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"Die Täter sind meist völlig gescheiterte Existenzen"

Sexualmorde an Kindern und Jugendlichen  

"Die Täter sind meist völlig gescheiterte Existenzen"

03.08.2009, 11:48 Uhr | t-online.de

Prof. Dr. Christian Pfeiffer (Foto: imago)Prof. Dr. Christian Pfeiffer (Foto: imago) Kurz nachdem der mutmaßliche Mörder der neunjährigen Corinna gefasst wurde, fragen sich viele: Nehmen Sexualmorde an Kindern zu? t-online.de sprach mit dem Kriminologen und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, darüber, wer die Täter sind und wie es zu solchen Morden kommt.

Schon wieder wurde ein Mädchen vergewaltigt und ermordet - nehmen solche Sexualverbrechen immer mehr zu?

Christian Pfeiffer: Gott sei Dank ist das Gegenteil der Fall, die Kindermorde insgesamt nehmen ab, aber vor allem die Sexualmorde an Kindern. Wir hatten Anfang der 70er Jahre das Vierfache, Anfang der 80er Jahre das Doppelte von heute, und in den letzten zehn Jahren sind wir auf dem Tiefstand bei Sexualmorden insgesamt angekommen. Bei Kindern und Jugendlichen sind es vier Fälle pro Jahr. Insgesamt sind es so um die zehn bis 20 Fälle. Das war früher auch das Doppelte. Die Berichterstattung über solche Vorgänge ist allerdings intensiver als früher. Da entsteht der falsche Eindruck, dass es schlimmer wird.

Ist es denn Ihrer Ansicht nach gut oder schlecht, dass vermehrt über solche Taten berichtet wird?

Christian Pfeiffer: Also ich würde es nicht negativ werten, weil es doch immer wieder die Aufmerksamkeit der Eltern schärft. Es hat zur Folge, dass Eltern gezielt auf ihre Kinder achten, ihnen auch erzählen, dass man nicht mit fremden Männern mitgeht und so weiter.

 

Kann die Berichterstattung über solche Mordfälle andere potenzielle Täter erst zum Mord animieren?

Christian Pfeiffer: Ja, es gibt so eine kleine Animationsgefahr, aber die meisten Sexualmorde passieren ja heute nicht deswegen, weil man zur Befriedigung des Geschlechtstriebs den Tod des Menschen braucht. Man hat sich an einem Kind vergangen oder an einem anderen Menschen und um diese Tat zu verdecken, bringt man dann das Kind auch noch um. Von daher ist es anders als bei ganz seltenen Fällen, wo zur Befriedigung des Geschlechtstriebes getötet wird. Ich sehe die Medienberichterstattung nicht negativ.

 

Auch im Fall Corinna stammte der Täter aus dem erweiterten Umfeld des Mädchens, warum ist das so oft der Fall?

Christian Pfeiffer: Die Menschen, die solche Taten begehen, sind in aller Regel völlig gescheiterte Existenzen, die ihr Leben nicht im Griff haben, die ohnmächtig sind und die dann danach gieren, irgendwo Macht auszuüben. Zum Beispiel in dieser Form des sexuellen Kontakts zu einem Kind, mit dem man manipulativ umgehen kann. Und dann nehmen sie das Nächstliegende; meist haben sie das Mädchen schon öfter gesehen und dann haben sie die falsche Vorstellung, dass es vielleicht auch nichts sagt. Gerade wenn es sich um ein behindertes Kind handelt, dann ist die Vorstellung im Kopf, es redet auch vielleicht nicht drüber und wenn er sich ihm dann sexuell genähert hat und es plötzlich vielleicht schluchzt: „Das sage ich meiner Mama!“, dann merkt er, er hat sich getäuscht und muss das Kind umbringen.

 

Wann gibt es Täter, die nicht aus der Umgebung kommen?

Christian Pfeiffer: Es hat schon Fälle gegeben, wo die Täter gezielt, aus dem weiteren Umfeld kamen, weil sie nicht erkannt werden wollten. Aber meistens stammen die Täter aus der Nachbarschaft oder dem näheren Umfeld und kennen das Kind vom Sehen und haben die Vorstellung: "Die will ich".

 

Haben solche Täter ein bestimmtes Profil oder gewisse Gemeinsamkeiten?

Christian Pfeiffer: Eine Gemeinsamkeit ist immer, dass sie gescheitert sind, dass ihnen nichts im Leben gelingt, dass sie sich selber auch keine große Wertschätzung entgegenbringen. Sie sehen sich selber als Gescheiterten und brauchen von daher Machtgefühle.

 

Gibt es Kinder, die besonders gefährdet sind - spielen zum Beispiel zerrüttete Familien oder - wie im Fall Corinna - die geistige Entwicklung eines Kindes eine Rolle?

Christian Pfeiffer: Kinder, die es im Leben schwerer haben, sind eher gefährdet, weil sie auf der Suche nach Zuwendung sind. Was nicht heißt, dass ihnen zu wenig Zuneigung zuteil wurde. Es ist ja für ein Kind, das behindert ist, immer mit Problemen und Krisen des Selbstbewusstseins verknüpft, dass es nicht so ist wie die anderen. Dann ist das Kind eher in Gefahr, irgendwelchen Verlockungen zu verfallen als ein Kind, das sehr selbstbewusst ist und in sich ruht und von daher eher die Warnlampen an hat, wenn jemand mit irgendwelchen Versprechungen kommt.

 

Man hat das Gefühl, dass Sexualmorde an Kindern im Osten häufiger passieren als im Westen Deutschlands - stimmt das?

Christian Pfeiffer: Es passieren im Osten mehr Tötungen von Kindern durch die Eltern, auch aufgrund der schwierigen sozialen Lage von jungen Familien im Osten. Aber Sexualmorde passieren im Osten genauso selten wie im Westen.

Sind unsere Gesetze zu lasch, muss die Justiz strafrechtlich nachbessern?

Christian Pfeiffer: Nein, wir haben äußerst scharfe Gesetze. Sexualmord wird bei dem mutmaßlichen Täter mit Sicherheit mit lebenslanger Haftstrafe wegen Mordes bestraft. Und dann gibt es die Möglichkeit über Sicherungsverwahrung nachzudenken oder bei einem solchen Täter über anschließende Verwahrung in der Psychiatrie. Also unsere Gesetze sind völlig ausreichend und Sexualmorde haben in den letzten 30, 40 Jahren abgenommen. Das heißt ja auch, dass wir staatlich keineswegs falsch aufgestellt sind, wir haben gute Gesetze und eine tüchtige Polizei. Da ist wenig bis gar nichts zu verbessern. Das Risiko lässt sich niemals völlig ausschalten, weil manche Menschen leider so sind.

 

Mit Spürhunden suchte die Polizei im Fall Corinna nach Spuren. (Foto: ddp)

Also kann man diese Sexualmorde nicht verhindern?

Christian Pfeiffer: Es gibt schon Möglichkeiten, zum Beispiel, dass man gefährliche Täter in Sicherungsverwahrung gibt. Der Staat hat auch die Gesetze nachgebessert in den letzten 20 Jahren. Also ich sehe keinen Handlungsbedarf des Staates. Denn dies, was hier passiert ist, ist reines Pech für die Betroffenen und Unglück. Aber nichts, was der Staat hätte verhindern können. Der Täter ist ja wohl keiner, der schon dreimal solche Delikte begangen hat und den man längst in Sicherungsverwahrung hätte nehmen müssen.

 

Gibt es keine Anzeichen, dass jemand eine solche Tat begehen könnte?

Christian Pfeiffer: Gar nicht. Es gibt eine Fülle von Menschen, die gescheitert sind, die Alkoholprobleme haben, aber keineswegs dazu tendieren, solche Taten zu begehen. Also ich sehe keine Chance, solche Taten zu verhindern.

 

Können Eltern ihre Kinder schützen?

Christian Pfeiffer: Das tun sie. Die Eltern sind sich ja eigentlich alle bewusst, dass es Risiken gibt und erzählen ihren Kindern: "Geh nicht mit einem fremden Mann mit.“ Ich denke, die Aufklärung, die läuft überall in Kindergärten und auch an den Grundschulen. Da kann man kaum etwas verbessern. So etwas wird sich nie völlig vermeiden lassen, denn es wird immer wieder Männer geben, die zu solchen Taten tendieren. Wir können froh sein, dass die Fälle so deutlich rückläufig sind und wir keine steigende Tendenz haben. Man kann hier nicht sagen, dass die Gesellschaft oder der Staat hier besonders viel falsch gemacht haben.

Das Interview führte Andrea Krautkremer


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