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Der Schock sitzt tief

dpa, Von Petra Knobel und Jenny Tobien

Aktualisiert am 29.07.2019Lesedauer: 3 Min.
Frankfurt/Main: Polizisten und Feuerwehrleute spannen im Hauptbahnhof eine weiße Plane als Sichtschutz vor einen ICE.
Frankfurt/Main: Polizisten und Feuerwehrleute spannen im Hauptbahnhof eine weiße Plane als Sichtschutz vor einen ICE. (Quelle: dpa-bilder)
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Drama an Frankfurter Hauptbahnhof: Ein Mann st√∂√üt Mutter und Sohn vor einen ICE, der Junge stirbt. Was f√ľr ein Motiv k√∂nnte der T√§ter gehabt haben? Und wie gro√ü ist die Gefahr auf Bahnsteigen?

Noch Stunden später flattern die rot-weißen Absperrbänder der Polizei. Mehrere Gleise sind großräumig abgesperrt, damit Experten die Spuren sichern können. Mitten im Frankfurter Hauptbahnhof ist es ungewöhnlich ruhig, die Stimmung wirkt gespenstisch. Am Vormittag, kurz vor 10 Uhr, spielten sich an Gleis 7 grauenhafte Szenen ab. Eine Mutter stand mit ihrem acht Jahre alten Sohn am Bahnsteig, als die beiden plötzlich vor einen einfahrenden ICE gestoßen wurden.

"Das Kind wurde vom Zug √ľberrollt und t√∂dlich verletzt, es starb noch im Gleisbett", sagte Polizeisprecher Thomas Hollerbach. "Der 40 Jahre alten Mutter ist es noch gelungen, sich zur Seite zu rollen und zu retten." Der mutma√üliche T√§ter, der aus Eritrea stammen soll, konnte zun√§chst entkommen. Er wurde aber von Passanten verfolgt; die Polizei konnte ihn schlie√ülich au√üerhalb des Bahnhofs festnehmen. Nach der Tat k√ľndigte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) an, seinen Urlaub zu unterbrechen, um eine Krisensitzung der Sicherheitsbeh√∂rden zu leiten.

Was verleitet jemanden zu einer solchen Attacke? Diese Frage stellen sich nun auch die Ermittler. "Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass T√§ter und Opfer sich kannten", sagte eine Polizeisprecherin. √Ąhnlich war es auch bei einem zweiten Fall am Samstag voriger Woche: Am Bahnhof Voerde (Nordrhein-Westfalen) wurde eine 34 Jahre alte Mutter vor einen Regionalzug gesto√üen und starb. Der 28-j√§hrige Tatverd√§chtige, der sich der Frau wortlos von hinten gen√§hert haben soll, sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Auch hier kannten sich T√§ter und Opfer den Ermittlungen zufolge nicht.

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Bruchteil einer Sekunde

Was k√∂nnte also das Motiv sein? Anruf bei Christian L√ľdke, Kriminalexperte und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut aus Essen: Man k√∂nne nat√ľrlich nur spekulieren, aber oft entwickelten sich solche Taten aus Frust, Wut, Angst oder dem Gef√ľhl, alles verloren zu haben, sagt er. "Das f√ľhrt zu einem Ohnmachtsgef√ľhl. Durch die Gewaltaus√ľbung verwandelt sich diese Ohnmacht in ein Gef√ľhl der Allmacht."

Im Bruchteil einer Sekunde k√∂nne die Stimmung kippen und so eine Attacke ausl√∂sen, sagt L√ľdke. "Der Affekt ist die Mutter aller Gewalttaten, sagt man in der Kriminalpsychologie." Vielleicht sei der Tatverd√§chtige nicht einmal mit dem Plan zum Bahnhof gegangen, jemanden zu t√∂ten. Aber der Psychologe sagt auch: "Niemand wird √ľber Nacht zum M√∂rder. Das ist immer der Abschluss einer langen gest√∂rten Entwicklung."


Eine Patentl√∂sung f√ľr mehr Sicherheit an deutschen Bahnsteigen sieht Thomas Kraft vom Fahrgastverband Pro Bahn Hessen nicht. "Ich wei√ü keinen Rat. Man kann so etwas nicht hundertprozentig verhindern", sagt er. An gr√∂√üeren Bahnh√∂fen wie dem Frankfurter Hauptbahnhof gebe es sogar noch vergleichsweise viel Aufsichtspersonal. An kleinen Bahnh√∂fen oder Haltepunkten k√∂nne letztlich auch jemand aus einer Hecke hervorspringen und Reisende auf die Gleise sto√üen.

Auch Konzepte wie etwa f√ľr gr√∂√üere Bahnh√∂fe in England oder Frankreich, wo Bahnreisende oft nur mit einem Ticket oder erst nach Einfahren des Zugs auf den Bahnsteig gelangen, bringen Kraft zufolge keine v√∂llige Sicherheit. Potenzielle T√§ter k√§men dort eben mit einem Kurzstrecken-Ticket f√ľr wenig Geld auf den Bahnsteig. Bei kurzen Zug-Aufenthalten sei es zudem zeitlich kaum machbar, die Reisenden erst nach Einfahren des Zugs an die Gleise zu lassen. "Eine L√∂sung des Problems ist auf jeden Fall nicht kurzfristig zu finden."

"Irgendwann denken wir nicht mehr daran"

M√ľssen wir uns jetzt also f√ľrchten an Bahnsteigen? "Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu f√ľhlen, wenn ich am Gleis stehe, ist v√∂llig normal", sagt Angstforscher L√ľdke. "In der Psychologie sagt man, die Summe aller √Ąngste bleibt immer gleich bei uns Menschen." Was das bedeute? Es gebe immer ein konstantes Angstniveau. Was sich √§ndere sei dagegen die Richtung oder die Objekte. "Mal haben wir Angst vor Jobverlust, mal vor einem Terroranschlag oder mal davor, dass der Partner sich trennt."


Wenn nun durch die beiden aktuellen Ereignisse unsere Aufmerksamkeit auf die Gefahr an Bahnsteige gelenkt werde, sei das nicht ungewöhnlich. "Dann sind wir vielleicht eine Weile in einer Schonhaltung und besonders aufmerksam, wenn wir am Gleis stehen. Aber irgendwann denken wir nicht mehr daran und das ist auch gut so."

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