eines Kontrahenten ein und musste im gleichen Jahr nach einem Übergriff auf eine 19-Jährige eine Nacht im Gefängnis verbringen.

Juristen verweisen deshalb auch auf den "gesunden Menschenverstand": Wenn jemand nachts verdächtige Geräusche hört, kontrolliert er nicht als erstes, ob es die Frau oder Freundin sein könnte? Sollte sich Pistorius beim Verlassen des Bettes nicht vergewissert haben, ob Steenkamp da war oder nicht? Es wird im Prozess auch um seine Glaubwürdigkeit gehen.

Ab Montag wird er mit seinem Spitzenteam an Verteidigern, PR-Beratern und Forensikern darum kämpfen, eine drohende Strafe von 25 Jahren Gefängnis zu verhindern. Sein Fall erinnert an den spektakulären Indizienprozess gegen den Ex-Footballstar O.J. Simpson in Kalifornien. Die Umstände sind ähnlich: Ein Sportidol unter schrecklichem Verdacht, viele belastende Indizien, ehrgeizige Staranwälte und schließlich ein Prozess, der viele an TV-Realityshows oder Seifenopern erinnerte. Simpson wurde 1995 vom Vorwurf des Mordes an seiner Ex-Frau freigesprochen - bis heute glauben viele Amerikaner an ein Fehlurteil.

Tendenz zur Vorverurteilung in Südafrika

Der Sturz des nationalen Idols Pistorius bewegt die Südafrikaner zutiefst - eine Minderheit, die nicht schon vor dem Prozess eine vorgefertigte Meinung hat. Manche haben ihn schon abgeschrieben. Die Frauenliga der Regierungspartei ANC sieht einen Fall von Gewalt gegen Frauen und forderte eine harte Bestrafung. In einem Rechtsstaat "absolut unakzeptabel", wertete Professor Kelly Phelps von der Universität Kapstadt diese Vorverurteilung.

Der Prozess berührt viele sensible Themen Südafrikas, wo erst vor 20 Jahren das rassistische Apartheid-System abgeschafft wurde. Viele meinen, Pistorius werde "mit Samthandschuhen angefasst, weil er ein privilegierter, reicher, weißer Südafrikaner ist", so die Kolumnistin Rapule Tabane. Manche fürchten, dass das weltweite Medienspektakel um Pistorius dem Ansehen Südafrikas schaden könnte. Schließlich werde auch immer wieder die Inkompetenz von Behörden und die schreckliche Alltagsgewalt zur Sprache kommen.

Das Medienaufgebot zeugt vom weltweiten Interesse am Schicksal des gefallenen Volkshelden, den das US-Magazin "Time" 2012 zu den 100 einflussreichsten Menschen in der Welt zählte. Das Männermagazin "GQ" kürte ihn 2011 zum bestangezogenen Mann.

Eiserner Wille als Sportler

Seine Karriere als Sportler war Pistorius nicht in die Wiege gelegt. 1986 wurde er ohne Wadenbeine geboren - die dünneren Knochen des Unterschenkels. Später müssen beide Beine unterhalb des Knies amputiert werden. Mit speziell angefertigten Karbon-Prothesen treibt er dennoch viel Sport und beginnt im Alter von 16 Jahren mit dem Lauftraining.

2004 holt er bei den Paralympics in Athen über 200 Meter Gold und über 100 Meter Bronze. 2008 noch entscheidet der Leichtathletik-Weltverband IAAF, dass die Prothesen Vorteile verschaffen und Pistorius nicht an den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen darf. Der Sportgerichtshof CAS hebt die Entscheidung auf, Pistorius verpasst aber die sportliche Qualifikation. Bei den Paralympics siegt er über 100, 200 und 400 Meter.

2012 kann Pistorius endlich als erster beinamputierter Sportler der Olympia-Geschichte bei den Spielen in London starten. Er wird Achter mit der Staffel über 4 x 400 Meter und kommt als Einzelstarter bis ins 400-Meter-Halbfinale. Bei den Paralympics holt er Gold über 400 und 4 x 100 sowie Silber über 200 Meter.

Freiheit und ein eventuelles Anknüpfen an seine früheren sportlichen Erfolge - oder 25 Jahre Gefängnis. Für Oscar Pistorius geht es nun um alles. In irischen Wettbüros kann man auf das Urteil des Gauteng High Courts in Pretoria wetten, und den Quoten nach ist eine Verurteilung wahrscheinlicher als ein Freispruch.

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