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Auf der Suche nach den entführten Söhnen

Kinderhandel in China  

Auf der Suche nach den entführten Söhnen

24.01.2014, 16:16 Uhr | are, AFP

. Ye Jinxiu sucht in der Millionen-Stadt Fuzhou in China mit Hilfe von Fotos nach entführten Kindern (Quelle: AFP)

Ye Jinxiu sucht in der Millionen-Stadt Fuzhou in China mit Hilfe von Fotos nach entführten Kindern (Quelle: AFP)

In China werden jedes Jahr Zehntausende Kinder, hauptsächlich Jungen, entführt. Die Behörden unterstützen die Eltern bei der Suche nach ihren verlorenen Söhnen kaum. Eine betroffene Mutter suchte 17 Jahre lang nach ihrem Sohn. Heute hilft sie, halbblind und schwer krank, anderen Eltern bei der Suche.

Die 59-jährige Ye Jinxiu hat bei der Suche nach ihrem Sohn alles riskiert - und fast alles verloren: ihr Zuhause, ihren Mann und ihre Gesundheit. Als sie ihren Sohn schließlich fand, wollte der nicht zurück. Trotzdem hilft Ye heute anderen Eltern, ihre Kinder wiederzufinden. Denn ihr Schicksal ist kein Einzelfall im Reich der Mitte.

Wunsch nach männlichen Versorgern und Nachfahren

Zehntausende Jungen werden in China jedes Jahr verschleppt. Offizielle Zahlen gibt es zwar nicht. Das aber schätzt der Pekinger Journalist Deng Fei, der ebenfalls Familien bei der Suche nach ihren Kindern unterstützt. Die meisten entführten Jungen werden verkauft - an Familien, die sich einen männlichen Nachfahren wünschen.

Der Handel mit Jungen ist aus zwei Gründen lukrativ: Sie gelten den Eltern als Versorger im Alter, denn in China gibt es kein Rentensystem wie in Deutschland. Nur eine Tochter zu haben, die dann auch noch für eine teure Mitgift verheiratet werden muss, bedeutet für viele arme Familien den finanziellen Ruin. Darüber hinaus können nur die Jungen - ganz in konfuzianischer Tradition - die männliche Erblinie der Familie fortführen.

Verantwortlich ist die Ein-Kind-Politik

Die Ein-Kind-Politik - eine Familie darf nur ein Kind haben - macht die Sache nur noch schlimmer. Sie ist ein staatliches Instrument zur Kontrolle des explosionsartigen Bevölkerungswachstums in China. Seit 1979 versucht der chinesische Staat damit die Bevölkerungsexplosion einzudämmen. 1950 lebten in China nach UN-Schätzungen gut 550 Millionen Menschen, seit 2005 sind es mehr als 1,3 Milliarden.

Diese Politik ist in dieser Hinsicht durchaus erfolgreich: Laut Angaben offizieller Stellen konnte die Zahl der Geburten in China zwischen 1994 und 2004 um 300 Millionen gesenkt werden; die Bevölkerung wächst seither langsamer.

Allerdings entstehen gleichzeitig neue und massive Probleme: Neugeborene Mädchen werden vernachlässigt und landen oft in Waisenhäusern landen. Und viele Jungen werden eben als kostbare Ware gehandelt.

Behörden sehen zu oder vertuschen

Die Polizei sehe oft tatenlos zu, kritisieren die Aktivisten. Familien, die Jungen kaufen, kämen meist straflos davon, klagen betroffene Eltern wie Ye Jinxiu. "Wenn dein Kind entführt wird ist das schlimmer, als wenn dir das Herz aus dem Leib gerissen wird", sagt sie.

Obwohl sie fast blind ist und Blut hustet, harrt sie jeden Tag an ihrem Arbeitsplatz, einer Bushaltestelle in der ostchinesischen Hafenstadt Fuzhou in der Provinz Fujian, aus. Hier erhofft sie sich die größte Aufmerksamkeit der Mneschen. Am Boden vor sich hat sie ein riesiges Plakat mit den Gesichtern verschleppter Kinder in der Sechs-Millionen-Stadt ausgebreitet.

Die chinesischen Behörden veröffentlichen keine Zahlen zu Kindesentführungen. Gleichzeitig aber geben sie an, dass allein zwischen Januar und Oktober 2013 rund 24.000 Kinder wiedergefunden wurden.

Viele der Kleinen würden von sehr gut organisierten Banden im armen Landesinneren entführt und in den reichen Provinzen an der Ostküste verkauft, sagt Fei. Pro Kind würden umgerechnet mehrere tausend Euro bezahlt. Manchmal weigere sich die Polizei, die Anzeige der Eltern aufzunehmen, weil sich die vielen ungelösten Fälle nicht gut in der Statistik machen, erzählt der Journalist.

Eltern manchmal beteiligt

Manchmal sind die Eltern selbst an dem Kinderhandel beteiligt. Einige von ihnen machen mit, ohne es zu wissen; sie erhalten falsche Informationen und glauben beispielsweise, die Kinder würden nach Aufenthalten im Krankenhaus zurückkehren.

Im Dezember 2013 stand in der Provinz Shaanxi ein Arzt vor Gericht, der sieben Kinder verkauft haben soll. Berichten staatlicher Medien zufolge hatte er den Eltern eingeredet,, ihre Söhne und Töchter wären krank.

Andere Eltern machen aber auch mit, um Geld zu verdienen - und wissen dabei um das Schicksal ihrer Kinder. Ein Paar in Shanghai beispielsweise verkaufte Zeitungsberichten zufolge seine Tochter, um sich ein iPhone leisten zu können. Sie hätten dem Mädchen ein besseres Leben bei einer wohlhabenden Familie ermöglichen wollen, versuchten sie sich dann zu rechtfertigen, nachdem ihr Fall aufgeflogen war.

Jahrelange Suche nach den Kindern

Yang Jing aus der Provinz Sichuan im Herzen des riesigen Reiches suchte 13 Jahre lang nach ihrem Sohn, der an ein reiches Paar verkauft worden war - von ihrem eigenen Ehemann. "Man sagte mir, das sei gar keine Entführung, weil der Vater ihn weggeben habe", sagt die 35-jährige Mutter.

Ye Jinxius Suche nach ihrem Sohn dauerte vier Jahre länger. Sie suchte 17 Jahre lang in über zehn Provinzen, nachdem der damals Sechsjährige 1993 verschwunden war. Sie schlief in Parks, arbeitete als Müllsammlerin und Tellerwäscherin, und bettelte um Geld. Beinahe sei sie bei ihrer Odyssee gestorben, sagt Ye.

Ihr Mann habe sie gebeten, die Suche aufzugeben, und sie schließlich verlassen. 1995 machte die Mutter das Haus der Kinderhändler ausfindig. Erst nach jahrelangem Druck sei die Polizei eingeschritten, sagt Ye. Im Jahre 2000 seien dann drei Verantwortliche zu höchstens drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Danach dauerte es noch einmal zehn Jahre, bis Ye ihren Sohn Lu Jianning wiedersah. Ihm war die Mutter aber fremd geworden. Ein Jahr blieb er bei ihr, dann verschwand er und hat sich seither nicht mehr gemeldet.

"Ich bereue trotzdem nichts", sagt Ye. "Er kann selbst entscheiden, wie er leben will." Auch sie habe nun ihre Ruhe gefunden: "Aber wenn dein Kind vermisst wird, kannst du einfach nicht aufhören zu suchen."

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