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Utoya-Massaker: So geht es Überlebenden heute

Überlebende des Breivik-Attentats  

Der Kampf mit dem Bösen

22.07.2015, 17:49 Uhr | Anna Reimann, Spiegel Online

Utoya-Massaker: So geht es Überlebenden heute. Überlebende nach dem Massaker auf der Fjordinsel Utøya. (Quelle: dpa)

Überlebende nach dem Massaker auf der Fjordinsel Utøya. (Quelle: dpa)

Die Bilder des Breivik-Attentats haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. 69 Menschen wurden vor vier Jahren auf der norwegischen Fjordinsel Utøya hingerichtet - fast 500 überlebten den Terroranschlag. "Sie haben sich geschämt, weil sie weggeschwommen oder über Verletzte gerannt sind", erklärt eine Psychologin, die Hunderte Überlebende betreut hat. Bis heute fühlen sich viele von ihnen schuldig.

Manchmal wartet er nur ab, hält die Gedanken aus, bis sie gehen, sein Kopf wieder zur Ruhe kommt. An anderen Tagen macht sich Simen Brænden Mortensen auf die Suche. Er wühlt sich durch Nachrichten im Internet. Berichte über das, was am 22. Juli 2011 auf Utøya passiert ist, wie es geschehen ist, alles über den Massenmörder Breivik. Mortensen beschreibt sein Verhalten wie etwas, das über ihn kommt: "Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich die Nachrichten ansehe."

Warum macht er das? "Ich weiß nicht, ob es einen vernünftigen Grund dafür gibt." Vielleicht sei es, um wieder zu spüren, dass er es nicht hätte wissen können, dass er nichts hätte anders machen können. Mortensen, 26, ist ein schmaler junger Mann. Er trägt Chucks, ausgewaschene Jeans, ein Iron-Maiden-T-Shirt unter seinem Parka. Seine Heimat ist die kleine Stadt Hamar, anderthalb Stunden nördlich von Oslo.

Am 22. Juli 2011 hat der Rechtsextremist Anders Behring Breivik auf der norwegischen Fjordinsel Utøya 69 Menschen hingerichtet. Acht weitere starben, als Breivik vorher im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet hatte. Auf Utøya, eine halbe Stunde Autofahrt von Oslo entfernt, hatte sich die AUF, der Nachwuchs der Sozialdemokraten, zu ihrem Feriencamp versammelt - wie jedes Jahr.

Mortensen war an jenem Freitag zum Wachdienst eingeteilt. Er saß am Ufer des Fjords, als Breivik am Nachmittag mit einem Lieferwagen am Kai vorfuhr. Mortensen sah den Attentäter, der einen Pullover mit Polizeiabzeichen trug, ging zu dem Auto und stellte sich vor. Breivik zeigte ihm einen gefälschten Polizeiausweis, sagte, er wolle wegen der Terroranschläge in Oslo auf Utøya nach dem Rechten schauen. Es sei eine Routinemaßnahme. Mortensen rief die Fähre, die Breivik kurz darauf auf die Insel brachte. All das hat Mortensen vor Gericht beschrieben, erneut die Details dieses Nachmittags auszusprechen, fällt ihm schwer.

495 Menschen konnten entkommen

Hunderten Menschen hat Breivik ihre Kinder, Geschwister, Eltern oder Partner genommen. Aber auch die Überlebenden ringen mit dem, was sie erlebten. 495 Menschen, die auf Utøya waren, konnten Breivik entkommen. Sie haben Glück, weil sie leben. Aber sie haben etwas unvorstellbar Böses erlebt.

Das Leid von Hinterbliebenen oder Überlebenden bei Terroranschlägen ist kaum miteinander zu vergleichen. Jeder Fall steht für sich. Für Utøya gilt: Die meisten auf der Insel waren Jugendliche, viele waren mit den Ermordeten befreundet. Achtzig Prozent der Überlebenden haben jemanden verloren, den sie gut kannten.

Viele fühlen sich schuldig

Die Folge: Drei Monate nach dem Terror haben in Forschungsinterviews fast die Hälfte der Überlebenden gesagt, sie fühlten sich schuldig. Die Psychologin Gertrud Sofie Hafstad hat mit ihren Kollegen in den Jahren nach den Angriffen Hunderte Utøya-Überlebende befragt. Sie sagt: "Sie haben sich geschämt, weil sie weggeschwommen oder über Verletzte gerannt sind. Aber natürlich hat niemand Schuld außer dem Täter."

Manche zog der Massenmörder Breivik auf schrecklichste Weise in seine Tat mit hinein. Wie den jungen Mortensen oder jenen Fährmann, der Breivik auf die Insel übersetzte. Als die Fähre auf Utøya angelegt hatte, half der Fährmann Breivik die Tasche mit seinen Waffen auf die Insel zu tragen. Breivik erschoss als zweiten Menschen die Freundin des Fährmanns, Monica Bøsei.

Mortensen sagt: "Es geht mir besser und es geht bergauf." Er sagt, er habe Techniken gelernt, mit denen er die Gedanken und Gefühle schneller beherrschen kann. Ein halbes Jahr ging er wöchentlich zum Therapeuten. Aber die Erinnerungen an den 22. Juli 2011 seien immer da, jeden Tag.

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgaard schrieb für Spiegel Online: "Der Schock, den die Norweger erlitten, hätte größer kaum sein können. Nichts hatte uns auf so etwas vorbereitet, die Möglichkeit einer solchen Tat fand sich schlicht nicht in unserem Bewusstsein." Der Terror von Utøya betraf die gesamte norwegische Bevölkerung - fast jeder kennt jemanden, der jemanden verloren hat. Oder war einem Opfer selbst nah.

Mortensen sagt: Seine Familie und die Arbeit haben ihm geholfen. Er ist Erzieher an einer Schule. Heute arbeitet er mit syrischen Flüchtlingskindern, die selbst oft traumatisiert sind. Vielleicht, meint er, kann ich manchmal ein bisschen verstehen, wie sie sich fühlen.

Er hoffe immer noch, sagt Mortensen, dass es einfacher werden wird. "Aber ich bin auch darauf vorbereitet, dass mein Leben nicht wieder ganz normal wird."

Die meisten nennen ihn nur den "Täter"

Zweimal hat Mortensen Breivik von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden. Einmal am 22. Juli, bevor er die Fähre rief, einmal vor Gericht, wo er als Zeuge gegen ihn aussagte. Mortensen sagt nicht Breivik, er sagt "der Täter". Wie viele in Norwegen. Er sagt, es habe ihm geholfen, der Begegnung mit dem Massenmörder vor Gericht standzuhalten. Und zu fühlen, dass er für ihn jetzt keine Gefahr mehr ist.

Am Tag als Mortensen Breivik vor Gericht begegnete, trug er ein Trikot der englischen Fußballnationalmannschaft mit dem Namen von Gary Lineker. Er hatte es auf Mallorca in dem Pub des ehemaligen Stars gekauft. Auf Mallorca hatte Mortensen nach dem Terror seinen ersten Urlaub verbracht. "Es war die erste Pause. Das erste Mal Abstand. Mit diesem Gefühl aus Mallorca wollte ich Breivik begegnen", sagt er.

Zu dem Ringen der Überlebenden gehört auch, wieder das zu stärken, was nicht mit Utøya in Verbindung steht. Viele wollen, dass ihre Identität nicht nur mit dem Terror verknüpft ist, sagt Eskil Pedersen. Für ihn gelte das auch.

Pedersen war am 22. Juli 2011 erst seit wenigen Monaten Vorsitzender der AUF, der norwegischen Jusos, und in dieser Funktion auf Utøya. Vor einem halben Jahr ist er unter Tränen vom Posten des AUF-Chefs zurückgetreten.

"Bin froh, dass ich lebe"

Pedersen, 31, dunkles Sakko, darunter ein T-Shirt, sitzt in einem Bistro im Zentrum Oslos, trinkt schwarzen Kaffee. Ein smarter Typ, er wirkt sicher und aufgeräumt. "Ich würde lieber nicht mit dem leben müssen, was passiert ist. Aber ich bin froh, dass ich lebe", sagt er.

Es hört sich beinahe leicht an, wenn er sagt, ein Opfer wolle er nicht genannt werden. Aber ähnlich wie Mortensen hat Pedersen Jahre hinter sich, von denen er heute meint: "Wenn mir jemand vorher erzählt hätte, was ich die letzten Jahre erleben würde, ich hätte nicht geglaubt, dass ich das überstehen kann."

Pedersen ist Breivik entkommen, obwohl der - wie er später vor Gericht gesagt hat, ihn, den AUF-Chef, als eines seiner Hauptziele auserkoren hatte. Als der Massenmörder auf der Insel zu schießen begann, konnte Pedersen, damals 27, mit acht anderen Teilnehmern, die sich nahe des Anlegers aufhielten, mit der Fähre davonfahren.

Pedersens Flucht von der Insel wurde danach diskutiert - im Netz erschienen kritische Artikel, ein Überlebender, AUF-Mitglied Bjørn Ihler, sagte, es sei so gewesen, als ob der Kapitän das Schiff verlassen hatte. Pedersen wurde behandelt wie ein militärischer Anführer, der seine Soldaten im Stich ließ. Dabei war er ein junger Mann, der um sein Leben fürchtete.

Andere stellten sich hinter Pedersen. Als der seinen Rücktritt vom AUF-Vorsitz erklärte, sagte der Vorsitzende der Sozialdemokraten Jonas Gahr Støre: "Du warst einem Druck - teilweise einer Hetze - ausgesetzt, der einen normalen Menschen hätte zerbrechen können." Der damalige Premier Jens Stoltenberg umarmte Pedersen bei einer Utøya-Trauerfeier. Später sagte er: Es habe ihm wehgetan, Pedersen zu sehen. Ihn und all die anderen Überlebenden.

Am Ende steht: Schuld hat nur Breivik - eine Mitverantwortung für das Ausmaß des Massakers haben vielleicht noch die norwegischen Sicherheitskräfte, die erst mehr als eine Stunde, nachdem Breivik den ersten Schuss abgegeben hatte, auf der Insel eintrafen. Untersuchungsberichte haben ergeben: Der Angriff im Osloer Regierungsviertel hätte verhindert werden können. Auf Utøya hätte schneller Hilfe eintreffen können.

Wie ist Pedersen mit der Kritik umgegangen? Er habe versucht, sie nicht alles überschatten zu lassen, sagt er. Er möchte die Debatte weg von seiner Person führen: Natürlich habe es auch damit zu tun, dass er als Vorsitzender in der Öffentlichkeit gestanden habe. Es sei ein menschlicher Reflex, bei einem so ungeheuerlichen Verbrechen andere Schuldige zu finden. "Es ist nicht angenehm, dafür kritisiert zu werden, sein Leben gerettet zu haben, wenn man gleichzeitig in Schock und Trauer ist." Und: "Die Debatte darüber, wie sich Überlebende von Terrorangriffen anders hätten verhalten können, ist nicht hilfreich, aber für viele schmerzhaft", sagt er.

Arbeit half bei Trauerbewältigung

In den ersten Tagen und Wochen nach Utøya funktionierte Pedersen wie ein Roboter. Tage kamen ihm wie Wochen vor, Wochen wie Monate: Beerdigungen, Trauerfeiern, Telefonate mit Hinterbliebenen. Gespräche mit Überlebenden. Ihm habe diese Arbeit geholfen, dass er andere trösten, ihnen ein Vorbild sein musste. "Es liegt auch Therapie darin, eine bedeutsame Aufgabe zu haben."

Pedersen ist seit ein paar Monaten Pressesprecher eines großen Nahrungsmittelkonzerns. Utøya war nur einer der Gründe, warum er nicht in der Politik blieb. "Es waren unglaublich harte Jahre. Und ich war bei der Nachwuchsorganisation - eigentlich sollte Politik da leichter sein", sagt er.

Überlebende wollen Utøya zurückerobern

Wie hat ihn das alles verändert? Er wisse es noch immer nicht, sagt er. Jedenfalls eines sei sicher: Er habe weniger Illusionen. Er wisse, dass das Leben sehr dunkle Seiten haben kann. Wenn er an Utøya denke, versuche er, die Gedanken zu normalisieren, darüber zu reden, ohne zusammenzubrechen.

Anfang August werden Simen Mortensen und Eskil Pedersen und viele andere nach Utøya zurückkehren. Sie werden das erste Sommercamp der AUF nach vier Jahren abhalten. Sie wollen sich die Insel zurückerobern.

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