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Das Massaker der Celebis schockiert die Türkei

Massemord bei kurdischer Hochzeit  

Das Massaker der Celebis schockiert die Türkei

06.05.2009, 17:42 Uhr | Carsten Hoffmann, dpa, t-online.de

44 Menschen starben in Südostanatolien (Foto: AP)44 Menschen starben in Südostanatolien (Foto: AP)

Es sollte ein Festtag werden, doch bittere Wut und verletzter Stolz in einem Familienstreit ließen eine Hochzeitsfeier in der Türkei in einem Blutbad enden. Maskierte Männer griffen eine Hochzeitsgesellschaft an und erschossen 44 Menschen. Die Braut Sevgi Celebi, ihr Bräutigam Habib Ari, der Imam, sowie viele Frauen und Kinder sind unter den Toten.

Am Rande der von kargen Hügeln umgebenen Ortschaft in Südostanatolien heben Bagger am Dienstag Gräber aus. Die mutmaßlichen Täter und viele ihrer Opfer tragen den selben Familiennamen: Celebi.

Foto-Serie Massaker bei kurdischer Hochzeit
Massaker bei Hochzeit Angreifer ermorden 44 Menschen

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Angreifer kontrollierten, ob die Opfer tot waren

Fernsehsender zeigen Bilder verzweifelter Angehöriger. Die Türkei ist schockiert über Schilderungen von Augenzeugen, die über kaltblütige Morde und unvorstellbare Gewalt berichten. Im Haus des Dorfvorstehers habe sich die Festgesellschaft versammelt und gegessen. Es kamen etwa 200 Menschen, fast das ganze Dorf. Dann beteten Männer und Frauen getrennt. "In diesem Moment kamen vier oder fünf maskierte Angreifer ins Dorf und schossen auf das Haus", wird ein Augenzeuge zitiert. Sie drangen in das Gebäude ein und feuerten. "Die Angreifer kontrollierten noch genau, ob die von Schüssen Getroffenen auch wirklich tot sind", sagt der Augenzeuge. Das Massaker dauerte 15 Minuten.

Vater lehnte Heiratsbewerber ab

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu hat von Dorfbewohnern erfahren, dass es vorher Streit um die Braut gegeben hatte. Das war Öl ins Feuer einer schon länger dauernden Auseinandersetzung. Die Familie der späteren Angreifer wollte die Verwandte aus dem Celebi-Clan mit einem ihrer Männer verheiraten, doch der Vater der jungen Frau lehnte dies ab. Habib Ari sollte Sevgi bekommen, doch ausgerechnet dessen Familie liegt mit den Tätern seit mehr als 20 Jahren im Streit, so heißt es. Warum ist unklar. Die Dinge nahmen ihren schlimmen Lauf.

Gewalttätige Region

Familiäre und politisch motivierte Gewalt sind im Osten und Südosten der Türkei nicht unbekannt: Ende März war Kommunalwahl. 13 Menschen wurden getötet und mehr als 120 verletzt. In der Region um Bilgeköy wurde die pro-kurdische Oppositionspartei DTP mit 57,9 Prozent der Stimmen stärkste Kraft.

Dorfschützer haben die Kontrolle

Das Dorf Bilgeköy wird aber wie andere Ortschaften der nahe der Grenze zu Syrien gelegenen Region von sogenannten Dorfschützern kontrolliert, einer von der türkischen Regierung im Kampf gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK unterstützten Miliz. In der Türkei gibt es mehrere Zehntausend solcher Dorfschützer.

Stichwort Dorschützer in der Türkei


Mehrehe verbreitet

Zu dem Konflikt mit der PKK kommen gesellschaftliche Rückständigkeit und Armut in der Region. Türkische Frauengruppen haben im vergangenen Juni auf einer Konferenz in Istanbul beklagt, im Osten und Südosten seien 61 Prozent der bestehenden Ehen von Familien arrangiert. In fünf Prozent der Fälle habe es sogar noch den archaischen Brauttausch gegeben, bei dem Familien gegenseitig Mädchen oder Frauen stellen. In etwa drei Viertel der Ehen sei die Frau nicht frei in ihrer Partnerwahl gewesen. Jede zehnte Frau lebe zudem in der gesetzlich verbotenen Mehrehe. Dabei heiraten Männer mit religiösem Ritus weitere Frauen, weil die Zivilehe nur mit einer Frau möglich ist.

Erdogan fordert Änderung der Mentalität

So wirft der Fall in Bilgeköy auch ein Schlaglicht auf die Verhältnisse in Teilen der Türkei, auch wenn das Ausmaß der Gewalt beispiellos ist. "Der Staatsanwalt hat die ganze Nacht gearbeitet und sich die Aussagen von Augenzeugen angehört. Acht Personen wurden festgenommen. Ihre Waffen wurden beschlagnahmt", sagte Innenminister Besir Atalay zu den Ergebnissen der Ermittlungen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte öffentlich einen Änderung der Mentalität. "Keine Tradition kann eine Entschuldigung für ein solches Verbrechen sein", sagte er.


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