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Jan Philipp Reemtsma kam vor zehn Jahren aus Geiselhaft frei

Gewalt  

Vor zehn Jahren kam Reemtsma aus Geiselhaft frei

24.04.2006, 12:21 Uhr | dpa

Die Entführer wollten ihm einen Finger abschneiden, doch das "hat mich nicht besonders erschreckt", sagte Jan Philipp Reemtsma später. Dass für ihn eine solche Drohung kaum noch zählte, verdeutlicht das Martyrium, das der Hamburger Multi-Millionär vor zehn Jahren durchlitt. 33 Tage lang hielten ihn die Kidnapper in einem Kellerverlies in der Nähe von Bremen fest. Ständig fürchtete der heute 53-Jährige um sein Leben. Am 26. April 1996 kam er schließlich gegen Zahlung einer Rekordlösegeldsumme von umgerechnet 15 Millionen Euro frei. Der Löwenanteil des Geldes ist auch zehn Jahre nach der Tat unauffindbar.

Ungewissheit wurde zur Qual
"Auf den Tod kann man sich vorbereiten, aber das Leben in dieser Ungewissheit wird zur vorherrschenden Qual", beschrieb Reemtsma seine Leiden. Ein Gericht verurteilte den Drahtzieher der Entführung, Thomas Drach, im März 2001 wegen erpresserischen Menschenraubs zu vierzehneinhalb Jahren Haft. Drei Komplizen erhielten Strafen zwischen fünf und zehneinhalb Jahren.

Drahtzieher 1998 in Argentinien festgenommen
Das zähe Ringen um die Bestrafung der Täter hatte immer wieder für großes Aufsehen gesorgt. So wurde beispielsweise Thomas Drach im März 1998 in Argentinien gefasst. Er wurde aber erst im Juli 2000 an Deutschland ausgeliefert.

Bruder schaffte Millionen beiseite
Der spektakuläre Entführungsfall beschäftigte die Justiz bis heute: So verurteilte das Landgericht Aachen Drachs Bruder zu sechseinhalb Jahren Haft. Lutz Drach hatte 3,9 Millionen Euro Lösegeld beiseite geschafft. Ursprünglich war er dafür nur zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe sah jedoch Hinweise, dass er selbst kräftig abkassierte. Er gab dem Landgericht deshalb den Auftrag, neu über die Strafe zu entscheiden.

Gewinn von zwei Millionen Mark pro Haftjahr
Doch das letzte Kapitel in dem Kriminalfall ist auch jetzt noch nicht abgeschlossen. Denn bislang sind nur eine Million Euro des Lösegeldes wieder aufgetaucht. Reemtsma hatte im Gerichtssaal vorgerechnet, Haupttäter Thomas Drach mache selbst bei der Höchststrafe von 15 Jahren "einen Gewinn von zwei Millionen Mark pro Haftjahr".

Detektiv sucht nach Lösegeld
Dass sich Drach nach seiner Haftentlassung mit den fremden Millionen ein schönes Leben machen kann, ist jedoch nicht zu erwarten. Reemtsma hat eine Detektei mit der Suche nach dem Lösegeld beauftragt. Auch die Ermittlungsbehörden interessieren sich nach wie vor für den Verbleib des Geldes, obgleich sie sich mit öffentlichen Äußerungen zurückhalten.

Erlebnisse in Buch verarbeitet
Reemtsma möchte derzeit nichts zu seiner Geiselhaft sagen. In der Öffentlichkeit stand der Literatur- und Sozialwissenschaftler zuletzt vor allem wegen seines gesellschaftspolitischen Engagements. So initiierte das von Reemtsma gegründete Institut für Sozialforschung in Hamburg von 1995 bis 2004 Ausstellungen zu den Verbrechen der Wehrmacht, die immer wieder heftigen Angriffen von Rechtsextremen ausgesetzt waren. Über die Qualen seiner Entführung hatte der 53-Jährige in dem Buch "Im Keller" geschrieben.

33 Tage in Geiselhaft
Als die Kidnapper nach 33 Tagen das Lösegeld erhalten hatten, fuhren sie Reemtsma in ein Waldstück. Noch einmal quälte ihn Todesangst, doch er wurde freigelassen. Jahrelang litten er, seine Frau und sein Sohn unter den Erinnerungen an die Tat. Der Prozess gegen Drahtzieher Thomas Drach war für das Opfer auch ein Mittel, die grausamen Erfahrungen zu überwinden. Als Nebenkläger sagte Reemtsma vor Gericht: "Man kann sich nicht dauernd in dieser Opferrolle sehen, dann kann man nicht vernünftig leben."

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