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Cornelius Gurlitt: Kunstsammler in München im Einkaufszentrum gesehen

Nazi-Raubkunst  

Cornelius Gurlitt in Einkaufszentrum gesehen

11.11.2013, 11:18 Uhr | t-online.de, dpa

Cornelius Gurlitt: Kunstsammler in München im Einkaufszentrum gesehen. Das Namensschild von Cornelius Gurlitt an der Tür seiner Salzburger Wohnung (Quelle: Reuters)

Das Namensschild von Cornelius Gurlitt an der Tür seiner Salzburger Wohnung (Quelle: Reuters)

Der Kunst-Krimi geht in die nächste Runde: Seit dem spektakulären Fund von 1400 Kunstwerken in München galt der Sammler Cornelius Gurlitt (79) als verschollen. Nun wurde er offenbar von Journalisten der französischen Illustrierten "Paris Match" vor seiner Wohnung erspäht und dabei beobachtet, wie er einkaufte.

Die Augsburger Staatsanwaltschaft wisse nicht, ob Cornelius Gurlitt überhaupt noch lebt, hieß es vergangene Woche. Wo er steckt, scheint niemand zu wissen. Zwei Journalisten vom "Paris Match" wollen nun ihn am Freitagnachmittag in einem Schwabinger Einkaufszentrum gesehen haben. Dort liegt auch die Münchner Wohnung des Rentners. In einem Einkaufszentrum habe der 79-Jährige elegant gekleidete Mann seine Einkäufe gemacht, heißt es weiter.

Als die Journalisten ihn ansprachen, habe Gurlitt mit zitternder Stimme geantwortet. Seine blauen Augen seien wut- und angsterfüllt gewesen.

Geschäftsbücher aufgetaucht

Die Frage, wie der Milliarden-Kunstschatz zusammengetragen wurde, spielt eine entscheidende Rolle. Sie soll über Cornelius Gurlitts Vater Hildebrand in die Familie gekommen sein, der im NS-Kunsthandel eine zentrale Figur war.

Die von den Nazis als entartet beschlagnahmten Bilder im Besitz Gurlitts gehören ihm nach Einschätzung des Zollkriminalamts (ZKA) aber rechtmäßig. Der "Focus" und die "Bild am Sonntag" zitierten aus einem ZKA-Bericht an das Bundesfinanzministerium, dass diese 315 Kunstwerke "ausschließlich aus staatlichen und städtischen Museen bzw. Landesmuseen stammen". Deshalb dürften "Rückgabe/Restitutionsansprüche der ehemaligen Eigentümer nicht durchsetzbar sein". Es sei auch zweifelhaft, dass Gurlitt wegen hinterzogener Einfuhrumsatzsteuer angeklagt werde. 

Die Augsburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 79-jährigen Gurlitt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Unterschlagung. Im Februar 2012 hatte sie in Gurlitts Münchner Wohnung 1406 Bilder beschlagnahmt, was erst vergangene Woche bekannt wurde.

Laut "Bild am Sonntag" hatte Gurlitts im Jahr 1956 gestorbener Vater, der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, dem Propagandaministerium im Jahr 1940 gut 200 sogenannte entartete Kunstwerke für 4000 Schweizer Franken abgekauft - darunter "Bauernfamilie" von Pablo Picasso, "Spaziergang" von Marc Chagall und "Hamburger Hafen" von Emil Nolde. 1941 habe er dem Staat dann weitere 115 Werke "entarteter" Kunst abgekauft. Hildebrand Gurlitt starb 1956. 

Grundlage war ein Gesetz, das die Nazis 1938 nachträglich zur Rechtfertigung ihrer "Säuberungsaktion" erließen, so der Berliner Provenienzforscher Uwe Hartmann. Es sei nach dem Krieg weder von den Alliierten noch später von der Bundesregierung außer Kraft gesetzt worden. "Die Aktion selbst wurde zwar als Kulturbarbarei der Nazis gebrandmarkt, aber an der rechtlichen Situation hat man nie etwas verändert und verändern wollen", sagt der Experte.

"Gerechte und faire Lösung"

Grundsätzlich anders ist die Situation bei NS-Raubkunst. Dabei handelt es sich um Werke, die verfolgte jüdische Kunsthändler und Sammler unter dem Druck der Nazis verkaufen mussten oder die bei ihnen beschlagnahmt wurden. Nach der sogenannten Washingtoner Erklärung von 1989 soll in solchen Fällen eine "gerechte und faire Lösung" mit den Erben erzielt werden. In Deutschland haben sich öffentliche Museen und Sammlungen verpflichtet, ihre Bestände gezielt zu durchsuchen und die Bilder gegebenenfalls auch zurückzugeben.

Private Kunstbesitzer, Museen und Stiftungen seien an die Washingtoner Erklärung jedoch nicht gebunden, so Hartmann. "Unter moralischen Gesichtspunkten wäre es gut und großzügig, diese Werke zurückzuerstatten. Aber ich glaube nicht, dass man Herrn Gurlitt dazu zwingen kann." Für die Erben sei dies eine unerträgliche Situation: "Sie wissen, da ist etwas aufgetaucht, was unseren Vorfahren entrissen wurde. Aber es gehört jetzt einem Mann, dem es nicht streitig zu machen ist."

Wie groß der Anteil von Raubkunst an dem spektakulären Münchner Fund ist, lässt sich nach Angaben des Experten bisher nicht einschätzen. Er appellierte eindringlich an die Behörden, einen Katalog aller Werke öffentlich zugänglich zu machen - vergleichbar der Lost-Art-Datenbank im Internet. "Nur wenn so viele Menschen wie möglich von den wiederentdeckten Kunstwerken wissen, können wir wirklich Klarheit über ihre Herkunft bekommen."

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