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Mafia-Mord in Duisburg: Experten sprechen von nie dagewesener Brutalität

Mafia-Mord in Duisburg  

Experten sprechen von nie dagewesener Brutalität

15.08.2007, 09:07 Uhr

Die sechs in Duisburg erschossenen Italiener sind offensichtlich Opfer einer Mafia-Fehde geworden. Die Bluttat sei die Folge eines Streits zwischen zwei kalabresischen Familien, sagte Innenminister Giuliano Amato am Mittwoch im italienischen Fernsehen. Die Spur führe zur 'Ndrangheta, der kalabresischen Mafia. Es sei zu befürchten, dass die Morde in Duisburg weitere Gewalt nach sich zögen. Die deutschen Beamten prüfen mittlerweile, Familienmitglieder der Getöteten unter Polizeischutz zu stellen.


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"Es wurde eine ganze Menge geschossen"
Der Leiter der Mordkommission, Heinz Sprenger, sagte auf einer Pressekonferenz: "Es wurde eine ganze Menge geschossen". Die Täter hätten "wahllos in die Fahrzeuge hinein gefeuert. Die Opfer weisen eine Vielzahl von Schussverletzungen auf." Es ist die rede von mehr als Schüssen. Die Obduktion der Getöteten werde noch mehrere Tage dauern. Fünf Männer waren bereits tot, das sechste Opfer starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

"Brutal wie nie zuvor"
Angesichts der Bluttat sprachen italienische Mafia-Fahnder von einer "neuen Qualität" der Auseinandersetzung. "Es ist eine absolute Neuheit, dass ein solches Blutbad im Ausland stattfindet", sagte der oberste Mafia-Jäger Piero Grasso. Es habe niemals zuvor eine derart brutale "Hinrichtung" so vieler Unschuldiger im Ausland gegeben. Offensichtlich seien die Opfer vor der Blutrache geflohen. "Es handelt sich um einen Akt der Barbarei, die man versuchen muss zu beenden", so Grasso.

"Die Vendetta von San Luca"
Bei den Getöteten handelt es sich um Männer im Alter zwischen 16 und 39 Jahren. Fünf der sechs Opfer gehörten einer Familie aus der Ortschaft San Luca in Kalabrien an, berichtete die italienische Zeitung "Corriere della Sera". Bei den flüchtigen Killern handelt es sich wohl um Mitglieder eines anderen Clans. Beide Familien lägen seit längerem im Streit. Der Rachefeldzug der beiden ist nach Angaben des Innenministers Amato auch unter dem Namen "Die Vendetta von San Luca" bekannt.

Herrscher auf dem Kokain-Markt
San Luca ist ein kalabresisches Dorf und gilt als die Hochburg der 'Ndrangheta. Sie gilt als mächtigste Mafia-Organisation Europas und koordiniert weitgehend den europäischen Kokainhandel. Schätzungen zufolge setzt die Organisation damit jährlich 35 Milliarden Euro um. Inoffiziellen Angaben italienischer Ermittler zufolge hat die 'Ndrangheta etwa 7000 Mitglieder aus 100 Familienclans. Die traditionell mächtigsten Familien stammten aus San Luca.

Rachefeldzug begann mit Karnevalsscherz
Der Krieg der Clans innerhalb der kalabresischen Mafia geht auf einen Karnevalsscherz im Jahr 1991 in San Luca zurück. Nach Angaben italienischer Medien gab es damals Streit, der dann eskalierte. Es gab eine Schlägerei zwischen den Familien Strangio-Nirta und Pelle-Romeo. Einige Monate später seien die ersten Morde passiert. Zwar habe es vom Jahr 2000 bis Weihnachten 2006 eine Art "Waffenstillstand" der Clans gegeben, doch dann sei die Gewalt erneut aufgeflammt. Bislang habe der misslungene Faschingsscherz 15 Menschen das Leben gekostet. Unter den Toten von Duisburg, berichtet Amato, sei auch der Drahtzieher der Fehde.

Hintergrund
'Ndrangheta
Italienischer Jurist
Giuseppe Bellocco

Tod bei Geburtstagsfeier
Vor dem Mordanschlag fand in einem angrenzenden Restaurant eine Geburtstagsfeier für eines der Opfer statt. Der 18-Jährige hatte dort gerade seine Ausbildung begonnen. Er war offenbar als einziger kein Familienmitglied. Bei mindestens zwei der Getöteten handelt es sich um Brüder im Alter von 19 und 21 Jahren. "Alle Opfer hatten einen Bezug zu dem Restaurant", sagte Kripo-Chef Sprenger - sie arbeiteten dort, waren beteiligt oder absolvierten eine Lehre. Die deutsche Polizei wollte Gerüchte nicht bestätigen, wonach die Pizzeria als Mafia-Treffpunkt galt und es auch um Geldwäsche gegangen sei. Sprenger sagte: "Wir ermitteln in alle Richtungen." Auch eine Beziehungstat könne nicht ausgeschlossen werden. "Ich warne vor voreiligen Schlüssen", sagte er im Hinblick auf die Berichte über eine Mafia-Fehde.

Videos werden ausgewertet
Die Spurensicherung der Polizei und die Suche nach Zeugen laufen weiter auf Hochtouren. Eine Zeugin berichtet von zwei Männern, die sich am Tatort aufgehalten hatten und danach wegrannten. Ob es sich dabei um die Mörder handelt, ist nicht bekannt. Die Polizei wertet auch Videos einer Überwachungskamera aus, die an einem Verwaltungsgebäude in der Nähe des Tatorts angebracht sind. Eine Frau hatte am frühen Morgen Schüsse gehört und eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife angehalten. Die Beamten eilten sofort zum Tatort. Dort fanden sie in den beiden Autos die Toten.

Opfer in Autos gefunden
Die Autos, in denen die Opfer gefunden worden waren, haben Nummernschilder aus Pforzheim und Duisburg. Bei dem in Pforzheim zugelassenen Wagen handelte es sich um einen VW Golf. Das andere Fahrzeug war ein Kleintransporter. Die Autos werden nun kriminaltechnisch untersucht. Nach ersten Erkenntnissen wurden die tödlichen Schüsse durch die Windschutzscheiben auf die Männer abgegeben. Die Opfer selbst waren unbewaffnet und starben durch Kopfschüsse.

Nahe Bahnhof und Universität
Die Leichen wurden im Stadtteil Neudorf auf einer zweispurigen Straße gefunden - etwa 100 Meter vom Hauptgebäude des Bahnhofs entfernt. Unweit davon befindet sich die Universität. Die Polizei sperrte den Fundort sofort ab. Die Opfer werden obduziert. Dabei soll auch geklärt werden, in welcher Reihenfolge die tödlichen Schüsse fielen.

Deutsche Kripo verärgert über internationale Arbeit
Duisburg sei auch nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts als Stützpunkt der Clan-Familien bekannt, Mafia-Experte und Publizist Jürgen Roth. Anfang der 1990er Jahre habe es dort mehrere Ermittlungsverfahren gegen Clan-Angehörige wegen internationalen Drogenhandels gegeben. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) kritisierte die internationale Zusammenarbeit der Polizei. "Wenn man nach der Tat so schnell quasi auf Knopfdruck alle Informationen zu den Opfern aus Italien bekommen kann - wieso gab es die Hinweise nicht schon vor der Tat hier bei der deutschen Polizei", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen.

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